16.01.2013

"Stocks"

"Das Magazin wurde nicht heruntergewirtschaftet"

Verlagsgeschäftsführer im Interview.
"Stocks": "Das Magazin wurde nicht heruntergewirtschaftet"

Die Printausgabe von "Stocks" wird eingestellt. Am 30. Januar 2013 erscheint das Anlegermagazin zum letzten Mal. Lebt die Marke "Stocks" auf finanzen.ch weiter? Und: Welche Zukunft ist den Axel-Springer-Titeln "Bilanz" und "Handelszeitung" beschieden? persoenlich.com hat mit Thomas Garms, Verlagsgeschäftsführer von Axel Springer Schweiz, gesprochen. Was genau aus dem Redaktionsteam von "Stocks" wird, bleibt schleierhaft. Das Interview:

Herr Garms, gerade in der momentan verworrenen wirtschaftlichen Situation müsste ein Wirtschaftsmagazin wie "Stocks" gefragt sein. Wieso kann das Magazin nicht weiterexistieren?

Anlegerinformationen verschieben sich immer stärker in die digitale Welt. Der Inserate-Markt im Segment der Finanzwirtschaft und strukturierten Produkte verlagert sich entsprechend auch. Dadurch geht zunehmend die wirtschaftliche Grundlage für ein Magazin in diesem sehr speziellen Marktsegment verloren.

Ende August 2012 haben Sie "Stocks" mit neuem Layout präsentiert und inhaltlich noch stärker auf Magazinjournalismus gesetzt (persoenlich.com berichtete). Zu diesem Zeitpunkt muss also noch Hoffnung bestanden haben. Wie kommt es, dass "Stocks" innerhalb eines halben Jahres so heruntergewirtschaftet wurde?

"Stocks" wurde nicht heruntergewirtschaftet. Chefredaktor Peter Hody und sein Team haben einen hervorragenden Job gemacht. Wir haben bis zuletzt an das Produkt geglaubt, hart an ihm gearbeitet und wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass der Relaunch und die Umstellung auf monatliche Erscheinungsweise richtig war. Auch die ersten Kundenreaktionen waren positiv. Dennoch hat sich der Werbemarkt nicht in dem Masse entwickelt, wie wir es uns erhofft haben. Insbesondere der Finanzmarkt ist weiter rückläufig und auch die anderen Kunden (Lifestyle, Auto, Uhren) reagierten nicht so schnell wie erhofft. Das heisst, die mittelfristige Prognose ist verhalten ausgefallen.

Zehn Personen bekommen in Folge der Einstellung von "Stocks" die Kündigung. In Ihrer Medienmitteilung versprechen Sie sozialverträgliche Massnahmen. Was tun Sie konkret?

Es handelt sich um weniger als zehn Kollegen. Es gibt verschiedene unterstützende Massnahmen. Oberstes Ziel ist, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Bedürfnissen entsprechend und deshalb individuell zu unterstützen. Wie diese Unterstützung konkret aussieht, erarbeiten wird derzeit in persönlichen Gesprächen mit den Betroffenen.

Wie viele Mitarbeiter hat "Stocks" zuletzt insgesamt beschäftigt, und wie viele von ihnen werden jetzt auf finanzen.ch weiterarbeiten können?

Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zu Redaktionsstärken grundsätzlich keine Auskunft geben.

In einem Artikel von persoenlich.com vom Juni 2012 ist von 21 Redaktoren die Rede. Was passiert mit den mehr als elf Mitarbeitern, die keine Kündigung bekommen haben?

Die Information mit 21 Redaktoren ist definitiv unzutreffend. Das sollte korrigiert werden. Von den Personalmassnahmen sind unter 10 Kollegen betroffen.

Wird der Titel "Stocks" auf finanzen.ch vollkommen verschwinden oder als Marke, die mit entsprechenden redaktionellen Inhalten gepflegt wird, weiterbestehen?

Es gibt bereits eine direkte Verlinkung zu finanzen.ch. und bei handelszeitung.ch ein umfangreiches Angebot an Anlegerthemen, Tipps und Hintergrundberichten zu den Finanzmärkten. Wir werden darüber hinaus prüfen, welche weiteren Möglichkeiten es für Stocks digital gibt.

Zum Portfolio von Axel Springer gehören weitere Wirtschaftstitel wie "Bilanz" und die "Handelszeitung". Wie sieht deren Zukunft angesichts schwindender Werbeeinnahmen (gerade aus dem für Sie wichtigen Bankensektor) aus?

"Bilanz" und "Handelszeitung" sind in glänzender publizistischer Verfassung und wirtschaftlich auf Kurs – trotz des schwierigen Marktumfeldes.

Können diese Titel weiterhin mit einer Printausgabe erscheinen oder zeichnet sich kurz- oder mittelfristig ab, dass "Bilanz" und "Handelszeitung" als Printausgaben ebenfalls verschwinden und nur noch unter dem Label finanzen.ch online erscheinen?

Für derartige Szenarien gibt es keinen Grund. Im Übrigen ist finanzen.ch nur ein Teil des Schweizer Wirtschaftsnetzes. Gemeinsam mit handelszeitung.ch und bilanz.ch bieten wir für jedes Informationsbedürfnis hochaktuelle Ankerpunkte. Über ein integriertes Newsdesk versorgen wir die Nutzer an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr mit Nachrichten, Marktanalysen, Kursen und Tipps rund um die private Vermögensplanung. Das Wirtschaftsnetz wird ständig weiterentwickelt, und es sind in den nächsten Monaten eine Reihe von Massnahmen vorgesehen, um das Schweizer Wirtschaftsnetz zur grössten Plattform für Wirtschaftsinformationen in der Schweiz auszubauen.

Ein Kommentator auf persoenlich.com schreibt über finanzen.ch: "ein eingekauftes deutsches Produkt, gesammelte Pressemitteilungen und einzelne Analystenreporte. Das kann wohl keine Online-Strategie sein.“ Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Reine Polemik und keine sehr sachkundige Einlassung, mit Verlaub.

Jörg Tobuschat, Geschäftsführer Programm- und Wirtschaftsmedien bei Axel Springer Schweiz, sprach gegenüber persoenlich.com von der "explosionsartigen Entwicklung von Nutzer- und Umsatzzahlen" bei finanzen.ch. Bauen Sie für das Portal dementsprechend die journalistische Kompetenz aus?

Da hat mein Kollege Tobuschat nicht übertrieben. Beispielsweise bei den Unique Clients haben wir in 2012 gegenüber dem Vorjahr um rund 180 Prozent zugelegt. Grundsätzlich: Wir sollten aus obengenannten Gründen bitte vom Schweizer Wirtschaftsnetz reden. Dieses wird ständig weiterentwickelt, und es sind in den nächsten Monaten eine Reihe von Massnahmen vorgesehen, um dieses zur grössten Plattform für Wirtschaftsinformationen in der Schweiz auszubauen.

Sie sagen, der Inseratemarkt im Segment der Finanzwirtschaft und der strukturierten Produkte verlagere sich zunehmend ins Internet. Kann finanzen.ch gegenüber anderen Portalen da besonders profitieren?

Ja. Wir konnten im vergangenen Jahr ordentlich zugelegen und haben Anzeichen, dass wir auch in 2013 weiterhin gut vorankommen.

Wirtschaftszeitungen und –zeitschriften sind von einem doppelten Strukturwandel, einerseits von den Medien, andererseits von den Banken, betroffen. Welche Zukunft sehen Sie für solch spezialisierte Wirtschaftsmedien in der Schweiz im Allgemeinen?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Grundsätzlich gibt es ein Bedürfnis nach verlässlicher, aktueller und exklusiver Information. Wer diese liefern kann, hat schon mal die wichtigsten Hausaufgaben gemacht. Den Rest entscheidet der Markt.

Interview: Benedict Neff

 


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