27.10.2014

Qualität der Medien

"Das Reflexionsniveau gegenüber der eigenen Branche ist tief!"

Wie hoch ist das Niveau der Schweizer Medien wirklich? Der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof hat am Montag in Bern zum fünften Mal das Jahrbuch "Qualität der Medien" vorgestellt, welches das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich herausgegeben hat. Der Befund ist niederschmetternd: Noch nie sei der Zustand der Schweizer Medien so schlecht gewesen, behaupten die Autoren des Buches, das von der Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft inspiriert wurde.
Qualität der Medien: "Das Reflexionsniveau gegenüber der eigenen Branche ist tief!"

Herr Imhof, Sie untersuchen den Zustand der Schweizer Medien seit fünf Jahren. Ist dieser wirklich so schlecht, wie Sie behaupten?
Ja, die Anzahl Gratis- und Boulevardmedien on- und offline hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Seit 2010 ist ihre Reichweite um ein Drittel angestiegen. Die Mehrheit der Leute informiert sich mittlerweile über diese Kanäle. Der Informationsjournalismus hingegen, der bislang die politische Debatte prägte, befindet sich in starker Defensive. Was wir feststellen, ist eine Diktatur der Reichweite, die allmählich jeglichen Qualitätsanspruch verdrängt.

"Diktatur der Reichweite" ist als wissenschaftliche Bezeichnung doch etwas gar wertend.
Überhaupt nicht. Wir benennen damit nur den Haupttreiber des Journalismus – und das sind heute die Werbeeinnahmen, die sich mit zunehmendem Mass Richtung Unterhaltung und Gratisangebote on- und offline verschieben. Der Kaufjournalismus muss dagegen die Abonnementen- und Kioskpreise erhöhen. Dies verschärft den ganzen Strukturumbruch, in welchem sich die Medien momentan befinden, zusätzlich. Wer auf Qualität und Verkauf setzt, verliert. Wer auf gratis und Reichweite macht, gewinnt. Diese Dynamik zerstört die journalistischen Infrastrukturen, die wir in der föderalistischen Schweiz benötigen.

Sie sprechen dabei von "qualitätsniedrigem Journalismus", der sich überall breitmacht. Aber könnte es nicht sein, dass dieser das Bedürfnis des Publikums abdeckt?
Dieser Einwand ist sicher berechtigt. Es ist schlussendlich das Angebot, welches die Nachfrage prägt. Dies stellten bereits die grossen Soziologen Adorno und Horkheimer fest. Das Internet etwa wurde erst durch die Pornografie gross. Ähnlich ist es im Journalismus von heute: Publiziert wird oftmals nur noch das, was auch Klicks generiert oder auf den sozialen Medien weiterverbreitet wird. Was wir hingegen immer mehr vermissen, ist journalistische Relevanz, die dem Bürger staatspolitischen Rückhalt bietet. Gleichzeitig realisieren wir auch, wie die journalistische Berufskultur erodiert. Native Advertising etwa wird bei Watson gleich von Journalisten selbst gemacht.

Inwiefern?
Die dauernden Sparrunden, die mittlerweile in vielen Verlagshäusern stattfinden, führen zu einer Industrialisierung der Newsproduktion und zur Schwächung des Ressortjournalismus zugunsten des Allroundjournalismus. Die sogenannten Newsrooms, die neuen Werkshallen des Journalismus für verschiedene Titel, prägen die Arbeit unter massiv gestiegenen Effizienzkriterien und dem Druck von Klickratenerfolgen. Nicht zuletzt, weil es durch den Konzentrationsprozess nicht mehr viele Arbeitgeber gibt, ist der Widerstand auf Seiten der Journalisten gehemmt. So kann doch nicht die Zukunft der Medienbranche aussehen!

Sie werfen also den Medien vor, dass sie sich viel zuwenig mit diesen Problemen auseinandersetzen.
Das Reflexionsniveau der Medien gegenüber der eigenen Branche ist in der Schweiz tief. Wir haben kleine Absatzmärkte, drei Sprachregionen und eine föderalistische Demokratie, die ohne einordnenden Journalismus nicht auskommt. Die Branche selbst malt eine öffentliche Förderung, etwa von Redaktionen, in den schwärzesten Farben und weigert sich anzuerkennen, dass sie gleichzeitig durch einen Markt zermahlen wird. Einen Markt zudem, den die Branche durch Gratisangebote selbst zerstört hat. Wir müssen etwas tun, um redaktionelle Strukturen zu erhalten. Eine Demokratie hat nur als informierte ihre freiheitsverbürgende Qualität.

Was müsste man ändern?
Die Medienkompetenz muss bereits in den Schulen gefördert werden. Es kann nicht sein, dass die Schüler bloss über Porno- und Gewaltseiten aufgeklärt werden, dafür aber die Unterschiede journalistischer Leistungen in der Berichterstattung nicht mehr erkennen. Zu unserer Zeit wusste man, dass man nicht mit dem "Blick" zu einem Rendezvous gehen muss, um ans Ziel zu gelangen. Heute fehlt ihnen diese Distinktionsfähigkeit und sie kommen trotzdem nicht ans Ziel (lacht). Ausserdem gilt es, die Redaktionen zu fördern. Dies insbesondere – wie das Eidgenössische Medienkommission vorschlägt – auf der Ebene der Kantone. Es kann nicht angehen, dass diese Berichterstattung immer mehr wegbricht.

Welche Medien konsumieren Sie persönlich?
Ich lese jeden Tag die NZZ. Obwohl sie im Wirtschaftsteil vollkommen an ihren Lesern vorbeischreibt, ist sie in der Auslandberichterstattung aufgrund ihres gross angelegten Korrespondentennetzes immer noch unübertroffen. Doch auch die NZZ hat sich – vor allem im Internet – gegenüber dem Trend zu den Softnews geöffnet. Die Geschichte über die Pornosekretärin im Bundeshaus ist ein Beispiel. Das Reichweiten-Diktat treibt alle vor sich her. Die Distinktionsfähigkeit, die die NZZ früher gegenüber dem Boulevardjournalismus hatte, ist geschwunden. Daneben schaue ich Schweizer Fernsehen und konsumiere regelmässig die wichtigsten Schweizer Onlineseiten und natürlich alle Sonntagszeitungen.

Hätte man die "Pornosekretärin im Bundeshaus" nicht bringen dürfen?
Das ist klassischer Boulevard. Wir haben immer mehr solcher "Hypes", die durch alle Medien bewirtschaftet werden. Dieses Jahr etwa der Fall "Geri Müller", welcher bisher das Thema dieses Jahres war und wegen seiner moralisch-emotionalen Komponente am meisten Aufmerksamkeit generierte. Dies ist typisch für die ganze Mediensituation. Themen, die man früher eindeutig dem Boulevardjournalismus zuordnen konnte, werden mittlerweile auch von den Qualitätstiteln behandelt und tragen zum Medienhype bei. Vor einem Jahr war dies der Fall "Carlos".

Hand aufs Herz, Herr Imhof. Wer ist gegenüber unserer Branche kritischer: Ueli Maurer oder Sie?
Wir sind uns beide einig, dass die Vielfalt stark abgenommen hat. Die Themenagenden haben sich angeglichen und auch die Form der Berichterstattung. Er betont dabei die Faulheit der Journalisten stärker als die deutlich schlechter gewordenen Rahmenbedingungen journalistischen Arbeitens, die er auch ins Feld führt. Wir betonen nur Letzteres.

Interview: Matthias Ackeret/Bild: Keystone


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