Herr Mugglin, Sie arbeiten mit Unterbrüchen seit 25 Jahren für das "Echo der Zeit". Was hat sich in dieser Zeit am Sendeformat verändert?
Mehr als viele wohl vermuten - jedenfalls rein äusserlich. Früher begann das "Echo" nach den Nachrichten. Seit mehr als 15 Jahren sind die News ins "Echo" integriert. Wir achten mehr auf Sendedramaturgie als früher - auch wenn sie nach wie vor nicht den Inhalt bestimmen darf. Der Anspruch ist unverändert: Das "Echo" will mehr sein 'als blosser Schall, als der Wiederhall von Schlagzeilen', wie es der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger im "Echo"- Jubiläumsbuch treffend formuliert hat. Wir berichten über die Aktualität in der Nähe und in der Ferne und über deren Hintergründe.
Wie schaffen Sie es in Ihrer Sendung immer wieder ausgewiesene, oftmals international bekannte Experten als Kommentatoren zu gewinnen?.
Ganz einfach eigentlich, wenn man die Debatten zu den grossen und relevanten Themen der Aktualität verfolgt - sei es zur Euro-, Finanz- oder Bankenkrise, zum arabischen Aufbruch, zum Aufstieg Chinas usw. Da tauchen auch immer Namen auf, die für erstklassige Expertise stehen. Es gilt diese nachher nur ausfindig zu machen. Nur so lässt sich der Anspruch des "Echo" erfüllen, den ich darin sehe, das internationale und nationale Geschehen mit bestem Expertenwissen für das Publikum verständlich zu machen.
Machen Sie auch die Beobachtung, dass in den Medien immer seltener Journalisten als Experten herbeigezogen werden?
Diese Tendenz gibt es in vielen Medien, aber nicht in allen. Expertenwissen ergänzt den Fachjournalismus, darf ihn aber nicht verdrängen oder gar ersetzen.
Wann ist ein Thema für das "Echo der Zeit" relevant?
Diese einfache Frage präzise zu beantworten ist schwierig, weil der Begriff Relevanz im Informationsgeschäft nicht einfach zu definieren ist. Für das "Echo" gilt, dass die Sendung über das aktuelle Weltgeschehen reflektiert mit der Schweiz im Zentrum - das ist die "Echo"-Formel. An gewissen Tagen stehen internationale Themen im Vordergrund, an anderen Tagen schweizerische Themen, manchmal geht es vor allem um Wirtschaftsfragen. Jeder Tag ist anders. Klar ist: Nicht die geografische Nähe entscheidet über die Themensetzung. Und zur Aktualität. Sie bildet das Kerngeschäft. Aber auch trendaktuelle Themen müssen Platz finden.

Wie halten Sie die Stellung als kritisches Qualitätsmedium, das vertiefen und Hintergründe liefern will, in einer Branche, die stetig boulevardhafter wird?
Qualitätsmedien werden damit als Alternativen nur noch wichtiger. Die grosse HörerInnenzahl von über einer halben Million pro Tag zeigt auch, dass Qualität weiter gefragt ist. In einer Beziehung braucht es aber keine Distanzierung vom 'Boulevard'. 'Human Touch' verbunden mit Relevanz hat vieles für sich. Mit Reportagen aus Afrika oder Asien, aber auch aus der Schweiz lassen sich manche Fragen eindrücklicher schildern als über Berichte aus Parlamenten oder über Regierungsbeschlüsse. Es geht stärker als früher um die Frage, wie wir über relevante Themen berichten. Mit dem Argument, ein Thema ist wichtig, ist noch nicht definitiv geklärt, ob es ein Thema ins "Echo" schafft.
An welchen anderen Medien orientieren Sie sich?
Viele Medien - nationale und internationale - sind als Vergleichsgrösse und als Inspirationsquelle wichtig. Presseerzeugnisse, elektronische Medien, Blogs usw. usf. Für mich waren in den turbulenten Finanzzeiten vor allem die "Financial Times" - die englische und die deutsche Variante - "The Economist" und "Le Monde Diplomatique" wichtig. Eine reiche Quelle von Ideen sind auch Dutzende von Web-Sites aus den verschiedensten Weltregionen. Und als wir letztes Jahr das "Echo" äusserlich sanft renovierten, liessen wir uns auch von verwandten Info-Gefässen aus den verschiedensten Ländern beeinflussen. Wir stellten aber auch fest, dass das "Echo" den internationalen Vergleich nicht scheuen muss.
Könnte ein Schweizer Privatradio eine Nachrichtensendung von Qualität und Aufwand des "Echo der Zeit" überhaupt realisieren oder ist dies dem staatlichen Rundfunk vorbehalten?
Ich vermute nicht, dass Schweizer Privatradios gleich ziehen könnten. Insbesondere ein Netz von Auslandkorrespondenten kostet viel. Aber unabhängig von der Geldfrage vermute ich, dass die Privatradio kaum viel Mittel für eine umfassende Auslandsberichterstattung aufwenden möchten.
Was hat sich beim "Echo der Zeit" in der Auslandberichterstattung verändert?
Zuerst, was sich nicht verändert hat. Die Auslandberichterstattung ist dem "Echo" sehr wichtig - weiterhin. Was sich verändert hat - da gibt es verschiedene Dinge, wenn ich zurückschaue auf meine ersten "Echo"-Jahre. Die Auslandberichterstattung ist heute häufiger eine Ergänzung zur Inlandberichterstattung - denken wir nur an die Auseinandersetzungen rund ums Bankgeheimnis, oder die Frage der Personenfreizügigkeit, die Frage des Islam, die Schweiz als Drehscheibe des internationalen Rohstoffhandels usw. Ausland- und Inlandberichterstattung ergänzen sich häufiger als früher sehr direkt.
Auch die Welt als Global Village beeinflusst die Auslandberichterstattung. Denken wir an die Frage der internationalen Migration, oder was gehen uns die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Foxconn-Werkhallen an. Oder die globale Finanzkrise, die Eurokrise. Das heisst, viele Dinge die ausserhalb unserer Grenzen passieren, betreffen uns viel direkter als das noch vor 20 Jahren der Fall war. Das schlägt sich in der Berichterstattung nieder - wenn auch nach meiner Einschätzung noch zu selten. Die Auslandberichterstattung ist schliesslich heute weniger stark fokussiert auf das Geschehen in den Regierungsvierteln. Das ist zwar weiterhin das Kerngeschäft. Aber die Korrespondentinnen und Korrespondenten sind häufiger unterwegs mit dem Mikrofon, holen die Stimmen der Bevölkerung ein, spüren in Distanz zu den Machtzentralen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen nach. Das erklärt uns auch häufig mehr über Entwicklungen, die früher oder später die grosse Aktualität bestimmen.
Wie erklären Sie es sich, dass die Rolle der "einfachen Bevölkerung" in der Berichterstattung aufgewertet wurde?
Es ist oft schlicht spannender über die Bevölkerung grösseren Veränderungen auf die Spur zu kommen. Beiträge lassen sich so auch attraktiver gestalten, die Hörerinnen und Hörer sprechen auch sehr gut an auf solche Reportagen. Das konnten wir in speziell durchgeführten Befragungen feststellen.
Sie bringen verhältnismässig viele Berichte aus Regionen, die in den restlichen Medien tendenziell unterrepräsentiert sind, etwa aus Afrika, der ehemaligen Sowjetunion etc. Andere Medien strapazieren diese Gebiete gerade nicht, weil sie fürchten, Ihr Publikum zu langeweilen. Was steckt hinter Ihrem Engagement?
Die gerade erwähnten Befragungen haben uns gelehrt, dass Echo-Hörerinnen und -Hörer sich nicht gelangweilt abwenden, wenn wir über ferne Gebiete berichten. Was aber klar ist: Bei solchen Themen sind die Anforderungen ans "Storytelling" höher. Es braucht mehr als nur durchschnittliche Beiträge, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Wenn das der Fall ist, dann lässt sich das im besten Sinne neugierige Publikum gerne in ihm oft fremde Welten entführen.
Die SVP jammert immer wieder über die Linkslastigkeit der Schweizer Medien. Ihre Sendung ist in diesem Zusammenhang ein beliebter Referenzpunkt der Partei. Christoph Blocher meinte etwa in der "SonntagsZeitung": "Meistens höre ich beim Autofahren 'Echo der Zeit'. Da wird es mir manchmal schlecht ob der Einseitigkeit." Was sagen Sie zu solchen Feedbacks?
Jedes Urteil über das "Echo" reflektiert auch den Blickwinkel der urteilenden Person. Also können auch Hörerurteile einseitig sein. Entsprechend gibt es Kritik, aber noch häufiger Lob. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Einschätzung eines angesehenen Schweizer Wirtschaftsführers, mit dem wir kürzlich über unsere Arbeit diskutiert haben. Wir stellten ihm die Frage, wie er das "Echo der Zeit" politisch einordne. Der Mann überlegte einen Moment und meinte dann, dass er die Sendung im Spektrum Links-Rechts nicht zuordnen könne. Er erwähnte aber auch, dass er sich zuweilen eine kritischere Berichterstattung vorstellen könnte. Ich schliesse nicht aus, dass auch mal einseitige Beiträge ins Programm kommen. Der Anspruch ist nicht, dass jeder Beitrag ausgewogen ist. Insgesamt geht es um Ausgewogenheit, um Vielfalt, um unterschiedliche Sichtweisen. Und nicht nur deshalb, weil das der Service Public-Auftrag gebietet. Eine vielfältige Berichterstattung mit gegensätzlichen Positionen ist auch spannender als nur aus einer Position heraus zu informieren. Thesenjournalismus ist nicht das Ding des "Echo".
Wie sieht es bezüglich der Entwicklung der Hörerzahlen über die Jahre aus? Und: Wer hört sich Ihr Sendeformat an?
Die HörerInnenzahlen gehen zurück - jedenfalls auf DRS 1. Hier verlieren wir mehr oder weniger im Gleichschritt mit dem Sender. Der Rückgang für das Echo ist aber weniger dramatisch, als im 'Jahrbuch 2011 Qualität der Medien' beschrieben. Zu beachten ist immerhin, dass zumindest ein Teil der Verluste auf DRS 1 kompensiert wurde durch DRS 4 News, das Info-Programm, das vor fünf Jahren gestartet wurde. Und wer hört das "Echo": Etwas mehr Frauen als Männer, mehr ältere Leute als jüngere. Und bildungsmässig ist die Hörerschaft - für manche vielleicht überraschend - durchaus nicht sogenannt elitär.
Welchen Stellenwert hat der Podcast?
Der Podcast bietet neue Chancen, die auch genutzt und sehr geschätzt werden. Das "Echo" erhält ausgezeichnete Bewertungen. Das grosse Publikum wird aber nach wie vor über die traditionellen Kanäle erreicht.
Sie gehen diesen Monat in Pension, wie gestaltet sich Ihre persönliche Zukunft?
Der Journalismus lässt mich noch nicht los. Ich werde wieder vermehrt selber texten über Themen der globalen Wirtschaft. Wo, wann und in welchem Rhythmus wird sich zeigen. Ich habe einige Ideen. Gewiss ist vorerst, dass ich auf DRS 4 News monatlich einmal Wirtschaftsbücher rezensieren werde. Vielleicht lässt sich auch das auf attraktive Art machen. Es wird zu hören sein ab November. Und daneben habe ich ein paar Dinge für die nächsten Monate vereinbart.
Wenn Sie zurückblicken, welches war für Sie in journalistischer Hinsicht die aufregendste Zeit Ihrer Karriere?
Spannend war die Zeit in Brüssel, als sich die EU auf das Euro-Abenteuer vorbereitete. Da gab es manche Polit-Tricks und -Unterlassungen, die schon damals als problematisch bewertet werden konnten. Noch spannender waren für mich die weltwirtschaftlichen Entwicklungen ab Ende der 90er Jahre bis zum Ausbruch der globalen Finanzkrise. Es begann mit der Asienkrise, es folgte das Diktat der 'alten Mächte', das Aufbegehren des Südens und der Nicht-Regierungsorganisationen, ganz besonders in Seattle, die neue Stärke der aufstrebenden Länder angeführt von China. Diese Entwicklungen haben den 'Geruch des Historischen' mit dem Scheitern der von den USA angeführten Wirtschaftspolitik oder mit der neu aufkommenden Mächtegeografie in der Welt. Auch die klimapolitischen Auseinandersetzungen von Bali bis Kopenhagen 2007 bis 2009 waren aufregend. Diese Entwicklungen konnte ich als Berichterstatter aus der Nähe begleiten. Darüber durfte ich nicht nur berichten, ich habe auch viel gelernt über das Funktionieren der Politik hinter den Konferenz-Fassaden.
Interview: Benedict Neff

