13.10.2010

"Der Klartext ist heute vor allem weniger polemisch"

Heute feiert das Medienmagazin "Klartext" seinen 30. Geburtstag. Das von einer unabhängigen Stiftung herausgegebene Magazin machte sich in der Schweizer Medienlandschaft mit kritischen Interviews und gut recherchierten Hintergrundgeschichten einen Namen. Doch ein gutes Heft verkauft sich nicht von alleine. "Wir spüren die harte Gangart im Abo- und Inseratemarkt", sagt Stiftungsrat-Präsidentin Marianne Erdin gegenüber "persoenlich.com". Was heisst das für die Zukunft? Ein Zusammengehen mit einem anderen Medienmagazin? Zum Interview:
"Der Klartext ist heute vor allem weniger polemisch"

Frau Erdin, seit 30 Jahren gibt es nun den "Klartext". Wie hat sich die Medienmarke über die Jahre entwickelt?

Der "Klartext" ist als traditionsreiche Marke und ältestes Medienmagazin der Schweiz heute ein gut positioniertes Heft. Dies dank kompetenter und kontinuierlicher Redaktionsarbeit mit langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich selber bin mit dem "Klartext" gross geworden. Das Heft begleitet mich seit meiner Zeit als Volontärin. Heute, als Stiftungsrätin, weiss ich: Auch ein gutes Heft verkauft sich nicht von allein. Wir spüren die harte Gangart im Abo-und Inseratemarkt.

Was waren die Höhe- beziehungsweise Tiefpunkte in der Geschichte des "Klartext"?

Tragisch war sicher der frühe Tod von Max Jäggi, Redaktor und prägende Figur von "Klartext". Ich habe ihn persönlich leider nie kennen gelernt. Tiefpunkte waren finanzielle Krisen, die wir meistern mussten. Zu den Höhepunkten gehören für mich die ausgezeichneten grossen Interviews mit allen wichtigen Medienfiguren der Schweiz. Die pointiertesten und denkwürdigsten Aussagen aus 30 Jahren stehen in der aktuellen Jubiläumsausgabe. Es ist eine Begegnung mit vielen alten Bekannten aus der Medienszene.

Wie stark spürt der "Klartext" den Umschwung in der Medienlandschaft Schweiz?

Die Arbeit im Medienbereich beschränkt sich nicht mehr nur auf journalistische und redaktionelle Arbeit. Viele klassische Medieninhalte sind kostenlos verfügbar. Medienprofis stehen in Konkurrenz zu kostenlos arbeitenden Laien. Für Inserenten eröffnen sich neue Wege, um Anzeigen zu platzieren. Der "Klartext" muss diese Entwicklung inhaltlich begleiten, indem er für alle schreibt, die sich für die Innensicht der Kommunikationsbranche interessieren. Also nicht nur für Journalisten im klassischen Sinne.

Mit "Edito" und dem "Schweizer Journalist" buhlen drei Medienmagazine um die Gunst der Leser. Macht diese Vielfalt angesichts des doch sehr kleinen Marktes überhaupt Sinn?

Ja, sicher. Ich bin für Vielfalt und Konkurrenz. Jeder nach seinem Geschmack.

Inwiefern unterscheidet sich der "Klartext" inhaltlich von den anderen zwei Medienmagazinen?

Bei uns steht die kritische Debatte im Vordergrund. Der "Klartext" konzentriert sich mit langfristigem Fokus auf Reflexion und Diskussion über die Medienlandschaft und den Medienwandel statt die Ereignisse bloss abzubilden.

Ist eine Zusammenlegung der Magazine denkbar? Immerhin stehen hinter "Klartext" und "Editio" die führenden Journalistenverbände.

Sage niemals nie.

Der Klartext hatte in der Vergangenheit einen starken Fokus auf Verleger- und Printthemen. Sind thematische Anpassungen geplant? Beispielsweise mehr Online- oder New-Media-Themen?

Diese thematische Ausweitung ist bereits passiert. Sie wurde massgeblich von unserem jungen Chefredaktor, Nick Lüthi, vorangetrieben. Er gehört, im Gegensatz zu mir, zu den digitalen Eingeborenen.

Das Heft hat einen Relaunch hinter sich. Was hat die Formatänderung gebracht?

Sie hat uns neue Abonnenten gebracht und eine grosse Symphatiewelle unter Leserinnen und Lesern, die den Relaunch finanziell unterstützt haben. Zudem wurde unser Webauftritt ebenfalls aufgefrischt. Heft und Web kommen zeitgemäss daher.

Wir haben das Gefühl, dass der Klartext heute weniger bissig ist als früher. Täuscht der Eindruck?

"Klartext" ist heute vor allem weniger polemisch, ja. Ich selber werde an unseren Veranstaltungen immer wieder von sogenannten "Klartext"-Opfern aus alten Zeiten angesprochen, die mir haarsträubende Geschichten von unterlassenen Recherchen erzählen. Mein ehemaliger Chef bei SF, Peter Studer, gehört laut eigener Aussage dazu.

Wie sehen Sie den Stellenwert der Medienkritik. Ist der kritische Medienjournalismus in der Schweiz eine aussterbende Gattung?

Im Gegenteil! Gerade in Zeiten des Umbruchs ist nachhaltige Medienberichterstattung, die über das kurzfristige Rapportieren einzelner Ereignisse hinaus geht, wichtiger denn je. Eine unserer zentrale Fragen bei Klartext ist die Betrachtung des Medienwandels unter dem Aspekt der demokratischen Funktion der Massenmedien.

Der "Klartext" hat bis heute noch keinen Nachfolger von Nick Lüthi bekannt gegeben. Was sind die Gründe? Können Sie uns mehr verraten?

Nick Lüthi hat sich mit grossem persönlichen Einsatz und unter teilweise schwierigen Bedingungen für den "Klartext" engagiert, unterstützt von einem hoch motivierten Redaktionsteam. Ihn ersetzt man nicht so leicht.

Interview via Mail: Christian Lüscher


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