"Sparrunde und Machtkampf bei der NZZ" titulierte der "Tagesanzeiger" am 4. September und plauderte aus dem Nähkästchen, was intern bei der NZZ beschlossen wird, welche Sparübungen in Aussicht stehen und pikant , dass Felix E. Müller aus der Geschäftsleitung ausgeschieden ist, obwohl sich der Chefredaktor der "NZZ am Sonntag" erfolgreich mit schwarzen Zahlen auszeichnen kann (persoenlich.com berichtete). Persoenlich.com hat sich nach der internen Informationsveranstaltung für die Mitarbeiter von NZZ und "NZZ am Sonntag" vom Dienstag, 11. September, bei Bettina Schibli, Leiterin Unternehmenskommunikation der NZZ-Mediengruppe, zu einigen Inhalten der Veranstaltung und Behauptungen des Tagesanzeiger-Artikels erkundigt.
Masseinheit bleibt die Jahreszeit
Die Behauptung, wonach die angekündigte Paywall für NZZ.ch aufgrund rückläufiger Besucherzahlen auf "unbestimmte Zeit" verschoben sei, ist laut Schibli nicht korrekt: "Wie bereits mehrfach seit Juni offiziell informiert, wird die Paywall im Herbst eingeführt." Digital-Chef Peter Hogenkamp sekundiert mit einem Kommentar auf dem persoenlich.com-Blog gar: "Wir liegen gut im Zeitplan." Hogenkamp weiss die Galgenfrist für seine Paywall genau und hat sich im Kalender kundig gemacht. "Der Herbst dauert bis zum 21. Dezember", berichtet er dem "Tagesanzeiger". Einen genauen Termin will die NZZ gegen Aussen aber partout nicht kommunizieren Masseinheit bleibt die Jahreszeit.
Zukunft von Equity und Stil-Bund
Dass die Anfang 2012 lancierte Wirtschaftsbeilage Equity wieder gestrichen oder zumindest von Sparmassnahmen betroffen sein soll, will Schibli ebenfalls nicht bestätigen. Equity sei eines von vielen Themen, die im Rahmen des Budgetprozesses diskutiert werden. "Zum heutigen Zeitpunkt kann festgehalten werden, dass die Wirtschaftskompetenz weiterhin ein strategischer Schwerpunkt der NZZ bleiben wird."
Ein klares Bekenntnis legt Schibli zum Stil-Bund der "NZZ am Sonntag" ab, dessen Erfolg und Rentabilität vornehmlich ein Infosperber-Artikel deutlich anzweifelte: "Geld verlochen mit sexy Lifestyle" schrieb Christian Müller und legte gleich seine Milchbüchlein-Rechnung für die NZZaSo-Stil-Beilage bei. "Eine Einstellung des Stil-Bundes steht grundsätzlich nicht zur Debatte, im Gegenteil soll er im jetzigen Format bestehen bleiben", bestätigt die Sprecherin der NZZ. Gleichwohl sollen beim Stil-Bund Kosten gesenkt werden, und zwar bei der Produktion. Auf Anfrage, wie diese Einsparungen erzielt werden sollen, meint Schibli knapp: "durch Insourcing".
Felix E. Müllers Ausschluss aus der Geschäftsleitung
Nachdem an der Informationsveranstaltung für die NZZ-Mitarbeiter "Equity", Stil-Beilage und Paywall angesprochen wurden, erstaunt es, dass auf Felix E. Müllers Ausscheiden aus der Geschäftsleitung offenbar mit keinem Wort eingegangen wurde. Ist Müllers Ausschluss von zu marginalem Informationswert, als dass er eine Erwähnung verdient?
Die entsprechende Nachfrage löst bei Schibli einen wahren Sermon aus: "2011 war Markus Spillmann als Leiter Publizistik auch Gesamtverantwortlicher für den Geschäftsbereich NZZ und Vorsitzender der Geschäftsleitung. In dieser Zeit war Müller Mitglied der Geschäftsleitung. Mit der Reorganisation des Geschäftsbereichs 2012, der Übernahme des Konvergenzprojektes durch Spillmann und gleichzeitigen Übernahme der kommerziellen Gesamtleitung durch den CEO wurde auch die Geschäftsleitung vollständig neu organisiert. Einsitz nimmt dort wie auf Gruppenstufe nur noch der Gesamtverantwortliche Publizistik Markus Spillmann, an den wie bisher schon der Chefredaktor der NZZ am Sonntag berichtet." Müllers Sitz wurde demnach ersatzlos gestrichen, seine Anliegen muss Müller jetzt also über den Dienstweg, will heissen über Spillmann, in die Geschäftsleitung tragen.
Falsche Gerüchte kolportiert
Der "Tagesanzeiger" behauptete, der NZZ-Verwaltungsrat hätte an seiner Sitzung vom 3. September über diverse Sparmassnahmen entschieden. Schibli stellt das grundlegend in Abrede: "Korrekt ist, dass der Tagesanzeiger falsche Gerüchte kolportierte." Die NZZ befinde sich derzeit im Budgetprozess 2013, das ordentliche Budget werde vom Verwaltungsrat im November abgenommen. Schibli resümiert: "Bis dahin kann festgehalten werden, dass die NZZ nicht in einer Sparübung steckt." (bn)

