Frau Shafy, Sie haben als erste Schweizer Journalistin die Titelstory des "Spiegels" alleine geschrieben. Wie kamen Sie zu dieser Ehre?
Das war keine besondere Ehre, sondern ganz gewöhnliche Arbeit: Ich habe das Thema vorgeschlagen, und Ressortleitung und Chefredaktion kamen zum Schluss, dass es sich für einen Titel eigne. Das hat mich natürlich gefreut.
Sie schreiben über die Macht der Angst. Wie lange und wo haben Sie an diesem Thema recherchiert?
Es waren vor allem zwei einzigartige Langzeitstudien an der Harvard University, die mein Interesse weckten. Ein Forschungsteam um den renommierten Entwicklungspsychologen Jerome Kagan hat dort seit über 30 Jahren Hunderte von Babies bis ins Erwachsenenalter immer wieder untersucht und dabei entdeckt, wie sehr die angeborene Ängstlichkeit die Persönlichkeit und das Leben prägt. Vor kurzem hat die Gruppe wieder neue, hochspannende Erkenntnisse veröffentlicht. Ich habe im Vorfeld mit den Angstforschern in Harvard und an anderen amerikanischen Universitäten gesprochen, außerdem mit führenden Wissenschaftlern in Deutschland. Hilfreich war auch, dass mir die Harvard-Forscher ermöglichten, mehrere Studienteilnehmer persönlich zu treffen. Insgesamt habe ich vielleicht vier oder fünf Wochen lang an dem Thema gearbeitet.
Was gibt beim "Spiegel" Ausschlag für die Titelstory?
Darüber entscheidet die Chefredaktion. Bei einem Nachrichten-Magazin ergeben sich natürlich auch viele Titel aus der Aktualität heraus.
Wie viele Leute bearbeiten zusätzlich eine solche Geschichte?
Was den "Spiegel" in dieser Frage von den meisten anderen Publikationen unterscheidet, ist die Dokumentationsabteilung. In jedem Ressort gibt es mehrere "Faktenüberprüfer" mit speziellen Fachgebieten, die jede Geschichte und jede Meldung hochpenibel auf etwaige sachliche Fehler oder Ungenauigkeiten durchforsten. Ein Beispiel: In der Angst-Geschichte hatte ich ursprünglich ein Zitat des britischen Kriegsministers Winston Churchill. Doch der Dokumentar, der die Geschichte verzifizierte, verblüffte mich mit dem Hinweis, dass Churchill diesen Satz nicht etwa als Kriegsminister gesprochen habe, sondern schon anno 1898 als Kriegsberichterstatter. Derartiges Faktenprüfen ist ein besonderer Aufwand, den nur wenige Medien betreiben können. Meiner Meinung nach ist das eine der besonderen Stärken des Spiegels.
Sie sind seit fast 4 Jahren Wissenschaftsjournalistin beim "Spiegel". Wie sind Sie zu diesem Job gekommen?
Ich war schon als Kind neugierig und habe mit Leidenschaft Geschichten geschrieben, deshalb wusste ich auch schon früh, dass ich Journalistin werden wollte. Ich habe an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften studiert und nebenbei für verschiedene Schweizer Medien gearbeitet, am Anfang für die Mittelland Zeitung und die "Schweizer Illustrierte", später für den "Tagi" und die "NZZ". Während des Studiums habe ich auch angefangen, für deutsche Medien zu schreiben, für "Die Welt", "GEO" und den "Spiegel". Dann zog ich nach Berlin, um bei der Entwicklung der deutschen "Vanity Fair" mitzuhelfen. Kurz darauf kam das Angebot vom "Spiegel".
Wodurch unterscheidet sich die Arbeit beim "Spiegel" von einer anderen journalistischen Tätigkeit?
Die Arbeit beim "Spiegel" ist ein Traumjob. Wir sind privilegiert, weil wir relativ viel Freiraum bei unserer Themenwahl haben - und nach wie vor die Möglichkeit, eigene Geschichten vor Ort zu recherchieren. Die Abläufe im Haus sind sehr gut eingespielt, und sie funktionieren besonders reibungslos, wenn der Zeitdruck hoch ist. Ich mochte sowohl das schnelle, manchmal hektische Arbeiten bei den Tageszeitungen, als auch das ruhige, gründliche Recherchieren bei einem Monatsmagazin wie "GEO" - und der "Spiegel" ist eine ideale Kombination aus beidem.
Mit Beat Balzli ist soeben ein anderer Schweizer "Spiegel"-Journalist in die Schweiz zurückgekehrt. Wie gross ist nun die Schweizer Fraktion beim "Spiegel"?
Schweizer sind zwar nicht zahlreich, dafür aber auch auf höchster Ebene vertreten: Einer unserer beiden Chefredakteure, Matthias Müller von Blumencron, ist deutsch-schweizerischer Doppelbürger. Sonst gibt es leider nur noch einen Kollegen im Auslandsressort und mich. Etwas mehr Verstärkung fände ich persönlich ja grossartig!
Welches sind Ihre nächsten Projekte?
Im Moment genieße ich gerade ein paar freie Tage in der Heimat.
Planen Sie langfristig eine Rückkehr in die Schweiz?
Ich liebe natürlich die Schweiz, aber ich fühle mich mittlerweile auch sehr wohl in Norddeutschland. Außerdem kann ich mir derzeit keine spannendere Arbeit vorstellen als beim "Spiegel".
Interview: Matthias Ackeret

