11.03.2020

TX Group

«Die Corona-Krise wird die Medien spürbar treffen»

Auch die Investitionen in Plattformen und Bezahlmedien drücken auf den Gewinn: CEO Christoph Tonini gesteht ein, zu wenig berücksichtigt zu haben, wie teuer die Instandhaltung in dem Bereich ist. Ein Gespräch übers Sparen und den audiovisuellen Relaunch von 20 Minuten im April.
TX Group: «Die Corona-Krise wird die Medien spürbar treffen»
Amtet noch bis Ende Juni 2020 als CEO von TX Group: Christoph Tonini. (Bild: Tamedia)
von Edith Hollenstein

Herr Tonini, Sie hatten sich Ihre letzte Bilanz-Medienkonferenz für Tamedia respektive TX Group sicherlich anders vorgestellt.
Die heutige Bilanz-Medienkonferenz ist ein zweierlei Hinsicht nicht nach meinem Wunsch ausgefallen. Einerseits wegen der Tatsache, dass wir den Anlass nur telefonisch durchführen konnten. Das ist schade, aber aufgrund der aktuellen Corona-Situation gerechtfertigt und angemessen. Andererseits mussten wir, und das beruht auf einem länger zurückliegenden strategischen Entscheid, Investitionen intensivieren und gleichzeitig mit gewissen Kostensparmassnahmen zuwarten. Es war daher absehbar, dass daraus das heute präsentierte Ergebnis resultieren wird. Und es ist klar, dass es den mittel- und langfristigen Ansprüchen der TX Group nicht genügen kann. Selbstverständlich hätte ich als CEO gerne ein positiveres letztes Resultat abgeliefert. Doch schliesslich muss man unterscheiden zwischen dem, was man gerne selbst für sich als Abschluss gezeigt hätte, und dem, was für die Unternehmensgruppe Sinn macht.

Was ist denn deprimierender: Corona oder dieser Gewinneinbruch um 46,5 Prozent auf 70,4 Millionen Franken?
(Lacht.) Deprimierend sind beide Ereignisse nicht.

Nicht?
Nein, die Welt dreht sich weiter. Corona beschäftigt uns hier kurzfristig bei TX Group und natürlich generell alle Leute mehr. Mein nächster Termin nach diesem Interview ist beispielsweise eine Sitzung mit der TX-Group-Leitung und den Geschäftsführern unserer Unternehmen. Wir werden mögliche zusätzliche Massnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus diskutieren, die wir allenfalls kurzfristig umsetzen werden. Es geht um die Frage, ob wir, wie es etwa Ringier bereits gemacht hat, Teile der Belegschaft proaktiv auffordern, künftig im Homeoffice zu arbeiten.

«Selbstverständlich hätte ich gerne ein positiveres letztes Resultat abgeliefert»

Was ist Ihre Haltung dazu?
Das müssen die einzelnen Unternehmen unserer Gruppe selber und jedes für sich entscheiden. Wir geben keine Weisung der Gruppe vor. Dieses Beispiel zeigt: In der neuen Holdingstruktur verschieben sich die Kompetenzen spürbar zu den einzelnen Unternehmen. 

Welche Auswirkungen hat der Corona-Effekt auf den Werbemarkt?
Diese Effekte sind beträchtlich und unerfreulich. Gerade im Hinblick auf den Automobilsalon in Genf hatten wir heftige Buchungsrückgänge respektive Stornierungen.

Wo? Bei Beilagen oder Inseraten?
TX Group ist Medienpartner des Automobilsalons. Das heisst, wir konnten das geplante Magazin nicht realisieren und auch 20 Minuten hatte verschiedene Buchungen im Umfeld der geplanten Medienberichterstattung – diese wurden vollständig annulliert. Das sind bedeutende Ausfälle. Von anderen Anlässen, die verschoben wurden, hoffen wir natürlich, dass sie später stattfinden können, sodass wir weniger hohe Einbussen haben. 

«Wir haben die Verluste innerhalb der TX Group am letzten Freitag zusammengerechnet und sind auf 2,5 Millionen Franken gekommen»

Am Journalisten-Call heute Vormittag haben Sie von einem siebenstelligen Frankenbetrag gesprochen, der wegen Corona bereits wegfällt.
Ja, wir haben die Verluste innerhalb der TX Group am letzten Freitag zusammengerechnet und sind auf 2,5 Millionen Franken gekommen. Heute, vier Tage später, dürften es bereits schon mehr sein. Jedes einzelne Schweizer Unternehmen muss natürlich jetzt in dieser Krise überlegen, wie es weiter wirtschaften will und das hat unweigerlich Konsequenzen auf die Werbeausgaben. Daher wird diese Corona-Krise die Medien spürbar treffen.

Goldbach und Admeira verzeichneten Rückgänge bei Buchungen der Tourismus- und Reisebranche. Sind mittlerweile auch andere Industrien defensiv?
Es betrifft mittlerweile alle: vor allem aber Reisen im Frühling und die Flugindustrie. In Bezug auf die Börse würde ich nicht allzu pessimistisch sein. Denn die Geschichte zeigt, dass nach Einbrüchen immer wieder Neues entstand und damit auch neuer Kommunikationsbedarf besteht.

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Sie haben ein Effizienzsteigerungsprogramm angekündigt: 20 Prozent über drei Jahre. Gilt dieses für alle Unternehmen, Titel und Redaktionen der TX Group?
Nein, dieses Projekt betrifft «nur» die TX Group, also die übergeordnete Einheit, die Servicedienstleistungen für alle vier Unternehmen erbringt. Diese Serviceleistungen sollen überprüft und so gestaltet werden, dass unsere vier Unternehmen entscheiden können, wie viel welcher Serviceleistungen der Gruppe sie beziehen wollen. Das Effizienzsteigerungsprogramm betrifft also Services wie Finanzen, Controlling, Personal, Rechtsdienst, Facility Management und Kommunikation.

Wird es Entlassungen geben?
Wir werden diese Massnahmen nun als Dreijahresplan ausarbeiten. Hier denken wir, dass die notwendige Reduktion vor allem über Fluktuation erfolgen wird. Doch einzelne Entlassungen können wir nie ausschliessen.

«Dass es ständig einen grossen Erneuerungsdruck gibt, haben wir rückblickend betrachtet, unterschätzt»

Tamedia, oder heute TX Group, investierte in den vergangenen Jahren stark in Onlineplattformen und -Marktplätze. Haben Sie unterschätzt, wie teuer es ist, diese Plattformen immer auf dem neuesten Stand zu halten?
Im Nachhinein müssen wir zugeben, dass wir eine gewisse Zeit lang zu wenig in die Weiterentwicklung der Plattformen investiert hatten. Jetzt sind wir am Aufholen und es stimmt schon: Übers Ganze gesehen, haben wir wahrscheinlich 2019 zu viel investieren müssen. Auch wenn wir in die Zukunft blicken, ist klar, dass diese Plattformen laufend wieder substantielle Erneuerung benötigen werden. Denn die internationale Konkurrenz wie Facebook oder Google gibt die Standards vor. Wenn etwa Facebook eine Chatfunktion bringt, sind unsere Onlineplattformen gezwungen, dem Nutzer etwas Ähnliches ebenfalls anzubieten – obwohl wir wissen, dass wir technologisch nie ganz Schritt halten können mit diesen grossen Internet-Playern. Die Tatsache, dass es ständig einen grossen Erneuerungsdruck gibt, haben wir rückblickend betrachtet, unterschätzt. Solche Gedanken haben wir uns in den 2010er-Jahren zu wenig gemacht.

«Auf April wird eine ganz neue, komplett überarbeitete 20-Minuten-App erscheinen»

Wie gut läuft eigentlich 20 Minuten Radio?
Hier stehen wir noch ganz am Anfang, doch vor allem aus dem Werbemarkt haben wir positive Signale erhalten. Auf April wird eine ganz neue, komplett überarbeitete 20-Minuten-App erscheinen. Enthalten ist dort 20 Minuten Radio, das damit einen ganz anderen, viel prominenteren Stellenwert erhalten wird. So erhoffen wir uns eine Steigerung bei der Nutzerschaft. Zudem werden wir das Verbreitungsgebiet, das sich momentan noch auf Zürich beschränkt, ausweiten.

Und wann kommt 20 Minuten TV? Im Bewegtbild-Bereich hat Ringier mit Blick TV ja einen grossen Schritt vorwärts gemacht.
Ringier hat tatsächlich einen grossen, mutigen Schritt gemacht. Doch inwieweit sich das Format refinanzieren lässt, muss Ringier beurteilen. Wir sehen, dass Videowerbung auch nicht in den Himmel wächst, man muss also auf ganz anderer Kostenbasis produzieren als im TV. Wir haben für 20 Minuten eine klare Video-first-Strategie, die auch ein Bewegtbild-Newsformat beinhaltet. Im April wird es starten und ich kann nur sagen: Es ist ganz anders konzipiert als Blick TV. Das Format wird viel interaktiver sein als eine klassische Newssendung.

Sie sind noch bis Ende Juni Tamedia-CEO, dann übernimmt Pietro Supino. Sie wollten ursprünglich der Medienbranche den Rücken kehren. Warum bleiben Sie nun doch Verwaltungsrat der TX Group?
Ich meinte damit, dass ich operativ keine neue Verantwortung in einem Unternehmen der Medienbranche übernehmen möchte. Bei TX Group ist das – sofern ich an der nächsten Generalversammlung gewählt werde – nur noch ein VR-Mandat, was in der laufenden Transformation wohl für beide Seiten ein guter Weg ist.

Es bleibt also Zeit für sonst etwas Neues.
(Lacht.) Ja, doch diese Entscheidung ist erst für 2021 vorgesehen. Daher gibt es aktuell dazu nichts Spruchreifes.



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Kommentare

  • Sebastian Renold, 12.03.2020 17:58 Uhr
    Um mehr Medienförderung aus Steuermitteln hat sich Herr Supino ja schon angestellt. Wird er vom Staat jetzt auch noch Entschädigungen für die Corona-Ausfälle fordern?
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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