Klaus Petrus, Sie haben über Menschen am Rand der Schweizer Gesellschaft, über Migrantinnen und Migranten auf der Balkanroute oder über saisonale Landwirtschaftsarbeitende berichtet. Wie kommen Sie auf Ihre Themen?
Ich habe eine regelrechte Obsession für alles, was mit Mauern zu tun hat, mit Grenzen und Rändern – mitsamt den gesellschaftspolitischen Konflikten, die damit einhergehen, sowie den Problemen, die man manchmal vielleicht eher ausblenden möchte. Die Reizfigur des «Flüchtlings» gehört dazu, aber auch alles, was mit sozialer Unsichtbarkeit zu tun hat, wie Armut, Sucht und Ausbeutung, die Situation der Sans-Papiers oder eben der Erntehelferinnen und -helfer, um ein paar Beispiele zu nennen.
Wie kommen Sie mit diesen Menschen in Kontakt?
Manchmal sind es zufällige Kontakte, wenn sich Leute selber bei mir melden, weil sie wissen, dass ich zu diesen Themen recherchiere. Manchmal suche ich ganz bewusst – zum Beispiel mit Hilfe von Redaktionen – nach Personen, wie unlängst für eine grössere Reportage über Teile der Schweizer Mittelschicht, die in Richtung Armut abzudriften droht. Bei anderen Geschichten wie meinem Langzeitprojekt «Spuren der Flucht» zur Migration konnte ich über Jahre hinweg enge Kontakte zu Migrantinnen und Migranten aufbauen. Und dann kommt es immer wieder vor, und das mag jetzt kitschig klingen, dass ich einfach dorthin gehe, wo sich die Leute, die ich porträtieren will, aufhalten, zum Beispiel auf der Gasse.
Sie treten am Freitag am Reporter:innen-Forum auf und sprechen dort über «Journalismus am Rand der Gesellschaft». Kommen Geschichten wie Ihre in den Schweizer Medien zu kurz?
Ja und nein. Auf der einen Seite dünkt mich, dass soziale Themen wie Armut – und das muss jetzt in fette Anführungszeichen – irgendwie «sexy» sind und so gesehen gut ankommen. Da schwingt bestimmt Empathie für die Betroffenen mit, aber vielleicht auch ein wenig Voyeurismus oder ein Gefühl der Selbstvergewisserung, dass man es, im Gegensatz zu diesen «Randständigen», geschafft hat. Allerdings bestätigen in meiner Wahrnehmung viele dieser Berichterstattungen bloss unsere Klischees über Armutsbetroffene statt sie zu hinterfragen oder gar aufzubrechen. Um das zu tun, muss man sehr nahe an diese Menschen rankommen. Und das ist oft nicht leicht, in jedem Fall erfordert es viel Zeit. Genau solche aufwändigen Geschichten – und das ist die andere Seite – können heutzutage schon aus finanziellen Gründen häufig nicht mehr umgesetzt werden.
«Man bräuchte Darstellungs- und Erzählweisen, die offener sind als die gängigen Formate»
Wie offen sind die Redaktionen für Ihre Themen? Müssen Sie jeweils kämpfen, um sie durchzubringen?
Wie gesagt, ich denke, das Interesse gibt es sehr wohl. Nebst dem Finanziellen spüre ich eher Hürden, wenn es um die Umsetzung geht, also konkret um die Art und Weise, wie man diese Geschichten erzählen will. Unsere üblichen journalistischen Formate sind da doch ziemlich eng. Angenommen, das Thema ist Altersarmut. Dann gibt es diesen szenischen Einstieg mit einer Betroffenen, das dauert zwei, drei Abschnitte. Dann erste Hintergründe mit Zahlen und Fakten, dann wieder etwas Menschliches (durchaus mit Drama), dann die besonnene Stimme des Armutsforschers und gegen Schluss hin noch einmal die alte arme Frau und wie sie sich aus dem Schlamassel herauszukämpfen versucht. Zugegeben, ich übertreibe. Und doch denke ich, dass solche Formate die Betroffenen fast immer zu blossen Stellvertretern eines sozialen Problems machen, zu Stereotypen.
Mit konkreten Beispielen allgemeine Probleme zu beleuchten, lernt man in der Journalistenschule. Wie vermeiden Sie es, aus Menschen Stereotype zu machen?
Will man das vermeiden, müsste man meiner Meinung nach den Menschen als Ganzes in den Blick nehmen, nicht nur den «Armen» oder den «Süchtigen». Dafür bräuchte man nicht bloss mehr Platz, sondern auch Darstellungs- und Erzählweisen, die offener sind als die gängigen Formate – und die zum Beispiel nicht alles sofort in einen Kontext stellen, die auch mal Lücken und Widersprüche zulassen und womöglich keinen Anfang und kein Ende haben. Ich kenne nur wenige Redaktionen, die für derlei zu haben sind.
In der Diskussion wird es auch um Würde und Voyeurismus gehen. Wie schaffen Sie es, diese Grenze nicht zu überschreiten?
Ich frage mich bei meinen Porträts und Reportagen selber immer wieder: Muss es wirklich so nah sein, so intim mit all diesen Details? Oder so ungeschönt, sogar hart? Wäre nicht weniger mehr? Dann rede ich mir ein, dass dies helfen kann, diese Menschen in möglichst unterschiedlichen Facetten zu beschreiben und eben nicht nur als Armutsbetroffene, als Süchtigen oder als Sexarbeiterininnen. Ob mir das gelingt, ist eine andere Frage. Fast noch schwieriger finde ich es bei Bildern. Da ich nicht nur schreibe, sondern auch fotografiere, stellt sich mir da immer die Frage: Welches Bild von Armutsbetroffenen zeige ich, wenn ich Obdachlose fotografiere, Süchtige, Sexarbeiterinnen oder Kinder, die unter prekären Bedingungen aufwachsen? Die Gefahr der «Fotofallen» – also bloss Bilder zu zeigen, die sich schon längst in unseren Köpfen festgefahren haben – lauert da an jeder Ecke.
«Ich wäre froh, könnte ich diese Zweifel zwischendurch ablegen»
Gibt es Geschichten in den Medien, bei denen Sie finden, dass die Berichterstattung zu voyeuristisch geraten ist?
Da kommt mir natürlich der Boulevardjournalismus in den Sinn, wenn zum Beispiel Menschen am Rande der Gesellschaft richtiggehend blossgestellt werden. Oder wenn die Privatsphäre von Menschen missachtet wird. Wenn Leute an den Pranger gestellt werden und man sich daran ergötzt – solches Zeugs halt. Ich bin allerdings der Meinung, dass die allermeisten von uns, die sich mit sozialen Themen befassen, sehr umsichtig mit den Menschen umgehen, über sie berichten.
Bevor Sie als Reporter angefangen haben, waren Sie Philosophie-Professor an der Universität Bern. Inwiefern prägt dieser Background Ihre Arbeit als Fotoreporter und Journalist?
Anfänglich dachte ich, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Tatsächlich habe ich mich an der Uni mit ganz anderen Problemen befasst als jetzt im Journalismus. Inzwischen denke ich, dass die Philosophie durchaus ihre Spuren hinterlassen hat, zumindest in der Art und Weise, wie ich Themen angehe. Die Frage zum Beispiel, ob nicht alles ganz anders sein könnte, als ich mir das zurechtgelegt habe – diese grundlegende Skepsis allem und jedem gegenüber –, wird einem in der Philosophie geradezu eingeimpft. Ich wäre froh, könnte ich diese Zweifel zwischendurch ablegen. Aber ich fürchte, das werde ich nicht mehr los.
Sie haben letztes Jahr Ihr Langzeitprojekt über Migration mit dem Buch «Spuren der Flucht» abgeschlossen. Woran arbeiten Sie aktuell?
An einem Buch über Armut in der reichen Schweiz. Und mich beschäftigt das Problem der Zeugenschaft in Fällen extremer Gewalt: Wie reden die Betroffenen über das Erlebte und in welcher Sprache oder mit welchen Bildern berichten wir Journalistinnen und Journalisten darüber? Was heben wir hervor, was lassen wir weg? Inwieweit verfälschen wir damit deren Zeugnis? Um Antworten auf diese Fragen zu kriegen, reise ich immer wieder an Orte, wo Gewaltverbrechen begangen werden, und rede mit jenen, die das bezeugen können.
Das Reporter:innen-Forum findet am Freitag im Zürcher Volkshaus statt. Das ganze Programm finden Sie hier.

