18.03.2008

SF-Jahresbilanz

Die "Goldenen Jahre" sind vorbei

TV-Direktorin stellt sich hinter ihren Chefredaktor.

SF bekommt den Medienwandel zu spüren. Die von Ingrid Deltenre als "Goldene Jahre" bezeichnete Zeit, in welcher der Staatssender praktisch keine Konkurrenz hatte, ist längst vorbei. Die Digitalisierung und das Internet prägen auch am Leutschenbach die Entwicklung. Das machte die Fernsehdirektorin anlässlich der Jahres-Medienkonferenz klar. Sie stellte sich bei dieser Gelegenheit ohne wenn und aber hinter ihren in die Schusslinie geratenen Chefredaktor Ueli Haldimann.

Seit einiger Zeit häuft sich in den Medien die Kritik an SF-Chefredaktor Ueli Haldimann. Zuletzt sorgte im Zusammenhang mit dem Fall "Mengele/Mörgele" ein "10 vor 10"-Interview mit dem Nationalrat vor dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald für Aufsehen. Gross war das öffentliche Interesse auch im Fall eines Schönheitschirurgen, der bei einer Konsultation von einem "Kassensturz"-Team mit versteckter Kamera gefilmt wurde. Gegen Haldimann und drei weitere SF-Mitarbeiter ist in dieser Sache immer noch eine Klage hängig.

Als letzter "Höhepunkt" zählte die Zeitung "Sonntag" alle angeblichen Fehler Haldimanns auf und rechnete vor, was der Chefredaktor den Sender ausserplanmässig gekostet haben soll. SVP-Ständerat Maximilian Reimann meinte im gleichen Artikel, dass man beim nächsten gravierenden Ausrutscher Haldimanns, die Forderung nach seiner Ablösung ernsthaft in den Raum stellen müsse.

Spekulationen um eine Ablösung des SF-Chefredaktors hat nun Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre einen Riegel vorgeschoben. "Wir halten an Ueli Haldimann fest", sagte sie an der Jahres-Medienkonferenz des Schweizer Fernsehens vom Dienstag in sehr bestimmtem Ton auf die Frage von "persoenlich.com". Eine Diskussion liess Deltenre gar nicht erst aufkommen und stärkte Haldimann in jeder Beziehung den Rücken: "Unser Chefredaktor soll eine pointierte Meinung haben und diese auch äussern können. Die publizistische Unabhängigkeit ist ganz wichtig." Sie erinnerte die anwesenden Journalisten daran, dass auch einige ihrer Chefredaktoren schon in Prozesse involviert waren.

Neue Verbreitungswege erhöhen publizistisches Angebot

Für die Fernsehdirektorin standen denn in ihrem Jahresbericht auch nicht Personalien im Vordergrund, sondern der Medienwandel, dem sich auch das SF nicht entziehen kann. Die Zeit von 1953 bis 1980, in der SF praktisch keine Konkurrenz hatte, bezeichnete Deltenre als die "Goldenen Jahre". Inzwischen gibt es eine grosse Anzahl empfangbarer Sender und mit der Digitalisierung und dem Internet haben neue Verbreitungswege das publizistische Angebot massiv erhöht. Die "Goldenen Jahre" sind definitiv vorbei.

"Die technische Entwicklung kann man nicht aufhalten", sagte Deltenre, "darum muss SF mit der Entwicklung Schritt halten." Der Ausbau der Multimedia-Inhalte werde ein Schwerpunkt bleiben. Insbesondere stelle sich die Frage, was getan werden müsse, um die junge Zielgruppe auch über das Internet zu erreichen.

SF hat im vergangenen Jahr einen Marktanteil im Ganztagesschnitt von 33,5 Prozent erreicht. Der Anteil ist zwar gegenüber dem Vorjahr um ein Prozent gesunken, allerdings verwies Deltenre darauf, dass 2006 mit der Fussball-WM und den Olympischen Winterspielen ein ausgesprochenes Sportjahr gewesen sei. Verglichen mit 2005 habe man dagegen 0,1 Prozentpunkte zugelegt. "Alles in allem", sagte Deltenre, "bewegen wir uns auf einem sehr hohen Niveau."

Immer mehr Menschen nutzten laut Fernsehdirektorin auch die Multimedia-Angebote auf der SF-Internet-Seite, luden Sendungen als Podcasts herunter oder machten Gebrauch vom kostenpflichtigen Angebot "Video on demand". Diese Nutzung sei aber aufgrund methodischer Probleme nicht mit der klassischen Verbreitung kumulierbar und fliesse darum noch nicht in die Marktanteilsberechnungen ein.

Deltenre will Sonntagabend auf SFzwei für sich

Ende des Jahres 2008 läuft der Vertrag von SF mit dem Verlegerfernsehen Presse TV aus. Laut Deltenre hat man sich noch nicht auf einen neuen Kontrakt einigen können. Die Kernpunkte der laufenden Verhandlungen sind die Programmplätze und die Finanzierung.

Ingrid Deltenre möchte auch auf SFzwei ein attraktives Wochenendprogramm bieten können. Vor allem den Sonntagabend will sie für das eigene Programm nutzen: "Am Sonntag schauen die meisten Leute fern und genau dann sind wir am schwächsten." Zudem will SF das Verlegerfernsehen nicht mehr im gleichen Masse finanziell unterstützen. Der ebenfalls anwesende Presse TV-Chef Fibo Deutsch wollte die Angelegenheit nicht weiter kommentieren. Er bestätige lediglich, dass es bei den Verhandlungen um die von Deltenre genannten Punkte gehe.

Schliesslich äusserte sich Ingrid Deltenre noch zur Fusion von TV und Radio innerhalb der SRG. Die Fernsehdirektorin versteht, dass diese Möglichkeit aus wirtschaftlichen Gründen geprüft wird. Allerdings würde ihrer Meinung nach eine solche Fusion zwingend auch räumliche Nähe bedingen, was eine Standortdiskussion zur Folge hätte. Deltenre kann sich deshalb vorstellen, dass es schwierig wird, einen Zusammenschluss politisch durchzubringen.

(Text: Stefan Wyss)


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