26.05.2008

"Die grossen Boulevardgeschichten werden auch bei uns vorkommen"

Am kommenden Montag erscheint erstmals der "Blick am Abend". Der pinkfarbene Ableger der prominenten Zeitungsfamilie kommt etwas erwachsener daher als sein Vorgänger "heute", bewährte Formate werden aber beibehalten. Im Interview mit "persoenlich.com" sagt Chefredaktor Peter Röthlisberger, wie er das Abendblatt aus der Verlustzone hieven will und wie die Arbeitsteilung mit der Kaufzeitung "Blick" aussieht.
"Die grossen Boulevardgeschichten werden auch bei uns vorkommen"

Herr Röthlisberger, Sie bauen das Abendblatt "heute" zum "Blick am Abend" um. Wieviel "heute" steckt noch drin im "Blick am Abend"?

Sehr viel. Wir wollen alles mitnehmen, was die Leserinnen und Leser an "heute" mochten. Schliesslich soll der "Blick am Abend" vor allem von der bestehenden "heute"-Leserschaft -- den 14- bis 32-Jährigen -- gelesen werden. Bewährte Formate wie "Schatzchäschtli", "Singles", "Streetstyle", "Bilder des Tages" und "Comics" werden deshalb weitergeführt.

Ist der "Blick am Abend" mehr "heute" als "Blick"?

Ich würde es so sagen: Der "Blick am Abend" ist "heute" im Layout der Blick-Gruppe. Der Inhalt zielt weiterhin in erster Linie auf die jüngere Zielgruppe ab. Wir möchten die Leser am Abend mit einem fröhlichen "Blick" überraschen.

Behält der "Blick am Abend" also die selbe publizistische Ausrichtung bei?

Ja. Die bestehende Leserschaft wollen wir behalten. Unser Wunsch ist es aber, die Zielgruppe auszuweiten und künftig alle zu bedienen, die nach vier Uhr Zeit haben, uns zu lesen. Das Blatt wird etwas hochwertiger und die Ansprache etwas erwachsener. Das zeigt sich auch daran, dass wir unsere Leser künftig per Sie ansprechen.

Sie holen Helmut Maria Glogger und Werner Vontobel als Kolumnisten ins Blatt -- beide sind nicht eben ausgesprochene Repräsentanten der jüngeren Generation.

Vontobel ist ein Journalist, der sehr wohl so schreiben kann, dass ihn auch 20-Jährige verstehen. Zumal sich seine Beiträge für den "Blick am Abend" erheblich von seinen Beiträgen für den "SonntagsBlick" unterscheiden werden. Helmut Maria Glogger wollen wir als den neuen Wagner der Schweiz positionieren. Er wird wie sein Kollege von der deutschen "Bild"-Zeitung bekannten Schweizer Persönlichkeiten schreiben. Neben Glogger und Vontobel haben wir zudem Evelyne von Arx engagiert, die bisher das Dr. Sommer-Team von "Bravo" leitete. Sie gibt Lebenshilfetipps für die junge Zielgruppe.

Trotzdem: Verwässern Sie damit nicht das Zeitungskonzept der mittlerweile erfolgreichen Abendzeitung?

Was die Leser betrifft, ist das Modell "heute" in der Tat gut aufgegangen. Kommerziell jedoch sieht die Situation weniger rosig aus: Schliesslich ist "heute" eine Zeitung, die Verluste schreibt. Wir wollen weiter wachsen und neue Leser hinzugewinnen. Das ist der Weg, der den "Blick am Abend" zum Erfolg führen muss.

Ihnen ist ein beträchtlicher Teil des "heute"-Redaktionsteams davongelaufen…

(unterbricht) Halt: In Zusammenhang mit den Abgängen von einer "Kündigungswelle" zu sprechen -- wie dies "persoenlich.com" getan hat -- ist nicht verhältnismässig. Seit bekannt wurde, dass aus "heute" der "Blick am Abend" wird, haben gerade mal fünf Personen ihre Kündigung eingereicht. Seit Anfang Jahr verzeichnete die 35-köpfige Redaktion damit insgesamt zehn Abgänge. Ich halte diese Fluktuation nicht für aussergewöhnlich. "heute" ist ähnlich wie TeleZüri eine Ausbildungsstätte. Die Journalisten erhalten eine grosse Beachtung. Das ist es doch nur logisch, dass sie auch abgeworben werden.

Haben Sie Ihr Team schon beisammen?

Ja. Diese Woche werden wir die letzte offene Stelle besetzen. Das Team steht.

Werden Sie stärker auf arrivierte Journalisten zurückgreifen?

Wir machen so weiter wie bisher. Wir arbeiten mit ein paar Leistungsträgern, die älter und erfahrener sind. Die meisten Stellen aber besetzen talentierte Junge, die bei uns die Chance erhalten, das journalistische Handwerk zu erlernen.

"heute" bietet Fastfood. Eine Tramfahrt über zwei, drei Stationen genügt, um das Blatt durchzulesen. Ist die Halbwertszeit des "Blick am Abend" länger?

"heute" bietet mit den "Wissen"- und "Hintergrund"-Seiten schon eine gewisse Verweildauer und auch einen deutlichen Mehrwert gegenüber anderen Gratiszeitungen. An diesem Konzept möchten wir festhalten. Im "Blick am Abend" werden die Geschichten tendenziell ein wenig länger sein. Der Zeitungsumfang beträgt weiterhin mindestens 32 Seiten.

Wie eng wird Ihre Redaktion mit der Kaufzeitung "Blick" zusammenarbeiten?

Nicht eng. Einzig im Sport greifen wir auf das Know-How des "Blick" zurück. Unsere Sportredaktoren arbeiten auch räumlich zusammen. Evelyne von Arx teilen wir uns mit dem "Blick". Wichtig ist: Unsere Grundstimmung im Blatt ist positiv. Wir wollen den Lesern Freude machen. Die grossen Boulevardgeschichten werden auch bei uns vorkommen, aber unser Hauptziel ist, unseren Lesern ein gutes Gefühl mitzugeben. Journalistisch sind wir völlig eigenständig.

Gemeinsame Redaktionssitzungen gibt es nicht?

Nein.

Planen Sie, die Distribution auszuweiten?

Wir kämpfen laufend um neue Boxen. So würden wir uns wünschen, auch in den Städten Luzern und St.Gallen präsent zu sein. Das ist schwierig. Entsprechende Bemühungen laufen aber. Zugleich werden wir an den Orten, wo wir bereits präsent sind, künftig mehr Kolporteure einsetzen und die Anzahl Boxenstandorte sukzessive zu erhöhen versuchen.

Abschlussfrage: Anfangs hiess es "Blick am Abend" sei bloss ein Arbeitstitel. Wird die Marke nun definitiv beibehalten?

Davon gehe ich aus.

(Interview: David Vonplon)


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