01.12.2010

"Die Kioskfrau tut mir leid"

Dem Lokalsender Radio Basel ist der Scoop des Jahres gelungen. Bevor der "Spiegel" die Öffentlichkeit über die jüngsten Wikileaks-Enthüllungen informieren konnte, machte Christian Heeb die brisanten Neuigkeiten publik. Wegen einer Panne am Kiosk kam der Radiochef früher in den Besitz der Infos. Seither laufen die Drähte heiss. Journalisten aus der ganzen Welt melden sich bei Heeb. Im Interview mit "persoenlich.com" erzählt der Chefredaktor von Radio Basel, was die Wikileaks-Sache ausgelöst hat. Das Interview:
"Die Kioskfrau tut mir leid"

Herr Heeb, Sie haben den Scoop des Jahres gelandet und können als Einziger die Schweizer Wikileaks-Akten sichten. Wie haben Sie dies geschafft?

Ich versuchte am vergangenen Samstag wie immer die neue Ausgabe des Spiegels runterzuladen. Doch es hat sich nichts bewegt. Am nächsten Morgen bekam ich vom Spiegel ein E-Mail mit der Mitteilung, wonach aus technischen Gründen die elektronische Übermittlung des neuen Spiegels nicht möglich sei. Als ich aber kurz danach in der Welt am Sonntag las, dass Wikileaks um 22 Uhr 30 im Spiegel mit neuen Enthüllungen aufwarte, war für mich der Fall klar.

Was heisst das?

Ich wusste, dass die gedruckte Spiegel-Ausgabe jeweils am Sonntagmorgen via Basel in die Schweiz transportiert wird. Ich fuhr zum Badischen Bahnhof und bat die Verkäuferin des Kioskes mir eine Ausgabe zu verkaufen, was sie auch tat. Damals war ich mir überhaupt nicht bewusst, dass ich der Einzige bin und während des ganzen Tages auch der Einzige sein werde, welcher den aktuellen Spiegel in der Hand hielt. Als wir die ersten News auf unserem Sender und auf unserer Homepage verbreiteten, war sogleich die Hölle los. Die Spiegel-Chefredaktion meldete sich und wollte wissen, woher wir die Informationen haben. Auch Wikileaks kontaktierte uns. Wir haben dann einen Vorschlag erhalten.

Wie lautete der?

Wir erhalten exklusiven Zugang zu den Schweizer Geheimdienstdepeschen, wenn Radio Basel bis Sonntagabend 22.30 Uhr von einer weiteren Veröffentlichung absieht.

Was bedeutet das für Sie?

Die Depeschen der Schweizer Botschaft von Wikileaks stehen uns nun zur Verfügung. Wir sichten derzeit die 250 Telegramms und die dazugehörigen Dossiers, welche die Schweizer Botschaft jeweils an das amerikanische Aussenministerium sandte. Im Vergleich zu den anderen Veröffentlichungen, welche bislang bekannt wurden, sind die Schweizer Dokumente soweit wir sie bisher durcharbeiten konnten auf den ersten Blick vielleicht weniger spektakulär als die ausländischen. Trotzdem sind sie sehr interessant. Ich habe vor mir gerade das Breefing, welches der amerikanische Botschafter Hillary Clinton vorgelegt hat, bevor sie im vergangenen Jahr die Schweiz besuchte. Darin wird sie gebeten, aus diplomatischen Gründen den Namen Polanski nicht zu erwähnen, welcher damals bei uns im Untersuchungsgefängnis sass. Auch von Christoph Blocher haben die Amerikaner als Bundesrat mehr erwartet und waren überrascht, wie erstaunlich schnell er sich in sein Amt einfügte. Grossen Stellenwert nimmt das Verhältnis zwischen Ueli Maurer und Christoph Blocher ein, der als „SVP-Guru“ bezeichnet wird. Für die Amerikaner ist die Schweiz eine "frustrierende Alpenrepublik."

Das ist nicht ganz nett...

...aber auch nicht weiter schlimm. Die Amerikaner beklagen sich, dass der Schweizer Geheimdienst überhaupt nicht mit dem FBI kooperiere, obwohl man einen FBI-Mann eingeschleust habe. Für den Geheimdienstexperten Dr. Markus Mohler war diese Aussage aber nicht besonders aufregend, da der Schweizer Geheimdienst im Gegenzug einer ihrer Leute beim FBI untergebracht habe. Sie sehen, bei der Wertung der Akten gehen die Meinungen stark auseinander.

Sichten Sie das Material vollkommen alleine?

Ja, unsere Leute sind Tag und Nacht damit beschäftigt.

Sind Ihre Medienkollegen nicht eifersüchtig?

Im Gegenteil, wir bekommen nur Gratulationen. Gleichzeitig bittet man uns Hilfe bei der Sichtung des Materials an. Doch aus verständlichen Gründen mussten wir bislang absagen (lacht). Das Echo ist enorm, unsere Homepage www.radiobasel.ch explodiert förmlich.

Und was haben Sie von der amerikanischen Botschaft gehört?

Überhaupt nichts.

Und von der Kioskverkäuferin?

Auch nichts. Sie tut mir wegen des Wirbels leid. Jedenfalls hat sie am Sonntag keinen weiteren Spiegel mehr verkauft.

Interview: Matthias Ackeret


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