Herr Dietrich, seit heute ist die iApp des Tages-Anzeigers da. Weshalb hat es so lange gedauert?
Wir hätten uns einen früheren Start gewünscht, aber der Freigabeprozess von Apple hat länger gedauert als erwartet. Die Leute bei Apple in Cupertino haben die Freigabe sehr ernst genommen und stellten einige schwierige, aber gute Fragen, vor allem zu technischen Details. Das Resultat: Wir sind später auf dem Markt, aber hoffentlich mit einer besseren App.
Sie spielten eine führende Rolle bei der Entwicklung der iPad-Version des Tagi. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Aus 118 Jahren Erfahrung und einer neuen Technologie kann ein spannendes neues Medium entstehen. Und dabei können die Zeitungs-Journalisten von den Online-Journalisten genauso viel lernen wie umgekehrt. Ich glaube, das Resultat lässt sich sehen.
Der "Tages-Anzeiger" verfolgt als erste grosse Schweizer Zeitung eine klare iPad-Strategie. Was sind die mittelfristigen Ziele und wie stark investiert der Tagi ins neue Projekt?
Die neue App verbindet das Beste aus zwei Welten: Den in sich abgeschlossenen Überblick über das Tagesgeschehen einer Tageszeitung mit dem multimedialen Nutzungserlebnis eines digitalen Mediums. Zweimal täglich, morgens um 03:00 und abends um 18:00 Uhr. Ich glaube an die Leistung einer Zeitungsredaktion, die gewichtet, analysiert und den Leserinnen und Lesern damit einen kuratierten Überblick über das Zeitgeschehen gibt. Aber eine Zeitung ist auch langsam, nicht immer verfügbar, und tolle Geschichten von gestern hat man zum Nachlesen selten dabei. Mit unserer App versuchen wir, die Gewichtungs- und Einordnungsleistung der Tageszeitung mit der Frische des Onlineportals und den Chancen eines neuen Mediums zu verknüpfen. Wir bieten beispielsweise die Möglichkeit, sich mit Stichworten einen persönlichen Themenradar einzurichten, im Archiv zu suchen oder Artikel per Knopfdruck zu empfehlen. Letztlich bleibt aber der Inhalt entscheidend.
Das iPad-Projekt wird von Print- und Onlineredaktion gestemmt. Wer entscheidet, welche Themen groß, welche klein und welche gar nicht erscheinen? Wie sind die Verantwortlichkeiten verteilt?
Ich konnte ein eigenes Team aufbauen, das die beiden iPad-Ausgaben jeden Tag erstellt. Ohne die Unterstützung der Tages-Anzeiger-Redaktion und meiner Kollegen Res Strehle und Markus Eisenhut wäre das genauso unmöglich gewesen wie ohne die Erfahrung und das Engagement des Newsnetz unter Leitung von Peter Wälty. Die publizistische Leitung im Tagesgeschäft liegt bei mir.
Design und die Nutzerfreundlichkeit sind wichtig, damit eine App regelmässig genutzt wird. Wie ist das Entwicklungsteam dabei vorgegangen? Gibt es Erfahrungswerte?
Beim Design und Konzept konnten wir enorm vom Wissen des Newsnetz-Art Directors Matthias Saner profitieren. Er hat mit dem Newsnetz und gemeinsam mit der iAgentur ja bereits mehrere Apps entwickelt, und er ist einfach ein Crack. Es macht Spass, mit so professionellen und kreativen Leuten wie ihm zu arbeiten.
Hat man sich an bestimmten Vorbildern orientiert? Stichwort: Frankfurter Rundschau.
Wir haben uns natürlich eine ganze Reihe von Apps angeschaut. Es gibt einige ziemlich interessante Beispiele, von 'The Daily' über die HTML5-App des 'Wall Street Journals' bis zu 'Bild' oder dem 'Spiegel'. Ein Punkt, auf den wir besonders geachtet haben, sind die langen Downloadzeiten. Wir wollten eine App bieten, bei der man sofort mit dem Lesen beginnen kann. Denn letztlich soll die App des Tages-Anzeigers nicht in erster Linie durch die Technik, sondern durch die guten Inhalte überzeugen, und auf die sollen unsere Leserinnen und Leser schnell und ohne technische Spielereien oder gestalterischen Schnickschnack zugreifen können.
In einer ersten Phase soll die App kostenlos angeboten werden. Wie sieht das Pricing danach aus?
Wir werden den Preis erst in den nächsten Wochen festlegen. Klar ist: Die Leistung der Tages-Anzeiger-Redaktion kostet. Das war bisher mit der Zeitung so und wird sich auch mit dem iPad nicht ändern. Wir sind aber auch überzeugt, dass diese Leistung etwas wert ist. Zwischen dem kostenlosen Angebot von tagesanzeiger.ch und dem Abopreis des Tages-Anzeigers orientiert sich das Pricing deshalb eher am Tages-Anzeiger. Mehr kann ich nicht verraten.
Wie will der Tagi eigentlich die Bezahlkultur fördern? Im Moment weichen die User auf Gratisangebote aus, was die NZZ erfahren musste.
Es wird beides geben, auch bei uns. Newsnetz/tagesanzeiger.ch wird kostenlos bleiben, ganz einfach deshalb, weil dieses Modell sehr gut funktioniert. Die Nutzerzahlen steigen, und der wirtschaftliche Erfolg stimmt auch. Andererseits stösst ein werbefinanziertes Modell irgendwann an eine Grenze. Mit der iPad-App wollen wir natürlich auch herausfinden, für was und wie viel die Leserinnen und Leser zu zahlen bereit sind. Die Übersicht über sämtliche Inhalte, die Frontartikel und die interaktiven Kreuzworträtsel und Sudoku bleiben aber weiterhin kostenlos.
Wie nehmen Werbetreibende die iPad-Version als Werbeumfeld wahr? Und was bietet die Tagi-App diesbezüglich?
Gemäss den Kollegen im Verlag ist das Interesse der Werbekunden gross. Das Interstitial der Mobiliar-Versicherung in der ersten Ausgabe zeigt, dass witzige, aber nicht aufdringliche Werbung möglich ist und sich gut in die App einbauen lässt. Jenes der Bank Julius Bär ist eher klassisch, aber im Unterschied zu einem Zeitungssujet natürlich auch interaktiv.
Die iPad-Version ist auch organisatorisch sicherlich eine Herausforderung. Sind alle technischen und personellen Fragen für die iPad-Lancierung gelöst?
Ja, wir sind unterdessen ein gut eingespieltes Team. Etwas anderes blieb uns auch gar nicht übrig, sonst hätten wir die App gar nicht in dieser Zeit lancieren können. Beim Technischen ist natürlich immer mit Überraschungen zu rechnen.
Letzte Frage: Warum wird die App ein Erfolg?
Weil sie die redaktionelle Leistung und Erfahrung von Newsnetz und Tages-Anzeiger kombiniert; die führende Onlineredaktion und die führende regionale Tageszeitung sind zusammen ein sehr starkes Team. Und weil der Tages-Anzeiger auf iPad überraschend anders daherkommt, hoffentlich positiv überraschend.
Interview: Christian Lüscher

