09.11.2018

UBI

«Die Liebe zum Radio verliert man nie»

An den öffentlichen Beratungen der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen soll mehr Publikum beiwohnen. Diesen Wunsch hat die designierte UBI-Präsidentin Mascha Santschi Kallay. Im Interview spricht die 37-Jährige über Medien, Männer, Muttersein – und Missen.
UBI: «Die Liebe zum Radio verliert man nie»
«Mit Abschluss des Jura-Studiums habe ich mich bewusst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen», sagt Mascha Santschi Kallay, ab 1. Januar 2019 Präsidentin der UBI. (Bild: Imagestudio)
von Christian Beck

Frau Santschi Kallay*, einst moderierten Sie selbst in Radio und Fernsehen, nun urteilen Sie bald als Präsidentin der UBI darüber (persoenlich.com berichtete). Hätten Sie dies je für möglich gehalten?
Nein, so etwas habe ich mir damals gar nie überlegt. Zuerst wollte ich ja das Studium und dann die Anwaltsprüfung bestehen. Das waren damals meine wichtigen Ziele.

Hängen Sie nun Ihren Anwaltsjob an den Nagel – oder passt beides unter einen Hut?
Das UBI-Präsidium ist ein Nebenamt. Ausserdem habe ich die Doktorarbeit diesen Sommer abschliessen können, weshalb sich die UBI mit dem Anwaltsjob gut vereinbaren lässt.

«Ein grosses Plus finde ich die publikumsöffentlichen Beratungen»

Sie sind seit 2016 Mitglied der UBI. Was gefällt Ihnen an dieser Arbeit?
Abgesehen von der Materie, dem Medienrecht, gefallen mir die gerichtsähnlichen Abläufe und verfahrensrechtlichen Fragen, die sich stellen. Ein grosses Plus finde ich zudem die publikumsöffentlichen Beratungen, vor allem wenn sich dabei spannende Diskussionen entwickeln, weil die neun Mitglieder und unser juristischer Sekretär mit beratender Stimme nicht alle der gleichen Ansicht sind. Interessant ist auch zu sehen, was das Publikum bei den elektronischen Medien beschäftigt und woran es sich bei Sendungen stört. Die UBI kann ja nicht von sich aus aktiv werden. Jedem Bürger ist es aber möglich, auch wenn er nicht direkt von der Sendung betroffen ist, eine Beschwerde einzureichen und so einen rechtsverbindlichen Entscheid zu erwirken.

Welcher Fall hat Sie in diesen zwei Jahren am meisten beschäftigt?
Umfangmässig am meisten beschäftigt hat mich die Zeitraumbeschwerde gegen «SRF Börse». Emotional am stärksten beschäftigt hat mich hingegen eine Sendung über einen Fall der Kesb.

Haben Sie Änderungen geplant, wenn Sie ab Januar der UBI vorstehen?
Ich habe ein paar Ideen, doch die werde ich zuerst mit dem Sekretariat und den übrigen UBI-Mitgliedern besprechen. Ausserdem täte es mich freuen, wenn den öffentlichen Beratungen mehr Publikum beiwohnen würde. Im Gegensatz zu eigentlichen Gerichtverfahren ist es in unseren Fällen nämlich relativ einfach, dem Sachverhalt und den Diskussionen zu folgen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Am ehesten wohl als kooperativ. Aber primär werde ich ja Beratungen leiten und nicht meine ebenfalls vom Bundesrat gewählten UBI-Kollegen führen.

«Stellen Sie diese etwas ketzerische Frage vielleicht besser direkt dem Bundesrat»

Praktisch alle Ihre UBI-Kollegen sind Juristen und sind oder waren gleichzeitig in der Kommunikation tätig. Diese Kombination ist ja nicht allzu häufig. Ist es also ein Leichtes, UBI-Mitglied zu werden?
Es sind derzeit sogar alle Mitglieder der UBI Juristen, doch nicht alle arbeiten als Anwälte. Auch der Kommunikationsbereich umfasst ja viele verschiedene Teilbereiche. Die UBI-Mitglieder waren alle in den Medien tätig oder haben Medienerfahrung. Wichtig ist zum Beispiel auch die Vertretung der verschiedenen Landesteile. Aber da wir uns ja nicht selber wählen, stellen Sie diese etwas ketzerische Frage vielleicht besser direkt dem Bundesrat.

Die UBI besteht aus vier Männern und fünf Frauen. Freut Sie diese Frauenmehrheit?
Mich freut es vor allem, dass ich mit kompetenten Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten darf. Ich könnte aber genauso gut mit vier Frauen und fünf Männern leben.

Entscheiden Juristinnen anders als Juristen?
Nein, das kann ich so nicht unterschreiben. Da spielt es meines Erachtens eine stärkere Rolle, ob das Mitglied eher «journalistisch» oder eher «juristisch» gepolt ist. Und manchmal ist es auch interessant, wie unterschiedlich die Vertreter aus den verschiedenen Landesteilen eine Berichterstattung «zwischen den Zeilen» wahrnehmen.

Hilft Ihre Praxiserfahrung in den elektronischen Medien bei der Arbeit in der UBI?
Ja, die hilft mir sogar sehr. Erlebt zu haben, wie ein Medienbericht zustande kommt, und das Gefühl zu kennen, wenn man auch unter grösstem Zeitdruck oder in einer spontanen Situation qualitativ gut arbeiten muss, fördert das Verständnis für die journalistische Tätigkeit.

Sie moderierten von 2001 bis 2009 beim Berner Oberländer Radio BeO. Haben Sie das Radiomikrofon nie vermisst?
Doch. Ich glaube, die Liebe zum Radio verliert man nie. Bei keinem Medium kommt man so nahe an sein Publikum heran. Besonders reizvoll fand ich auch, dass die Kommunikation beim Radio absolut non-visuell abläuft und man dadurch ganz besonders stark zu einer direkten, klaren und verständlichen Kommunikation gezwungen wird.

«Von den Journalisten könnten übrigens einige Anwälte auch noch etwas lernen»

Gleichzeitig studierten Sie Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht an der Uni Bern. Juristin und Radiomoderatorin – das sind diametral andere Jobs. Bewegen Sie sich gerne in zwei Welten?
Wenn ich mich in beiden Welten wohl fühle, dann ja. Zudem erschien es mir sinnvoll, auch in den Redaktionsalltag einzutauchen, als ich mich für das Medienrecht zu interessieren begann. Von den Journalisten könnten übrigens einige Anwälte auch noch etwas lernen. Das habe ich mir oft gedacht, als ich mich als Gerichtsschreiberin durch endlose Rechtsschriften quälte.

Sie moderierten 2001 bis 2002 innerhalb der Patricia-Boser-Sendung «Lifestyle» eine eigene Rubrik. Welches ist Ihr ganz persönlicher Lifestyle?
Das fragen Sie eine berufstätige Mutter von schulpflichtigen Kindern? Nein, im Ernst: Mein «Lifestyle» ist derzeit durch Familie, Kinder und Job vorgegeben. Doch auch das hat seinen Reiz.

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Türöffner für den TV-Job dürfte gewesen sein, dass Sie 2000 Vize-Miss-Schweiz wurden. Sind Sie heute froh, dass damals Mahara McKay gewann und nicht Sie?
Ja, absolut, denn dadurch war ich nicht fremdbestimmt und konnte meine Ausbildung weiterverfolgen.

Finden Sie das Showbusiness noch heute faszinierend?
Nein, schon sehr lange nicht mehr. Mit Abschluss des Jura-Studiums habe ich mich bewusst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und auch den Kanton gewechselt, um mich einerseits auf die Anwaltsprüfungen vorzubereiten und andererseits auch wieder eine Privatsphäre zu haben. Die Zeit im Showbusiness war lehr- und erfahrungsreich, aber es war nicht meine Welt.



* Mascha Santschi Kallay wurde vom Bundesrat zur neuen UBI-Präsidentin gewählt. Sie ersetzt per 1. Januar 2019 den bisherigen Präsidenten Vincent Augustin, der ab demselben Termin die SRG SSR Svizra Rumantscha, den Trägerverein des rätoromanischen Radios und Fernsehens, präsidieren wird.

Santschi Kallay doktorierte zum Medienrecht an der Uni Zürich und ist als selbstständige Juristin und Kommunikationsfachfrau tätig. Sie gründete 2015 zusammen mit Markus Felber, dem ehemaligen Bundesgerichtskorrespondent der NZZ, das Unternehmen Santschi & Felber Justizkommunikation.



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