Herr Müller, es ist ungewohnt, dass ein Verlag seinen Konkurrenten in einer Inseratekampagne scharf angreift. Weshalb diese drastische Massnahme?
"Scharfer Angriff" ist der richtige Terminus, um zu beschreiben, wie die Tamedia im Raum Solothurn gegen uns vorgeht: Sie hat ein Mailing in tausendfacher Auflage an die hiesige Bevölkerung verschickt, in welcher sie ein Jahresabo des "Solothurner Tagblatt" und der "SonntagsZeitung" zusammen für 100 Franken anbietet. Das sind rund 20 Prozent des Preises, den andere Abonnenten für dieses Kombi-Abo zahlen müssen. Einen Angriff auf eine andere Zeitung mit solch dramatischen Dumpingpreisen gab es noch nie. Richtig also ist: Wir verhalten uns rein defensiv und reagieren allein auf die Attacke der Tamedia.
Ist es nicht der Tamedia selber überlassen, ihre Preise zu gestalten?
Das mag sein. Wir wollen der Tamedia aber klar machen, dass sie eine zerstörerische Preisstrategie verfolgt. In unserem Inserat im "Berner Stadtanzeiger" sensibilisieren wir deshalb die Leser der BZ in Bern, die Abo-Preise im eigenen Gebiet genau anzuschauen und mit den Solothurner Preisen zu vergleichen. Und natürlich hoffen wir, dass möglichst viele Abonnenten der "SonntagsZeitung" ausserhalb von Solothurn von diesem Dumping-Angebot Gebrauch machen, denn sie erhalten so ja die SoZ zu 100 statt zu 159 Franken. Das "Solothurner Tagblatt" können sie ja zum Altpapier legen, wenn sie dieses nicht wollen.
Die Tamedia spricht von einem völlig normalen Vorgang, was die Preispolitik im Raum Solothurn betrifft.
Ich bin seit vierzig Jahren in der Medienbranche und kenne keinen ähnlichen Vorgang in der Schweiz. Üblich ist, dass Verlage Probeabos mit einer Laufzeit von zwei bis drei Monaten zu stark reduzierten Preisen anbieten. Diese Angebote sind jedoch als Probeabos gekennzeichnet, so dass der Leser sieht, dass er danach den regulären Preis bezahlen muss. Die Tamedia dagegen bietet ein Jahresabo des "Solothurner Tagblatt" zu einem Tiefstpreis an, ohne dass vermerkt wird, dass der Leser danach wieder einen höheren Preis bezahlen muss.
Die "Solothurner Zeitung" ist dem Mittelland-Verbund der AZ Medien angeschlossen. Auch Ihre Leser erhalten "Sonntag" zu vergünstigten Preisen.
Zusammen mit der Solothurner Zeitung und als Probeabonnement limitiert auf einige Monate, ja. Das ist branchenüblich. Dass aber ein Verlag ein Jahresabo zu 20 Prozent des regulären Preises anbietet, ist in der Schweizer Medienlandschaft einmalig.
Verfolgt die Tamedia Ihrer Ansicht nach eine Verdrängungsstrategie?
Ja klar. Mit einem üblichen Konkurrenzkampf hat das nichts mehr zu tun. Dass man sich auf dem journalistischen Markt konkurrenziert, begrüsse ich ausdrücklich. Ich war selber lange genug Redaktor und Chefredaktor und weiss, dass dies auch den Lesern zu Gute kommt. Denn dann ist man als Journalist gefordert, ein besseres Produkt abzuliefern. In vorliegenden Fall aber spielt der Wettbewerb der Zeitungen auf der journalistischen Ebene keine Rolle: Es handelt sich allein um einen Preiskampf zur Vernichtung des Konkurrenten. Tamedia muss bei diesem Angebot etwa 250 Franken auf jedes Kombi-Abo draufzahlen, das sie verkauft, da 100 Franken nicht einmal die Papier-Kosten decken, geschweige denn die tägliche Zustellung.
Wie stark leidet die "Solothurner Zeitung" bereits unter der aggressiven Preispolitik der Tamedia?
Die Espace Media Groupe -- seit vergangenem Jahr Teil der Tamedia -- hat das "Solothurner Tagblatt" im Herbst 2001 auf den Markt geworfen, nachdem wir nicht bereit waren, uns in ihre Arme zu werfen. Das hat uns lange nicht weh getan, bis Ende 2006. Erst seit letztem Jahr, seit also die Tamedia so massiv mit Dumping-Preisen eingefahren ist, spüren wir dies bei der Aboerneuerung.
Werden Sie sich nun auf den Preiskampf einlassen und die Abopreise ebenfalls senken?
Das können wir nicht. Wir schwimmen nicht im Geld wie die Tamedia. Wir können höchstens darauf hoffen, dass Tamedia bei ihren Lesern unter Druck kommt, wenn wir mit den jetzt geschalteten Anzeigen den mörderischen Preiskampf der Tamedia bekannt machen. Vielleicht sieht sie dann ein, dass diese Art von Konkurrenzkampf nur Verlierer erzeugt.
Wenn die Tamedia ihre Strategie so weiter verfolgt, welche Konsequenzen hat dies für den Medienplatz Solothurn?
Die Tamedia beschleunigt damit ein noch engeres Zusammengehen von Vogt-Schild mit der AZ Medien Gruppe. Denn je mehr wir unter Druck geraten, desto mehr sind wir gezwungen, uns an Aarau anzulehnen.
Die AZ Medien hält bereits 35 Prozent an Vogt-Schild. Ist es wahrscheinlich, dass die AZ Medien schon bald Mehrheitsaktionärin des Verlags wird?
Dazu kann ich keine Stellung nehmen. Ich bin weder Verwaltungsrat noch Eigentümer der Vogt-Schild Gruppe. Fakt aber ist: Je schlechter es uns geht, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir unsere Selbständigkeit verlieren -- Richtung Aarau, notabene, nicht Richtung Zürich.
Sie haben früher als Ringier Prag-Geschäftsführer unter Tamedia-CEO Martin Kall gearbeitet, der damals Chef von Ringier International war. Bestehen aus dieser Zeit noch offene Rechnungen?
Nein, ich bin in Prag selber gegangen und es ging mir anschliessend beruflich sehr gut. Ich habe wegen Martin Kall also nicht leiden müssen damals. Die jetzige Aktion ist im übrigen auch nicht von mir allein, sondern von unserer Unternehmensleitung beschlossen worden. Zu Kall habe ich -- heute! -- aber tatsächlich ein ambivalentes Verhältnis, genau wegen seinen so mörderisch-aggressiven Methoden im Konkurrenzkampf mit uns. Menschlich mögen wir uns eigentlich nicht so schlecht, er hat mir heuer sogar eine Karte zum Geburtstag geschickt...
Haben Sie mit Martin Kall direkt den Kontakt gesucht?
Jetzt nicht. Wir sehen uns regelmässig an der Verlegertagung und gelegentlich tauschen wir auch ein Email aus. Nur: Was soll ich Martin Kall im vorliegenden Fall sagen? Die Preispolitik der Tamedia in Solothurn ist für die schweizerische Zeitungslandschaft meines Erachtens desaströs und verantwortungslos. Das Mailing ist jetzt aber schon draussen, zum zweiten Mal notabene, ein gleiches ging schon letztes Jahr raus, was soll ich da hinterher mit ihm noch diskutieren?
(Interview: David Vonplon)

Vogt-Schild: Anzeige gegen die "mörderische Preispolitik" der Tamedia.
Tamedia: Neuabonnenten erwarten solche Angebote
Das Medienhaus Tamedia hält in einer Stellungnahme gegenüber "persoenlich.com" fest, dass das Kombiabo von "SonntagsZeitung" und "Solothurner Tagblatt" "ein ideales Einstiegsangebot für Neuabonnentinnen und Neuabonnenten" darstelle. Sprecher Christoph Zimmer: "Befristete Angebote für mögliche Abonnentinnen und Abonnenten sind in der Schweizer Zeitungslandschaft an der Tagesordnung und werden von allen Verlagen eingesetzt. Solche Angebote werden von Neuabonnentinnen und Neuabonnenten erwartet."

