Die Wochenzeitung WOZ hat für ihre Sonderausgabe zu den Themen Geheimdienste, Datenschutz und Überwachung den Spiess umgedreht und Markus Seiler überwacht, den Geheimdienstchef des Bundes. Dieser hat das Angebot der Zeitung, die gesamte Auflage aufzukaufen, nicht angenommen. Die Sondernummer ist seit Donnerstag erhältlich. WOZ-Redaktor Stefan Howald ist über das grosse Echo erfreut, wie er gegenüber persoenlich.com ausführt.
Herr Howald, wie waren die bisherigen Reaktionen auf die WOZ-Sonderausgabe?
Die Reaktionen waren überwältigend. Es begann via Social Media, inzwischen hat sich die Berichterstattung über unsere jährliche Sonderausgabe international ausgedehnt: In Deutschland berichteten die taz, die "Süddeutsche", die FAZ und verschiedene kleinere Blätter, in Österreich der "Standard". In Frankreich wurde die Nachricht via AFP verbreitet und zum Beispiel in der Zeitung "Libération" aufgenommen. Kurze Meldungen gab es in Belgien, Aserbaidschan und sogar im Libanon. Der Londoner "Daily Telegraph" hat angefragt, das Westschweizer Fernsehen hat am Donnerstagabend in der Hauptnachrichtensendung berichtet und am Freitag war sogar das ZDF für einen Kurzbeitrag bei uns, der am nächsten Dienstag ausgestrahlt werden soll.
Ist die Spezialausgabe denn bereits ausverkauft?
Wir haben deutlich mehr Nachfragen am Kiosk, haben auch gratis verteilt, und es kommen immer wieder Anfragen für Nachlieferungen. Vorläufig können wir aber noch liefern.
Die Geheim-WOZ erschien am Donnerstag. Hat denn Markus Seiler inzwischen reagiert?
Nein, er hat nicht reagiert. Wir informierten ihn ja bekanntlich bereits am Mittwochmorgen um sechs Uhr über unser Angebot, die Auflage aufzukaufen.
Rechnen Sie mit juristischen Konsequenzen?
Wir haben einige heikle Punkte juristisch abgeklärt und sind zuversichtlich, dass wir allfällige Probleme bewältigen können.
Gab es denn Punkte, wo die Redaktoren nicht wie geplant vorgehen konnten?
Wir konnten einiges tatsächlich nicht umsetzen, weil uns drakonische Strafandrohungen davon abgehalten haben.
Zum Beispiel?
Wir hatten ursprünglich natürlich grosse Pläne: Autotracker, Drohne übers Büro und so weiter. Davon hat uns unsere Rechtsanwältin abgebracht. Es ist aber erstaunlich, wie einfach solche Überwachungsinstrumente erhältlich sind. Dies ist nicht nur eine Frage des Geheimdienstes, sondern auch kommerzieller Anbieter. Die ganze Nummer geht auch auf den Aspekt ein, dass Big Data nicht nur wegen der geheimdienstlichen Überwachung ein Problem ist, sondern auch wegen der kommerziellen Ausspionierung. Auf der anderen Seite haben wir bestimmte Informationen zurückbehalten, etwa aus dem familiären Umfeld, weil wir fanden, diese seien zu persönlich.
Was wollten Sie mit der Ausgabe erreichen?
Wir wollten zeigen, wie einfach es ist, jemanden zu überwachen, ohne dass er es merkt - was Rückschlüsse auf die Praxis der Geheimdienste, aber auch anderer Institutionen zulässt. Wir wollten zeigen, dass die Geheimdienste über ungleich grössere Möglichkeiten verfügen. Wir wollten zeigen, wie unangenehm Überwachung ist und welche Konsequenzen sie haben kann. Und wir wollten mit der ganzen Nummer, die viele weitere Artikel und Themen enthält, generell für das Thema sensibilisieren.
Interview: Seraina Etter

