21.01.2008

"Die Rückkehr ist mir leicht gefallen"

Anfang Januar hat Dirk Schütz den Chefredaktoren-Posten der "Bilanz" übernommen. Die Zukunftsaussichten des Wirtschaftsmagazins sind rosig -- nach der Schliessung von "Cash" stammen die verbliebenen Konkurrenten des Blatts grösstenteils ebenfalls aus dem Hause Springer. Im Interview mit "persoenlich.com" sagt Schütz, wieviel Kritik an den Wirtschaftsmächtigen er bei der "Bilanz" zulassen, und wie er dem Titel zu mehr Relevanz verhelfen will.

Herr Schütz, vor gut einem halben Jahr wurde "Cash" geschlossen, Sie als Chefredaktor entschlossen sich, Ringier zu verlassen. Erweist sich dieses Unglück für Sie nun als Glück?

"Die Bilanz" als Wirtschaftsmagazin mit gut recherchierten Geschichten, mit personalisierten Storys und einer hohen Bildqualität hat in der Tat sehr gute Perspektiven. Gerade auch weil sich das Konkurrenzumfeld gelichtet hat. Mit "Cash" ist ein direkter Wettbewerber im Wirtschaftsbereich weggefallen, mit "Facts" ein Magazin mit hoher Leserzahl. "Die Bilanz" ist jetzt erst recht die stärkste Wirtschaftsmarke und die stärkste Magazinmarke in der Schweizer Presselandschaft. Da ist mir die Rückkehr -- ich war ja Ende der neunziger Jahre stellvertretender Chefredaktor -- sehr leicht gefallen.

In publizistischer Hinsicht besass die "Bilanz" zuletzt wenig Ausstrahlung. Wie wollen Sie dem Blatt wieder zu mehr Relevanz verhelfen?

Wir müssen originäre Recherche bieten. Mit den Gratiszeitungen und Online-Medien findet diese kaum mehr statt. Wir wollen und können für unsere Artikel mit den entscheidenden Personen reden -- und nicht nur am Schreibtisch sitzen, im Internet surfen und dann Berichte tippen.

Ihr Vorgänger hat stark auf die Karten Lifestyle und Luxus gesetzt. Werden Sie das auch tun?

Diese Themen werden weiterhin eine bedeutende Rolle spielen, aber das Heft soll wieder stärker auf die Wirtschaft ausgerichtet werden. Für mich ist wichtig, dass die Bilanz im Herzen der Wirtschaft gelesen wird, weil sie über das Herz der Wirtschaft berichtet. Ich habe das Gefühl, dass man sich zuletzt etwas an den Rand bewegt hat.

Sie gelten als wirtschaftskritischer Journalist. Wird die "Bilanz" wieder vermehrt die Praktiken der Wirtschaftsmächtigen hinterfragen?

Ich habe mit Leidenschaft Ökonomie studiert und war stets ein überzeugter Marktwirtschaftler.

Das schon. Aber als "Cash"-Chefredaktor haben Sie sich doch immer mal wieder mit Topmanagern angelegt...

Als ich "Cash" übernommen hatte, war die Zeitung in der Tat eher wirtschaftsfeindlich. Wir haben das Blatt dann wieder marktwirtschaftlich ausgerichtet, auch wenn das nicht überall wahrgenommen wurde.

Aber in der Frage der Saläre haben Sie wiederholt scharfe Kritik an den Managern geübt. Erinnern wir uns: Rainer E. Gut hatte sich geweigert, in der "Arena" aufzutreten, falls Sie dabei sind.

Gerade als Marktwirtschaftler kann man doch kritisieren, wenn sich bei Managern Lohn und Leistung zuweilen nicht decken und sowohl bei der Auswahl als auch bei der Bezahlung marktwirtschaftliche Kriterien vernachlässigt werden. Derartige Praktiken können das kapitalistische System in Misskredit bringen. Wir haben damit in dieser Frage redaktionell eine ähnliche Linie gefahren wie der "Economist", das "Wall Street Journal" oder auch die "NZZ".

Noch einmal: Wird das Blatt den Schmusekurs mit den Mächtigen der Wirtschaft unter Ihnen fortsetzen?

Als ich in den Neunziger Jahren für die Bilanz arbeitete, galt das Credo: "Wir schreiben nicht für die Wirtschaft, sondern über die Wirtschaft". Das soll auch heute gelten. Ich sehe uns als Sympathisanten der Wirtschaft, aber wir sind nicht unkritisch. Oberstes Gebot ist, faktentreu zu schreiben -- unsere Informationen müssen um jeden Preis stimmen. Wenn wir dabei auf Missstände stossen, gehört es auch dazu, darüber zu berichten.

Springer-CEO Ralph Büchi soll der "Bilanz"-Redaktion das Budget gekürzt haben.

Das stimmt nicht: Das Budget ist nicht zusammengestrichen worden. Die "Bilanz" produziert mit einer sehr kleinen Crew ein hochstehendes Heft. Wir verfügen über eine sehr gute Mannschaft, zu der einige der erfahrensten Wirtschafts- und Magazin-Journalisten des Landes zählen.

Wie muss man sich die Koexistenz von "Bilanz" und "Handelszeitung" an der Förrlibuckstrasse vorstellen?

Jede Publikation ist für sich sehr gut positioniert. Zusammen mit Stocks verfügen wir über eine Marktmacht von 80 Prozent in der Schweizer Wirtschaftspresse. Das ist eine sehr schöne Ausgangslage.

Die beiden Redaktionen sind im Jean-Frey-Gebäude auf der gleichen Etage angesiedelt. Tauscht man sich da auch mal aus und liefert dem Kollegen des Schwesterntitels einen Primeur?

Das ist gar nicht nötig, denn dazu sind die beiden Publikationen zu verschieden. Die "Handelszeitung" ist ein Wochenblatt mit kürzeren Artikeln, die "Bilanz" ein Magazin, das zwei Mal im Monat erscheint und auf Hintergrund setzt. Das Schöne ist, dass ein wirtschaftsinteressierter Leser beide Titel lesen kann, denn sie ergänzen sich hervorragend.

Die Leserzahlen der "Bilanz" sind in den vergangenen fünf Jahren eingebrochen. Haben Sie von Springer die Zielvorgabe erhalten, dass die Zahlen wieder die früheren Werte erreichen müssen?

Der Einbruch der Leserzahlen liegt vor allem am Wechsel des Erscheinungsrhythmus vor drei Jahren. Es ist offensichtlich, dass die Bilanz weniger Leser pro Ausgabe erreicht, seit sie zweimal statt wie früher nur einmal pro Monat erscheint. Es wäre deshalb illusorisch zu glauben, dass wir zu den früheren Werten zurückkehren können Zuletzt sind die Leser- und Auflagenzahlen aber wieder gestiegen. Darauf können wir aufbauen.

Gemäss einem Bericht vom "Schweizer Journalist" hat Ralph Büchi "Cash" den Todesstoss gegeben hat, indem er Ringier für den Abonnenten-Stamm eine horrende Summe geboten haben soll. Steht diese Sache nicht zwischen Ihnen und Büchi?

Nicht der Axel-Springer-Verlag hat "Cash" den Todesstoss gegeben, sondern der Ringier-Verlag, der das Blatt eingestellt hat. Dass Axel Springer zugegriffen hat, kann ich sehr gut verstehen. Ich hätte dies genauso getan. Man hat einen Hauptkonkurrenten aus dem Markt genommen und gleichzeitig die eigene Position gestärkt.

Zum Schluss die Frage: Wie haben Sie eigentlich die Einstellung von "Cash" verdaut. Ist da immer noch eine Wut im Bauch?

Ich habe Ringier verlassen und fühle mich jetzt sehr wohl bei einem Verlag, der auf Qualitätsjournalismus setzt und keine Gratiszeitungen herausgibt.

(Interview: David Vonplon)


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