21.11.2007

"Die Schweiz ist nicht Deutschland. Noch nicht."

Replik* von Christoph Grenacher.

Es ist zappenduster in der Schweiz. Die Medien gar mitverantwortlich für die "schleichende Vergiftung des deutsch-schweizerischen Verhältnisses". Sagt und schreibt Heiner Geissler, der deutsche Schweizer, kürzlich in einem "Tages-Anzeiger"-Interview und jetzt in einem Kommentar für die "NZZ am Sonntag". Die Schweiz sei "ein etwas skurriles Biotop" geworden, klagt der ehemalige CDU-Parteigeneral dem "Tages-Anzeiger", "weniger offen und skeptischer gegenüber Fremden". Kurzum auf dem besten Weg zur rechten Radikalisierung, schimpft Geissler und tadelt in der "NZZ am Sonntag", es mangle den Deutschschweizern gar an der Fähigkeit "Ab- und Andersartige einfach umzubringen".

Versucht sich da ein Deutscher in Ironie?

Nein, in Nachhilfe: "Die bürgerschaftlich-freiheitliche Gesinnung, die überall in der Schweiz anzutreffen war, ist einer diffusen, fast rechtsradikalen Atmosphäre gewichen", schreibt Geissler und meldet uns in die Hoffnungslosigkeit ab: "Die Schweizer Luft ist noch nationalkonservativer als früher geworden, autoritär, reaktionär, romantisierend rückwärtsgewandt, die heile Welt beschwörend, antimodern, gegen die Emanzipation der Frau, für autoritäre Erziehung und Prügelstrafe, gegen supranationale Einbindung und alles Fremde und vor allem gegen Europa -- alles Eigenschaften, die den klassischen Konservativen fremd waren."

Tönt flockig von einem Mann, der als anfänglich treuer Vasalle Helmut Kohls perfekt den kalten Krieger markierte, indem er konstatierte, der Pazifismus der 30er Jahre habe "Auschwitz erst möglich gemacht". Ein paar Jahrzehnte später schiebt der zum Kritiker des Marktradikalismus gewandelte Geissler zwar fast entschuldigend nach, man müsse "zuspitzen, wenn man gehört werden will." Wohl wahr! Und doch wünscht man dem Mann, der -- Ausnahme "Dent Blanche" -- von all unseren Viertausendern in die helvetischen Täler spähte, einen etwas konziseren Gipfelblick.

Halten wir mit etwas Statistik folgendes fest: Zum Verdikt in den Wahlen 2007 hat eine Minderheit von 48,9 Prozent aller stimmberechtigten Bürgerinnen und Bürgern beigetragen. Nun kann man ein Land durchaus nur anhand seiner staatsaktiven Minorität beurteilen. Doch selbst dann dürfen wir Geissler neue Zuversicht schenken -- und widmen uns dazu einer kurzen Rechnerei: Die SVP kam bei den Wahlen auf 31%; nehmen wir die je halben Prozentpunkte von EDU und Lega noch dazu, kommen wir auf nicht ganz ein Drittel aller Wählerstimmen.

In der Mitte machten FDP und CVP je hälftig genauso 31% , mit den 2% der LPS, den 1,5% der Grünliberalen und 1% der EVP ist die lavierende Mitte mit 35,5% mathematisch stärker als die ihr traditionell nahe stehende Rechte. Links wird mit SP (21,5%), Grüne (10%) PdA und CSP (je 0,5%) wiederum knapp ein Drittel aller Wählenden vereinnahmt. Kurzum: Wir sind, gesinnungsmässig, eine Drittelschweiz geworden -- doch der Mann aus dem Norden schlägt unbeirrt emsig die Totenglocke.

Etwas mehr Gelassenheit wäre angebracht. Die begründete übrigens bereits 1966 der Schriftsteller Max Frisch in einem Vortrag vor der Vereinigung der kantonalen Fremdenpolizeichefs. Die Rede ist, trotz heutzutage akzentuierter politischer Polaritäten, von zeitlos schweizerischer Aktualität:

"Was die Schweiz für viele Leute so anziehend macht, dass sie sich hier niederzulassen wünschen, ist vielerlei: ein hoher Lebensstandard für solche, die ihn sich leisten können; Erwerbsmöglichkeit; die Gewähr eines Rechtsstaates, der funktioniert. Auch liegt die Schweiz, geographisch, nicht abseits: sofort ist man in München oder Paris oder Mailand oder Wien. Man muss hier keine abseitige Sprache erlernen; wer unsere Mundart nicht versteht, wird trotzdem verstanden in einer Sprache, in der er überlegen ist. Nicht zu vergessen die Auswahl an Landschaften. Und so weiter. Nicht zuletzt aber, vermute ich, ergibt sich eine Anziehung daraus, dass dieses Land keinen politischen Sog hat; ich meine: man wird hier nicht in Kämpfe verstrickt.

Wer sich hier niederlässt, hat sich an die Gesetze zu halten, aber diese sind nicht umstritten; er wohnt nicht zwischen Revolutionären und Konterrevolutionären, die ein Für und Wider abverlangen, und geschossen wird nur sonntags an geeigneten Plätzen. (...) Aber wenn er kein Neuling im Lande ist, weiss er, dass alles, was hier geschehen kann, ein Kompromiss ist, also massvoll. Das gefällt ihm an diesem Land, dass es ihn als Land ja nichts angeht . Hier lässt sich leben, ‚Europäer sein’. Eine Anhänglichkeit, wie sie sich nach Jahren einstellt auch bei Leuten, die sich zuerst eher herablassend umgesehen haben, halte ich für ehrlich; oft entsteht fast eine Liebe zur Schweiz, genauer vielleicht: Eine Vorliebe, hier zu leben und nicht anderswo, sagen wir: ein Gefühl."

Für Gelassenheit auch in der Beurteilung des Fremden, des Ungewohnten, des Neuen wäre also zu plädieren in diesem Kompromiss-Land ohne politischen Sog. C.G. Jung aus Küssnacht irrt zwar nicht im Grundsatz, umso mehr aber der ihn zitierende Geissler: Anderswo mag der Irrsinn bei Menschen selten, bei Völkern aber tatsächlich die Regel sein -- in der Schweiz trifft dies aber definitiv nicht zu. Geisslers Anmerkung im Interview des "Tages-Anzeiger", er habe den Eindruck, die Schweizer sähen in Blochers Vergangenheit als erfolgreicher, international tätiger Unternehmer eine Garantie dafür, dass all die Ideen, welche die SVP sehr akzentuiert vertrete, "am Ende nicht so heiss gegessen, sondern in eine moderate, bürgerliche, international verträgliche Form umgetopft werden", relativiert denn auch sein Schweizer Totenglöcklein.

Der deutsche Schweizer mag die Unfähigkeit von Sozialdemokraten, Freisinnigen und Christlichdemokraten gegenüber der Propagandawalze der SVP bedauern, er kann zu Recht darüber lamentieren, dass die Medien ihre Rolle im Wahlkampf nur schwach besetzt haben und er liegt so falsch nicht in seiner Analyse, dass die SVP die Werte der klassischen Konservativen weder achtet noch jemals ernsthaft für sich in Betracht gezogen hat und "das Nationale politisiert, zur Fremdenangst missbraucht und die Schweizer zu Nationalisten machen will."

Mit seiner Prognose, der Deutsche werde nun für den Schweizer das, was der Pole seit Jahrzehnten für den Deutschen verkörpere, irrt Geissler allerdings gewaltig. Kollektives, gar staatsbetriebenes Vergeltungsdenken war nie eine Sache der Eidgenossen -- oder, um nochmals auf Frisch hinzuweisen, das "Gefühl unverbindlicher Eingesesssenheit" im Kleinstaat bietet einen enorm grösseren Spielraum für persönliches Denken, weil, "der Kleinstaat, ohnmächtig wie er ist, kein Götze werden kann, dem der Einzelne sich zu opfern hat".

Darum hinkt auch Geisslers Verweis im Interview des "Tages-Anzeiger" auf die landesweit ausgebrochene deutsche Empörung ob dem Abdruck aller drei Strophen des Deutschlandliedes auf der Einladung eines CDU-Ortsverbandes aus der Pfalz: Die Schweiz, dieser Kleinstaat der Individuen, kennt -- schwarze Schafe hin oder her -- das Mittel der kollektiven Ächtung kaum, ist in der nationalen Empörung eher ungeübt und in der historischen Aufarbeitung ihrer Vergangenheit mit der kriegstreibenden Reisläuferei ein paar Jahrhundert weiter als Deutschland mit dem präsenten Trauma des Nationalsozialismus.

Wenn also dort, wie unlängst auf einer Anzeige zu sehen, ein deutscher Schäferhund ein blonddeutsches Model leckt und begattet, geht das Kalkül der verantwortlichen Werbeagentur (die notabene von einem Schweizer mitgeleitet wird) voll auf. Die ganzdeutschweite Empörung schwappt in alle Medienkanäle, füllt die Feuilletons und äufnet die noch immer beträchtliche Restanz schlechten deutschen Gewissens: Wir leben doch nicht mehr in der Abartigkeit!

Unsereins, von der Geschichte schon länger verschont und auch nach dem Wahlgang vom 27. Oktober noch immer ein Mehrparteienstaat mit höchster demokratischer Kontrolle, unsereins hat zur halbnationalen Empörung unter Auschluss aller Romands und Tessiner lediglich einen verhinderten Eurovision Song Contest-Gewinner sizilianischen Ursprungs, der mit Mamas (deutscher!) Karosse den Schweizer Medienkonzern zugezogener Hugenotten entert.

Noch ist die Schweiz, lieber Heiner Geissler, nicht Deutschland. Noch nicht.


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