13.02.2008

"Die sind einfach ziemlich forsch unterwegs"

An der Falkenstrasse stellt man heute fest: Die Marktdominanz der Tamedia im Grossraum Zürich ist ein Faktum. Der Konzern an der Werdstrase habe mittlerweile die Macht, politische Karrieren zu lancieren, schrieb "NZZ am Sonntag"-Chefredaktor Felix E. Müller vorige Woche in einem Kommentar. Doch welche Auswirkungen hat die angebliche Machtkonzentration der Tamedia? "persoenlich.com" hakte bei Müller nach. Das Interview:
"Die sind einfach ziemlich forsch unterwegs"

Herr Müller, glauben Sie, dass die "NZZ" im Raum Zürich keinen publizistischen Einfluss mehr hat?

Natürlich hat sie einen publizistischen Einfluss. Aber das Haus Tamedia verfügt mit der grössten abonnierten Tageszeitung der Schweiz, einem TV-Sender, einem Lokalradio, zwei Gratiszeitungen, den Regionalsplits des "Tages-Anzeigers" mittlerweile über eine wahre Stalinorgel von Kommunikationskanälen.

Sie kommen zum Schluss, dass die Tamedia Personen wie Christoph Mörgeli zur Karriere verholfen hätten. Ist das nicht eine Übertreibung?

Der politische Einfluss von Tamedia äussert sich in der zentralen Rolle, die dieses Haus heute bei der Organisation von Wahlen im Kanton Zürich spielt. Zahlreiche Podien werden von Tamedia organisiert, vom Chefredaktor des "Tages-Anzeigers" oder vom Programmleiter von Tele-Züri oder von Radio 24 moderiert und von diesen Medien übertragen. Da stellt sich doch immer die Frage: Wer wird eingeladen? Wer nicht? Die Karriere von Christoph Mörgeli begann mit TeleZüri. Und Doris Fiala etwa wäre sicher nicht in den Nationalrat gewählt worden ohne ihre regelmässige Präsenz auf diesem Sender. Dieser steht im übrigen eher der SVP nahe. Das Haus Tamedia ist heute politisch durchaus breit aufgestellt.

Glauben Sie denn tatsächlich, dass Christoph Mörgeli ohne Tamedia keine Karriere gemacht hätte?

Nein, das sage ich nicht. Aber er hat davon sicher profitiert.

Welche Personen werden von der Tamedia begünstigt, welche erhalten keine Plattform, um sich zu präsentieren?

Diejenigen, die keine Chance erhalten, kennt man eben nicht. Dafür die andern: bei TeleZüri etwa Christoph Mörgeli, Ueli Maurer, Roger Köppel, Doris Fiala, Daniel Jositsch.

Wie sehr ist die Stärke der Tamedia im Raum Zürich Ihrer Ansicht nach eine Folge der Schwäche der "NZZ"?

Ich nahm in meinem Kommentar eine Zustandsanalyse vor, nicht eine Ursachenforschung.

Sie schreiben über die schädliche Wirkung der Monopole in der Südostschweiz, im Aargau und der Marktmacht der Tamedia in Zürich. Unterschlagen Sie damit nicht, dass die NZZ Gruppe in St.Gallen und Luzern ebenfalls Quasi-Monopolistin ist?

Ich habe mich auf das Thema Lokalradio- und Lokalfernseh-Konzessionen konzentriert, wo eine Neuverteilung dieser Konzessionen ansteht. Dabei stehen die drei Gebiete im Zentrum der Aufmerksamkeit, wo Roger Schawinski ernstzunehmende Projekte lanciert hat. An den beiden von ihnen erwähnten Gebieten ist Schawinski im Moment nicht interessiert. Im übrigen droht in der Ostschweiz dem "St. Galler Tagblatt" ein Verlust der TV-Konzession.

Es ist eher ungewohnt, dass Sie als Chefredaktor der "NZZaS" die Konkurrenz direkt angreifen. Kann man Ihren Kommentar auch als Ausdruck dafür lesen, dass das Klima zwischen den beiden Verlagshäuser schlechter geworden ist?

Ich greife niemanden an und ich werfe dem Haus Tamedia keine Sekunde lang unredliche Methoden vor. Die sind einfach ziemlich forsch unterwegs. Somit beschreibe ich nur einen Zustand, den man bei der Neuvergabe von Radiokonzessionen berücksichtigen sollte. Wie das Klima zwischen den Spitzen der beiden Verlagshäusern ist, weiss ich nicht. Ich beobachte einfach die Zürcher Medienszene aufmerksam. Und da ist die heutige Marktdominanz von Tamedia ein Faktum.

(Die Fragen wurden Felix Müller schriftlich zugestellt. Bearbeitung: David Vonplon)


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