13.06.2002

"Die Süddeutsche Zeitung agiert antizyklisch"

Einer der Redner an der Verlegertagung vom Mittwoch war der Geschäftsführer der Süddeutschen Zeitung, Dr. Hans Georg Gasser (Bild). "persoenlich.com" hat ihn anschliessend zur Situation der Medien in Deutschland befragt, wo im Anzeigenbereich ein ähnlich rauer Wind weht wie momentan in der Schweiz. Das Interview:
"Die Süddeutsche Zeitung agiert antizyklisch"

In der Schweiz spricht man zur Zeit quasi vom "Vorabend einer Pressekrise". Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

Nun, wir stecken momentan sicherlich auch in einer Krise. So hatten wir Einbrüche im Anzeigengeschäft, wie sie, glaube ich, in den letzten Jahrzehnten so nicht da gewesen sind. Das liegt sicherlich auch zu einem grossen Teil daran, dass viele der deutschen Zeitungen in den Jahren 98, 99 und 2000 Anzeigenumsätze auf sehr hohem Niveau vorweisen konnten.

Woher aber nun dieser starke Einbruch? Wird denn nicht mehr geworben in Deutschland?

In erster Linie ist es das Stellenanzeigengeschäft, das krankt - was natürlich auch für die Süddeutsche und für die FAZ im Speziellen gilt.

Doch auch der kommerzielle Bereich krankt, denke ich.

Die kommerziellen Anzeigen sicherlich auch, aber für den enormen Einbruch, dafür ist klar das Stellengeschäft bei den grossen überregionalen Zeitungen verantwortlich.

Ist das Ganze konjunkturell bedingt, oder glauben Sie, dass es auch um strukturelle Probleme geht und die Verleger grundsätzlich umdenken müssten?

Ich glaube, im Stellenanzeigengeschäft ist es in erster Linie konjunkturell bedingt. Wir haben eine Arbeitsmarktsituation, die einfach keine Stellenanzeigen auslöst. Es wird Personal abgebaut, es gibt Einstellungsstopp, mit der Folge, dass keine Stellenanzeigen geschaltet werden. Es gibt aber auch einzelne Branchen, die strukturelle Probleme haben, so zum Beispiel der Kfz-Bereich.

Wie haben Sie konkret bei der Süddeutschen darauf reagiert?

Wir setzen seit Ende vergangenen Jahres auf eine Reihe von Kostensenkungsprogrammen. Leider auch, wie es die Wirtschaft ebenfalls tut, mit Reduktionen unserer Marketing-Spendings in einem bestimmten Ausmass. Wir restrukturieren, wir überlegen, was "nice to have" ist und was wir tatsächlich haben müssen.

Zeitungen benutzen das Argument gegenüber ihren Kunden, dass man antizyklisch werben sollte, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Aber wenn Sie nicht mit leuchtendem Beispiel vorangehen und gleich handeln wie Ihre Kunden, wie soll das denn wieder aufwärts führen?

Das Antizyklische kommt natürlich in erster Linie aus der Wissenschaft, und ich habe in der Praxis in Krisen dieses Antizyklische nur in höchst seltenen Fällen erlebt. Die Süddeutsche Zeitung agiert dennoch antizyklisch. Wir haben eine Reihe von Projekten, expansive Projekte, die wir unabhängig von dieser schweren wirtschaftlichen Situation vorantreiben. Also so gesehen sind wir eigentlich auch Vorbild, in einer Krise sehr offensiv zu sein und auch aktiv am Markt.

Ein Beispiel?

Wir haben seit Anfang Mai eine neue SZ am Wochenende, ein Wochenend-Supplement für die Süddeutsche Zeitung am Samstag. Und wir investieren nach wie vor sehr stark in unsere Internet-Aktivitäten.

Was ist das Fazit Ihres Vortrags von heute?

Wir sollten nicht den Mut verlieren. Ich glaube an die Tageszeitung, ich glaube an die Bedeutung dieser Gattung, an ihre Zukunft. Wir müssen uns schneller an veränderte Rahmenbedingungen anpassen. Aber wir haben unveränderte Chancen, im Konzert der Medien die wichtigste Rolle zu spielen.


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