10.09.2008

"Die Verleger haben sich ihre Zeitungen zurückerobert.”

Vor fünf Jahren wurde "Südostschweiz"-Verleger Hanspeter Lebrument zum Präsidenten des Verbandes Schweizer Presse gewählt. In dieser Zeit hat sich einiges geändert: So dominiert innerhalb des Verbandes nicht mehr ein Kuschelkurs, sondern handfeste Auseinandersetzungen. Aber auch Lebruments Auftreten sorgte neben Bewunderung immer wieder für Irritationen. In “persönlich rot” blickt der ewige Rebell auf seine bisherige Amtszeit zurück. Ein Ausschnitt aus dem Interview:
"Die Verleger haben sich ihre Zeitungen zurückerobert.”

Herr Lebrument, Sie sind seit fünf Jahren Präsident des Verbandes Schweizer Presse. Wie lange wollen Sie dieses Amt noch ausüben?

(Lacht) “Hans Heinrich Coninx hat im Rahmen seiner Abschiedsrede 2003 auf seine zwölfjährige Tätigkeit hingewiesen und festgehalten, dass ein Verlegerpräsident mindestens eine zweistellige Anzahl von Jahren in diesem Amt verbringen sollte. Dies galt auch für seinen Vorgänger Max Rapold und alle mir bekannten früheren Präsidenten. Ich möchte diese Tradition nicht abbrechen, also bleibe auch ich zehn Jahre. Es sei denn, die Mitgliederversammlung wünscht einen Wechsel. Diese Kontinuität hat dem Verband Schweizer Presse gut getan.”

Unter Ihrer Amtsführung kam es zu bislang unüblich harten Auseinandersetzungen zwischen den Journalistenorganisationen, dem Presserat und dem Verlegerverband.

“Sie haben recht, diese Art der Auseinandersetzung war für den Verlegerverband neu. Allerdings erinnere ich mich, dass wir in den Siebzigerjahren und Anfang der Achtzigerjahre harte Auseinandersetzungen hatten. Grosse Verlage wie etwa Tages-Anzeiger und Ringier sind damals aus dem Verband ausgetreten. Das Klima Anfang dieses Jahrtausends war einer der Gründe, dass man mich zum Präsidenten gewählt hat. Wir Verleger standen in vielen Bereichen im Abseits. Vor meinem Amtsantritt existierte noch ein Branchen-Gesamtarbeitsvertrag (GAV), welcher die innere Pressefreiheit sehr exzessiv formulierte. Dadurch wurde den Verlegern der Zugang zum redaktionellen Teil sehr erschwert, sodass nur noch strategische Vorstellungen in Form von Leitbildern und Statuten denkbar waren. Mittlerweile gibt es keinen GAV mehr, und der Verband Schweizer Presse ist Mitglied des Presserates. Die Zeit, als ausschliesslich die Journalistenverbände für medienethische Fragen und Selbstkontrolle zuständig waren, ist vorbei. Die Besitzer, die Verleger, entscheiden zusammen mit den Journalisten in diesen Fragen.”

Waren die Auseinandersetzungen notwendig?

“Zweifelsohne. Es störte mich schon lange, dass wir Verleger im redaktionellen Teil einer Zeitung wenig zu sagen hatten. Das Gleiche galt auch für den Anzeigenteil. Hier hatten die Vermittler das Sagen. Zudem behinderte das neue Wettbewerbsrecht den Zusammenschluss und die Kooperation von regionalen Zeitungen. Diese Lösung war nicht mehr zeitgemäss und bewirkte, dass die lokalen Medien immer mehr in den Hintergrund getreten sind. Diesbezüglich wurden während meiner Amtszeit Veränderungen herbeigeführt, das heisst, das Wettbewerbsgesetz wurde revidiert, und die Presseartikel verschwanden aus dem Gesetz. Kurz gesagt: Die Verleger haben sich ihre Zeitungen vor allem im inhaltlichen Bereich wieder zurückerobert.”

Ihr Führungsstil stiess aber nicht immer auf Zustimmung. Man denke an Ihre Dreikönigstagsrede 2006, als Sie sich – gegen die offizielle Haltung des Verbandes – gegen die Presseförderung ausgesprochen haben und zugleich den Presserat attackierten.

“Diese Rede bewirkte immerhin, dass eine interessante Debatte über die Frage, wie weit Subventionen die Unabhängigkeit der Presse gefährden, stattfand. Seit 1997 sind die Postsubventionen für die Presse von 270 Millionen auf 30 Millionen Franken jährlich zurückgegangen. Die Kritik am Presserat bewirkte, dass die Journalistenverbände mit dem Verband Schweizer Presse nach 25-jährigen erfolglosen Gesprächen in ernste Verhandlungen eintraten, die dann auch dank guter Verhandlungsführung zum Erfolg führten. So gesehen zeigte der ‘Klimawandel’ Wirkung. Mittlerweile haben sich die meis-ten an meinen Stil gewöhnt. Ich muss aber wohl damit leben, dass man meine Reden nicht immer versteht.”

Wie gehen Sie damit um?

“Eigentlich kümmert es mich nicht allzu stark, ob ich überall verstanden werde oder nicht. Wichtig ist mir, dass die wenigen Reden, die ich als Verbandspräsident halte, Wirkung zeigen. Beispiel: die Rede über die Online-Aktivitäten der SRG. Unser Verband hat sich klar und deutlich gegen das Anliegen der SRG gestellt, ihre Online-Produkte zu kommerzialisieren. Nach meiner Rede folgte eine harte politische Auseinandersetzung mit dem Resultat, dass der Bundesrat unser Anliegen in die Verordnung aufgenommen hat.”

Das Verhältnis innerhalb Ihres Präsidiums ist in den letzten Jahren ruppiger geworden: Peter Wanner, der zu den Präsidiumsmitgliedern gehört, griff unlängst Tamedia-CEO Martin Kall ungewohnt hart an. Das Gleiche gilt für die Auseinandersetzung zwischen BAZ-Verleger Matthias Hagemann und Peter Wanner. Inwiefern belasten solche Konflikte das Verhältnis innerhalb des Präsidiums?

“Der Konkurrenzkampf innerhalb der Branche ist in den letzten fünf Jahren zweifelsohne härter geworden, was sich auch auf unser Präsidium auswirkt. Unser Verband setzt sich aber primär für gute Rahmenbedingungen ein, unternehmerisch können wir nicht sehr viel offerieren. Aber es ist klar: In der Ära Coninx von 1992 bis 2003 waren die Töne weitaus sanfter und die Beziehungen freundschaftlicher.”

Sie selbst haben die Tamedia attackiert, als Sie vor zwei Jahren Ihre eigene Sonntagszeitung im Kanton Graubünden einführten.

“Nein, die Tamedia hat mich angegriffen. Damals wollte die Zustell- und Vertriebsorganisation AG (Zuvo), die gemeinsame Tochtergesellschaft von NZZ und Tamedia, mir gerichtlich verbieten, die Sonntagsausgabe herauszugeben, weil ich in ihren Augen Marktvorteile ausnütze. Nach kurzer Zeit war dieser Streit jedoch beigelegt, und er war auch nie ein Thema zwischen Hans Heinrich Coninx oder Martin Kall und mir.”

Vor Ihrer Zeit als Verbandspräsident galten Sie als ewiger Rebell. Hat Ihnen der Rollenwechsel ins Präsidium Mühe bereitet?

“Man hat mich ins Präsidium geholt, um mich ‘stillzulegen’. Man kann einen Rebellen schalten und walten lassen oder, was bei mir der Fall war, ihn einbinden. Ich musste mich in meiner jetzigen Funktion überhaupt nicht verkrümmen und kämpfe immer noch für die gleichen Anliegen wie früher. Vor meiner Zeit gehörten die Verleger zur vornehmen Gesellschaft, wobei es als wenig konform galt, sich für die eigenen Anliegen einzusetzen. Zwischenzeitlich hat sich der Verband Schweizer Presse zum wichtigsten Medienverband entwickelt, der gegenüber der Politik und der SRG über ein beachtliches Ansehen verfügt.”

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Schaut man sich das diesjährige Kongressprogramm des Verbandes Schweizer Presse an, vermisst man die traditionelle Ansprache des Bundespräsidenten.

“Zu dieser Zeit findet jeweils auch die Generalversammlung der UNO statt, sodass Pascal Couchepin nicht kommen kann. Wir hatten ihn bereits vor vier Jahren einmal eingeladen, leider sagte er uns kurzfristig ab, weil er lieber mit Gerhard Schröder wandern ging. Stattdessen ist Frau Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf unser Gast. Ich glaube aber, dass sich Couchepin in diesem Jahr auch ohne unseren Anlass genügend profilieren konnte. Übrigens: Couchepin hat mich letztes Jahr als Leiter einer Delegation zu einem Werbegipfel eingeladen, an welchem unter anderem auch die Verantwortlichen der SRG, der Schweizer Werbung, der APG – Affichage, des bsw, des Schweizerischen Werbeauftraggeberverbandes und der Publicitas vertreten waren. Wir haben uns bei diesem Gespräch gegen Werbeverbote und Werbeeinschränkungen gewehrt. Der Bundespräsident hat uns zugesichert, dass während seiner Amtszeit die Werbefreiheit nicht eingeschränkt werden soll.”

(Interview: Matthias Ackeret)



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