01.12.2022

Peter Wälty

«Die Weltwoche ist nichts für Snowflakes»

Die neue Website der Weltwoche ist seit einem Jahr live. Ein Gespräch mit dem beratenden Digitalchef Peter Wälty über «tiefschwarze Zahlen», die «Million-Dollar-Question schlechthin», die Zusammenarbeit mit Roger Köppel – und seine Zukunft.
Peter Wälty: «Die Weltwoche ist nichts für Snowflakes»
«Roger Köppel wurde in der Kronenhalle an den Nebentischen begrüsst wie der Bruce Springsteen des Journalismus»; Peter Wälty, beratender Digitalchef der Weltwoche. (Bild: zVg)
von Tim Frei

Herr Wälty, die neue Website der Weltwoche ist einjährig geworden. Ein Grund, die Korken bereits vor Weihnachten knallen zu lassen? 
Was wir in den Analyse-Tools sehen, gibt tatsächlich Anlass zur vorweihnächtlichen Freude. 

Ob Anzahl Aufrufe von «Weltwoche Daily» oder die Userschaft der neuen Website respektive App, die mittlerweile bei 800'000 Personen liegt: Das Wachstum hat sich laut einer Medienmitteilung «über das ganz Jahr hinweg kontinuierlich entwickelt». Wurden Ihre Erwartungen übertroffen?
Unsere Erwartungen wurden bereits einen Tag nach der Lancierung geradezu pulverisiert. Wir standen im Januar – also einen Monat nach Lancierung – bei Werten, die wir gemäss Businessplan nach zwei Jahren erwartet hatten. Alle relevanten KPIs hatten sich über Nacht verdreifacht. Aber wir hatten durchaus auch schwächere Monate. Das war nach der Aufhebung der Pandemiemassnahmen. Da liess das Interesse nach. Diese Erfahrung haben vermutlich die meisten Titel gemacht.   

Apropos Zahlen: Wie viele Monatsabos sind derzeit aktiv?
Absolute Zahlen nennen wir nicht. Ich kann Ihnen aber verraten, dass wir in den vergangenen zwölf Monaten eine Steigerung der Digital-Abo-Zahlen um 60 Prozent sehen. Im Vergleich zur Vorjahresperiode sogar um mehr als 100 Prozent. Und Sie sprechen es an: Das Monatsabo. Im Februar haben wir das lanciert. Das gab's vorher nicht. Die Arbeitshypothese war: Leserinnen und Leser steigen zunehmend auch über einzelne Inhalte in eine Abobeziehung ein, nicht über den Medientitel an sich. Und hier galt es, ihnen ein Angebot zu machen, das sich preislich im Bereich einer Printausgabe am Kiosk bewegt. Das hat sich bewahrheitet. Auch die Niederschwelligkeit einer Subscription über die App hat sich ausgezahlt.  

«Wir haben den ganzen Laden auf den Kopf gestellt»

Ab wann soll die Website selbsttragend sein? Welche Parameter müssen sich verbessern, damit dies erreicht wird?
Wir haben im Businessplan die Kosten sehr hart kalkuliert. Das Ziel der Übung war, eine grösstmögliche und gleichzeitig faire Kostenwahrheit herzustellen. Und Sie werden es vermutlich nicht glauben, wir sind tiefschwarz nach zwölf Monaten Betrieb. Der Dank geht an das Sales-Team um Florian Schwab und unseren Vermarkter Audienzz. Sowie an die Lesermarkt-Bearbeitung, für die Samuel Hofmann verantwortlich ist. Aber das Geheimnis liegt auch in der Kostenkontrolle. Wir sind auf WordPress bei der Firma SEAIO. Das kostet einen sehr überschaubaren Hosting-Betrag. Das war für mich eine gänzlich neue Erfahrung. Keine exorbitanten Lizenzgebühren. Und vernünftige Beträge für Weiterentwicklung.   

Jedes neue Projekt hat seine Kinderkrankheiten. Welche war die herausforderndste?
Nun, man muss etwas sehen: Wir haben den ganzen Laden auf den Kopf gestellt. Neues Backend, neues Frontend, neue Userverwaltung, neue Abo-Angebote, Zusammenführung von Datenbanken, neues publizistisches Konzept, neue Organisation der Redaktion mit unserem digitalen Übertalent Roman Zeller als Leiter und Lukas Egli als Produktionschef, neue Markenführung et cetera. Das sind Prozesse, die am ehesten mit einer Alpenfaltung vergleichbar sind. Episch. Da gibts natürlich Verwerfungen und Fehler. Der grösste Fuck-up geschah wohl am ersten Tag.

Und zwar?
Wir hatten die Userzahlen zu konservativ kalkuliert und zu wenig Prozessorenleistung eingekauft. Die Seite war für viele Leserinnen und Leser nicht erreichbar. Das nächste Projekt sollte unsere App sein. Sie kommt mir so holprig vor wie die Rakete im Intro zu den «Flash Gordon»-Filmen aus den Dreissigerjahren.

Bei der neuen Weltwoche Digital setzen Sie auf ein Metered-Freemium-Modell – gewisse Inhalte sind kostenlos, andere kostenpflichtig. Weshalb war es eigentlich kein Thema, auf eine harte Paywall zu setzten wie dies Markus Somm mit nebelspalter.ch tat?
Wenn man sich über Jahre für User-Verhalten interessiert und dazu Daten intensiv studiert, entwickelt man mindestens so etwas wie informierte Intuition für das, was funktionieren könnte, oder für das, was mit grosser Wahrscheinlichkeit scheitern wird.  

«Mein Mandat bei der Weltwoche läuft im nächsten Jahr aus»

Die Paywall des Nebelspalters soll aufgeweicht werden, wie Somm in einem persoenlich.com-Interview erwähnt hat. Wie deuten Sie das? Ist die Zahlungsbereitschaft für journalistische Inhalte im Internet nach wie vor ein Knackpunkt?
Knackpunkt? Ob Pay wirklich breitbandig funktionieren kann, ist die Million-Dollar-Question schlechthin. Für die Weltwoche indessen kann ich sie beantworten. Es funktioniert. Auch dank der Überschaubarkeit der Organisation und damit der Kostenkontrolle. Aber wir sind in einem publizistischen Nischenbetrieb. Off Mainstream mit einem grossen und wachsenden Publikum. Titel mit einem grossen Overhead oder einer regionalen Ausrichtung haben's da erheblich schwerer. Aber auch solche, die's einfach nicht checken.  

Es ist das erste Mal, dass Sie mit einem Chefredaktor zusammenarbeiten, der Politiker ist. Das stelle ich mir anspruchsvoll vor. Sind die Fetzen zwischen Ihnen und Roger Köppel oft geflogen? Oder wie erleben Sie die Zusammenarbeit?
Jeder Journalist, jede Journalistin kann sich glücklich schätzen, einmal im Leben mit Roger Köppel zusammengearbeitet zu haben. Kürzlich waren wir zusammen essen. Er wurde in der Kronenhalle an den Nebentischen begrüsst wie der Bruce Springsteen des Journalismus. Im Laufe des Abends stellte sich heraus: Man kann mit ihm eine anspruchsvolle Diskussion über die milieubedingten Vor- und Nachteile der Sozialisierung von Superman und Batman führen wie auch über die Besetzung jeder Jazzband von Weather Report bis zum Modern-Jazz-Quartett. Und ...

Ja?
... heute war ich in seinem Büro und sah acht Migros-Säcke mit Heideggers Gesamtwerk. Der Mann ist ein intellektuelles Phänomen. Von seiner Produktivität gar nicht zu sprechen. Ihm gebührt mein allergrösster Respekt. Und ja, ab und zu fetzt es. Aber die Weltwoche ist nichts für Snowflakes. Hier wird hart und offen diskutiert. In der Regel gewinnt das bessere Argument. Manchmal auch der Chef. 

Sie gelten als «James Bond des Onlinejournalismus»Was ist die neue Mission von 007?
Mein Mandat bei der Weltwoche läuft im nächsten Jahr aus. Ich führe verschiedene Gespräche. Grade heute Abend ein sehr spannendes mit einem Start-up. Nochmal in eine Corporate-Umgebung? Mal schauen. Das nächste Projekt ist der neue James-Bond-Bildband über die Dreharbeiten zu «On Her Majesty's Secret Service» in der Schweiz – meinem Lieblings-Bond-Film. Der Arbeitstitel ist «The Blofeld Files». Erscheint voraussichtlich im Frühsommer bei Steidl.



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Kommentare

  • Urs Merkli, 06.12.2022 11:09 Uhr
    Für die klassischen Abonnenten stimmt das Angebot nicht. Zu viel Werbung online (im Gegensatz zu Konkurrenzmedien) sowie meiste Artikel freigeschaltet.
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