Bernhard Weissberg, vor zwei Jahren verliessen Sie den "Blick" wegen unterschiedlichen Auffassungen. Bereuten Sie diesen Schritt nie?
Den "Blick" leiten zu können war schön. Genauso wie früher den "SonntagsBlick" und später dann "heute". Aber das ist vorbei und heute verfolge ich andere Ziele. Ich schaue nach vorne, nicht zurück.
Wie gefällt Ihnen der "Blick" heute?
Den "Blick" zu machen war und ist immer ein harter Job. Das weiss ich ja aus eigener Erfahrung. Deshalb halte ich mich bei der Beurteilung zurück.
Er sollte ja nach Ihrem Weggang "blutiger" werden. Ist er das nun?
Mein Credo als Chefredaktor war, dass eine Boulevard-Zeitung in der Schweiz eine Mischung zwischen klassischen Boulevard-Geschichten und relevanten Storys aus Politik und Wirtschaft sein sollte. In den letzten zwei Jahren betonte der "Blick" eher die - wie Sie sagen - "blutigen" Themen, ich würde sagen: Die klassischen Boulevard-Themen. Michael Ringier hat diesen Frühling bekanntlich angekündigt, dass wieder mehr relevante Themen ins Blatt kommen sollen. Wie ich den "Blick" im Detail sehe, sage ich aber Michael Ringier und Marc Walder direkt und nicht via Ihr Medium.
Sie haben die Gratiszeitung "heute" lanciert. Wie zufrieden sind Sie mit dem Nachfolgerblatt "Blick am Abend"?
Mir gefällt wie "heute" und "Blick am Abend" bewiesen haben, dass man aus dem Hause Ringier auch eine lockere, jüngere Boulevardzeitung machen kann, die beim jungen Publikum ankommt. "heute" war von Anfang an anders als eine klassische Boulevard-Zeitung. Wir versuchten zum Beispiel boulevard-untypisch eine ironische Distanz zu People-Geschichten zu nehmen und mit einem Augenzwinkern über die Promis zu berichten. Mich freut, dass die Idee von "heute" in Form vom "Blick am Abend" erfolgreich ist.
Was halten Sie vom Newsroom?
Der Newsroom ist eine unternehmerische Notwendigkeit: Man muss die Kräfte bündeln, Doppelspurigkeiten verhindern und Kosten sparen. Eigentlich signalisiert der Newsroom den Wechsel vom handwerklichen zum industriellen Journalismus. Im Gegensatz zu früher existiert nun eine einzige grosse Redaktion, die möglichst viele - und immer mehr! - Kanäle bedienen muss. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Menschen in dieser Mega-Redaktion fast keine Zeit mehr haben nachzudenken, zu überlegen, zu hinterfragen. Deshalb braucht es meiner Ansicht nach mehr denn je institutionelle Nachdenk-Pausen wie etwa eine Blattkritik. Sie war mir ein wichtiges Führungs-Instrument und diente der Qualitätskontrolle.
Heute führen Sie eine eigene Firma: Weissberg Consulting. Wie läuft es?
Es läuft ganz gut. Ich bin zufrieden. Mein Portfolio ist breit, so breit wie mein Background. Es ist eine neue Welt, trotzdem hat sie mit der Vergangenheit zu tun.
Was genau machen Sie?
Ich berate Menschen in Führungs-Positionen, analysiere und konzeptioniere für sie, entwickle die Positionierung von Person und Unternehmen, helfe in kommunikativen Krisensituationen oder schreibe Reden. Einfach alles, damit der Kunde positiv wahrgenommen wird. Diejenigen aus dem letzten Jahr waren auch sehr zufrieden, wie man auf meiner Homepage www.weissberg.ch lesen kann. Die Adresse habe ich übrigens vor zehn Jahren bei meinem Abschied vom SonntagsBlick geschenkt bekommen. Jetzt kann ich sie gut gebrauchen.
Welches sind Ihre Kunden?
Darunter ist wie gesagt Ringier. Wir sind ja in Frieden auseinander gegangen. Ansonsten halte ich mich an das "Kommunikationskundengeheimnis": Meine aktuellen Kunden schätzen Diskretion.
Was machen Sie für Ringier konkret?
Ich spreche mit Marc Walder und Michael Ringier über verschiedenste Themen.
Haben Sie Angestellte?
Nein, ich arbeite grundsätzlich alleine, kann aber auf ein Netzwerk von weiteren Fachleuten zurückgreifen.
Wie heben Sie sich von den Mitbewerbern ab?
Ich bin ein Multi-Paket, eine gute Mischung zwischen Journalist und Manager, mit einer Prise Gründergeist. Ich war als junger Berufsmann Mitgründer des Bieler Radios "Canal 3" und anschliessend sowohl Chef der Station wie Chefredaktor des Senders zugleich. Auch bei Ringier war mein erster Job eine Managementaufgabe: ich sanierte das Dokumentationszentrum. Später kehrte ich in den Journalismus zurück und führte als Chefredaktor "SonntagsBlick" und "Blick", dazwischen gründete ich die Abendgratiszeitung "heute". Zudem war ich über vier Jahre lang Mitglied der Konzernleitung bei Ringier, also wieder in einer Managementverantwortung. Dieser breite Background und das in über 30 Jahren entstandene Netzwerk hilft, mit Verwaltungsratspräsidenten, CEOs und Kommunikationschefs auf Augenhöhe diskutieren zu können und sie so kompetent zu unterstützen.
Wie empfanden Sie den Wechsel vom Journalismus in die Kommunikationsbranche?
Das Wichtigste war ein neues Umfeld zu finden, in dem ich mich wohlfühlte. Das ist mir mit meinem Büro und meinen ersten Kunden gelungen. Wie gesagt, ich bin Wechsel gewohnt. Nach meinem Abgang bei Ringier habe ich immer nach vorne geschaut und mich auf das Neue gefreut.
Was war die Schwierigkeit?
Der Wechsel vom Team- zu einem Solo-Player. Ich bin ein Chef, der gern im Team arbeitete, der seine Leute forderte und zu Höchstleistungen animierte. Plötzlich allein in einem Büro zu sitzen war am Anfang schon ungewohnt. Aber zum Glück komme ich gut mit mir selber aus. Es war einfach ein Umgewöhnen.
Als Ringier-Journalist interessierten Sie sich vor allem für die Fehler der Menschen. Als Kommunikationsberater rücken Sie Ihre Klienten in ein gutes Licht. Fällt Ihnen diese Kehrtwende nicht schwer?
Ich versuchte auch als Chefredaktor, eine Geschichte möglichst attraktiv darzustellen. Nun berate ich Leute, die etwas Gutes tun, nämlich ein Unternehmen erfolgreich führen, tolle Produkte herstellen oder pfiffige Dienstleistungen anbieten und zudem vielen Menschen Arbeit geben. Ich helfe ihnen, dass ihre unternehmerischen Leistungen in den Medien besser wahrgenommen werden. So gesehen sind die beiden Jobs gar nicht so verschieden.
Trotzdem: Früher hofften Sie, dass die Leute sich nicht professionell verhielten und den Journalisten Sachen preisgaben, die dann eine super Schlagzeile lieferten. Heute raten Sie Ihren Kunden, sich geschickt vor den Journalisten zu verhalten und heiklen Fragen auszuweichen. Ist das kein Verrat?
Natürlich lebt man im Journalismus von den Fehlern der Leute. Aber in den Ringier-Zeitungen und -Zeitschriften finden sich immer wieder auch positive Geschichten. Solche sind jetzt auch Teil meines Metiers. Ich suche die positiven Geschichten in Menschen und Unternehmen, die dann ja auch interessant für die Medien sind. Aber Sie haben schon recht: Dort, wo ich helfe, Fehler zu vermeiden, verhindere ich da und dort eine negative Schlagzeile.
Ihr erstes Mandat war für den Post-Chef Michel Kunz. Wenige Monate nach Ihrer Beratung verliess er den Posten. Was lief schief?
Michel Kunz war tatsächlich mein allererster Kunde. Als ich mit ihm Kontakt aufnahm war schon bekannt, dass es grosse Differenzen zwischen ihm und dem Verwaltungsratspräsidenten Claude Béglé gab. Ich beriet ihn am Anfang aber nicht in diesem Knatsch, sondern primär wollte er von mir eine Analyse zum Image der Post.
Natürlich unterstützte ich ihn dann auch in Bezug auf sein Verhalten gegenüber Claude Béglé. Aber es war schon zu spät. Nur wenig später musste Michel Kunz den Hut nehmen. Offensichtlich waren da zwei Menschen aufeinander geprallt, die es garantiert nicht miteinander konnten. Und leider hat der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger nichts unternommen, die Situation zu entschärfen. Am Schluss musste er beide in die Wüste schicken. Das war ein trauriges Kapitel - auch in Sachen Führung.
Es war Ihr erstes Mandat. Wie wirkte diese Negativschlagzeile auf Sie?
Das war unglücklich. Denn Michel Kunz war ein interessanter und auch menschlich angenehmer Kunde. Doch leider war er bereits in einer Situation, in der ich ihm nicht mehr viel helfen konnte. Das Geschirr war schon fast vollständig zerschlagen.
War das kein Imageschaden für Sie?
Ich hoffe nicht, dass die Leute das so sehen. Die Schuldfrage lag ja nicht primär bei Michel Kunz, obwohl er auch einen Fehler beging, als er der "Basler Zeitung" ein Interview über eine mögliche Briefkastengebühr gab. Das Publikum war natürlich sauer. Es wollte auf keinen Fall auch noch für die Post "Steuern" zahlen. Moritz Leuenberger liess Kunz in der Folge im Regen stehen - was Beglé nutzte, um den ungeliebten CEO abzusetzen. Schade, dass Michel Kunz weder mit mir noch seiner Kommunikationsabteilung vorher über dieses Interview sprach. Wir hätten ihm sicher davon abgeraten.
Würden Sie dieses Mandat rückblickend wieder übernehmen?
Ja, auf jeden Fall. Ich bin Dienstleister für Leute in Verantwortungspositionen. Als Radiogründer, Chefredaktor und Mitglied der Ringier-Konzernleitung war ich selber immer wieder in vergleichbaren Funktionen tätig. Ich weiss, wie schwierig es ist, klar zu denken, wenn man zum Beispiel selbst mitten in einer Krise steckt. Und wie hilfreich es sein kann, wenn man sich von einem Aussenstehenden beraten lassen kann.
Sie sind bei der Ringer-Agentur Poolposition als Moderator aufgeführt. Welche konkreten Aufträge haben Sie?
Ich habe sieben Jahre lang erfolgreich "SonntagsBlick Standpunkte" moderiert. Von daher könnte ich gut wirtschaftliche oder politische Podien moderieren. Wenn ich an Kongressen bin, wundere ich mich manchmal über die Gesprächsführung. Ich würde gerne zeigen, dass man das anders machen kann.
Welche nächsten Pläne haben Sie?
Ich will den eingeschlagenen Weg weiter verfolgen und habe ja noch Kapazitäten für weitere Kunden. Ich geniesse im Vergleich zu meinen "Blick"-Jahren mehr Freiheit in der Zeiteinteilung, was meiner Familie und mir zugute kommt. Im Moment stimmt meine Work-Life-Balance.
Könnten Sie sich vorstellen, zu Ringier zurückzukehren?
Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Das steht im Moment nicht zur Diskussion.
Interview: Christine Schnyder

