28.01.2008

"'Du' ist mehr als nur eine Zeitschrift"

Anfang Februar erscheint die erste Ausgabe des neu konzeptionierten "Du". Neuer Verleger der traditionsreichen Kulturzeitschrift ist "persönlich"-Verleger Oliver Prange. Aber auch der neue Du-Chefredaktor ist kein Unbekannter: Der Zürcher Walter Keller hat sich in der Kulturbranche als Scalo-Verleger, als Initiant des Winterthurer Fotomuseums und als Herausgeber verschiedener Bestseller wie “Dumm und dick” einen Namen gemacht. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt er, wie er das "Du" zum Erfolg führen will.
"'Du' ist mehr als nur eine Zeitschrift"

Walter Keller, Sie sind neuer Chefredaktor der Kulturzeitschrift "Du". Warum gehen Sie dieses Wagnis ein?

Ich habe den Job angenommen, weil es um das "Du" geht. Ich hätte kaum bei einem anderen, auch keinem anderen kulturpublizistischen, Medium zugesagt. Die Geschichte von "Du" ist erstaunlich und fasziniert mich so, dass ich gar nicht Nein sagen konnte.

Ist dies nicht gar idealistisch?

Überhaupt nicht. "Du" war über lange Zeit ein Leitmedium für viele Leute, die nicht hauptberuflich im Kulturbereich tätig waren. Doch in den letzten drei Jahrzehnten folgte ein Zerfall der Du-spezifischen Kulturberichterstattung. Nachdem Chefredaktor Dieter Bachmann den Sessel geräumt hatte, wurde die Redaktion immer wieder neu zusammengestellt. "Du" kam zur Tamedia, dann zum Niggli Verlag, bevor es schliesslich vom ‘persönlich’-Verleger Oliver Prange übernommen wurde. Ein solcher mehrmaliger Verlags- und Redaktionswechsel würde jede andere Marke zerstören. Dies ist beim Du aber erstaunlicherweise nicht geschehen. Die Zeitschrift kam zwar ins Wanken, hat aber überlebt, und sei es nur aus kulturpolitischer Verantwortung der jeweiligen Verleger. Deshalb denke ich, dass "Du" mehr als nur eine Zeitschrift ist. Es ist quasi zur Institution geworden und hat auch in schwierigen Zeiten nichts von seiner Strahlkraft und Sexiness verloren. Das beeindruckt mich.”

Warum soll es ausgerechnet dem Du gelingen, gegen den Strom der Vereinheitlichung zu schwimmen?

Vielleicht deshalb, weil das "Du" keiner Zeitung beigelegt wird, sondern als eigenständige Marke existiert. Es ist dem Druck der Komplexitätsreduktion nicht im gleichen Masse ausgesetzt. Innerhalb von Publikumszeitschriften hat sich die Vielfältigkeit der Texte, der Stoffe, der Art des Schreibens, wie oben erwähnt, massiv reduziert. Die heutige Kulturberichterstattung ist eher reaktiv und geht meist nur auf bereits existierende Ereignisse, Themen und Moden ein. Durch diese Vereinheitlichung ist publizistisch ein markantes Vakuum entstanden. Hier sehe ich Chancen für das "Du". Es muss wieder zurück zu seiner alten, offenen, freien Form. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir eine Publikumszeitschrift brauchen, die sich die Frechheit herausnimmt, Themen unabhängig vom Fetisch der Aktualität zu setzen. Und dass eine solche Zeitschrift Chancen auf dem Markt hat. Noch immer träumen viele vom alten "Du". Es ist Teil ihrer Biografie, sie haben davon gehört oder ein paar Nummern im Antiquariat durchgesehen. Dieses Gefühl der Community müssen wir auf neue Lesergenerationen übertragen.”

Gibt es ein Vorbild für Ihr Du?

Gibt es ein Vorbild für Ihr Du?

Gibt es auch weiterhin Themennummern?

Im Vergleich zu bisher in veränderter Form. Selbstverständlich wird es in unserem Heft auch weiterhin thematische Schwerpunkte geben, gleichzeitig muss sich das "Du" aber weiter öffnen. In diesem Punkt war das alte "Du" zu starr. Interessierte man sich beispielsweise nicht für Astrid Lindgren -- das Hauptthema einer der letzten Ausgaben --, war man als Leser verloren. Hier will ich anders akzentuieren. Ich suche den guten Mix. Ich möchte ein Text- und Stoffniveau, das anspruchsvoll ist, welches aber den potenziell Interessierten nicht abschreckt. Es ist inhaltlich der Versuch, sich ein wenig von dem oberflächlichen, schnellen und eventbezogenen Berichterstatten zu lösen und eine Schicht tiefer zu gehen.”

Wer soll Ihr Heft überhaupt lesen?

Zum Ermitteln unserer Leserschaft taugt die populäre Leserforschung nicht wirklich. Dabei befragt man 500 Teilnehmer und erhält lediglich Antworten derjenigen, die sich sowieso für das Thema interessieren und bei so etwas gerne mitmachen. Das so erhaltene Resultat kann man innerhalb von fünf Sekunden selbst herausfinden. Die potenziellen Du-Leserinnen und – Leser gehören zur politisch offenen ‘Intelligenzija’. Sie haben wahrscheinlich drei Schulstufen hinter sich, sind an den schönen Dingen des Lebens, wie Möbel, Kleider, Essen, Ausgehen, Auto und Design, interessiert. Sie sind eher städtisch orientiert, besitzen Kaufkraft, sind qualifiziert. Das ist eine spannende Leserschaft. Übrigens auch für die Werber!”

Was können die Leser in der ersten Ausgabe erwarten?

In der ersten Ausgabe bringe ich die deutsche Erstveröffentlichung eines nigerianischen Erzählers. Es handelt sich um eine völlig wahnsinnige Geschichte eines Ehepaars aus Ruanda. Geschrieben ist sie aus der Sicht eines neunjährigen Mädchens: eine für Presseverhältnisse endlos lange Geschichte, besser als jeder Krimi. Im ersten Heft gibt es zudem ein ‘Heft im Heft’: 40 Seiten zur UBS Young Art. ‘Ausgerechnet von der UBS, die ja im Moment nicht den besten Ruf hat’, werden viele denken. Innerhalb ihrer Art-Collection hat die UBS eine Sektion aufgemacht zur Förderung junger Künstler. Sie haben ein Buch kreiert und eine Ausstellung in Zürich produziert, welche lediglich von wenigen hundert Personen besucht wurde. Ich konnte dies nicht fassen. So habe ich das Buch genommen, die 120 Seiten auf 40 gekürzt, auseinandergerissen und neu zusammengestellt.

Das Du als Werbeheft für die UBS ...

Mit einer solchen Story exponiert man sich zweifelsohne. Sicherlich werden mir einige Leser vorwerfen, Werbung für die UBS zu machen. Für eine Sonderbeilage zu kämpfen und auch transparent zu deklarieren, dass sie von der UBS finanziert wurde, ist heute möglicherweise die grössere Provokation, als ein Schamhaar zu zeigen. Doch ich halte unsere Leserschaft für sehr mündig und urteilsfähig. Vielleicht wird mir das Feuilleton das Heft um die Ohren schlagen. Aber ich gehe davon aus, dass es der Leserschaft gefällt, weil sie differenziert und reif denkt.

Mit dem Scalo Verlag sind Sie schlussendlich gescheitert. Wie verhindern Sie, dass Ihnen dasselbe mit dem Du passiert?

Zum Untergang des Scalo Verlags haben viele Faktoren beigetragen. Erstens ungünstige Marktbedingungen, zweitens der Tod meines langjährigen Partners George Reinhart sowie -- drittens -- auch Selbstverschulden. Mein Fehler war, dass ich viel zu lange an eine Überlebenschance des kleinen ‘Independent Publisher’ glaubte. Ich klammerte mich zu lange an eine Illusion. Heute bin ich realistischer, eine solche Tragödie passiert mir kein zweites Mal.”

(Interview: Matthias Ackeret)

--> Mehr Informationen unter: http://www.du-magazin.com

So sieht das neue "Du" aus:


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