20.07.2011

"Eigentlich ist der Erfolg von 'Wer wird Millionär?' gar nicht erklärbar"

Das laufende Jahr ist für Günther Jauch, den erfolgreichsten deutschen Moderator und Quizmaster, ein wichtiges: In wenigen Wochen startet er mit einem Polittalk am Sonntagabend in der ARD. Zuvor erlernte er aber noch einen Beruf, den er in seiner Lebensplanung niemals vorgesehen hatte: Er wird Winzer. "persönlich" traf den deutschen Showmaster und Journalist zum Gespräch. Das Interview:
"Eigentlich ist der Erfolg von 'Wer wird Millionär?' gar nicht erklärbar"

Herr Jauch, dieses Jahr ist sehr wichtig für Sie. Zum einen sind Sie Winzer geworden, zum andern lösen Sie im Herbst Anne Will am Sonntagabend mit Ihrer eigenen Talkshow ab.

Sie haben recht, in diesem Jahr kommt wirklich sehr viel zusammen. Der Sonntagabend auf der ARD ist ein sehr wichtiger Sendeplatz, was einen gewissen Druck auslöst. Das ist aber auch richtig so: Ich habe 21 Jahre "Stern-TV" moderiert und hätte sicherlich noch um weitere Jahre verlängern können. Doch ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Manchmal ist es auch richtig, einen neuen Weg einzuschlagen. Die ARD hat mir bereits vor vier Jahren die Möglichkeit gegeben, eine Sonntagabendsendung zu moderieren. Damals kamen wir aber nicht richtig zusammen, sodass das Projekt nicht zustande gekommen ist. Es spricht nun für die ARD, dass es beim zweiten Mal klappt. Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe.

Haben Sie Quotenvorgaben?

Nein, doch den Quotendruck mache ich mir selber. Der Sonntagabend erzielt bei der ARD meist hohe Quoten. Aber diese hängen nicht nur vom Thema unserer Sendung, sondern auch vom «Tatort» ab, der vorher gesendet wird. Dabei gibt es sicherlich auch sperrigere Themen, welche nicht so quotenrelevant sind.

Spüren Sie bereits Druck von Politikern und Lobbyisten?

Nein, das wäre auch sehr ungewöhnlich.

Was werden Sie anders machen als Ihre Vorgängerinnen Anne Wille oder Sabine Christiansen?

Ich bin kein Anhänger grosser Ankündigungen. Ich würde gerne einfach anfangen, und dann sehen wir weiter. Hätte mich jemand vor dem Start von «Wer wird Millionär?» gefragt, was an der Sendung neu oder spannend sei, so hätte ich zunächst auch nur mit den Schultern gezuckt. Der Ablauf ist ganz einfach: Jemand kommt in eine Sendung und muss 15 Fragen beantworten. Schafft er dies nicht, wird er wieder nach Hause geschickt und der Nächste kommt. Höchstwahrscheinlich hätten sich die meisten gewundert, was an einer solchen Sendung überhaupt interessant sei.

Ein absolut banales Konzept.

Ja, das ist der entscheidende Punkt. Eigentlich ist der Erfolg dieser Sendung überhaupt nicht erklärbar. Bereits nach den ersten Sendungen schrieb die grösste deutsche Sonntagszeitung: "Den grössten Fehler hat aber Günther Jauch begangen, als er die Moderation dieser Sendung übernommen hat."

Dann war das aber ein sehr mutiger Entscheid von Ihnen, diese Sendung zu moderieren.

(Lacht.) Nein, das war überhaupt kein mutiger Entscheid. Vor zwölf Jahren haben wir lediglich ein paar Sendungen geplant. Nach den ersten paar Folgen haben wir aber entschieden, die Sendung weiterzuführen. So hat sich das weiterentwickelt. Bis heute habe ich mit RTL keinen Vertrag unterschrieben, sondern wir haben uns nur per Handschlag oder Zuruf geeinigt. Theoretisch könnte der Sender morgen anrufen und mitteilen, dass ich nächste Woche nicht mehr zu kommen brauche ...

Oder umgekehrt.

Oder umgekehrt. Wenn ich keine Lust mehr auf die Sendung habe, könnte ich unser Arbeitsverhältnis binnen einer Woche beenden.

Kann dies je der Fall sein?

Im Moment sicher nicht.

Einer Ihrer besten Freunde, Thomas Gottschalk, zieht sich diesen Sommer langsam in den Ruhestand zurück. Sie hingegen bauen Ihr Pensum ständig aus.

Das täuscht. Ursprünglich hatten wir pro Woche drei Folgen von «Wer wird Millionär?» ausgestrahlt, heute hat es sich bei zwei Sendungen eingependelt. Während «SternTV» zwei Stunden dauerte, ist die neue ARD-Sendung lediglich eine Stunde lang. Zudem moderierte ich früher viele Sportsendungen wie die Champions League oder Skispringen. Dies könnte ich heute zeitlich gar nicht mehr bewältigen, da ich neben dem Weingut auch noch eine eigene Produktionsfirma in Köln habe.

Welche Sendung produzieren Sie mit dieser Firma?

Den grossen Jahresrückblick, die Chartshows bei RTL, "5 gegen Jauch", viele weitere Shows für RTL und auch Unterhaltungssendungen für die ARD.

In Deutschland ist es Usus, dass viele Moderatoren eine eigene Firma haben. Welche Vorteile ergeben sich dadurch?

Sie kennen die Mitarbeiter, und die Produktion ist aus einem Guss und kommt aus einer Hand. Böse Überraschungen sind selten.

Haben Sie sich auch schon mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass Sie einmal nicht mehr im Fernsehen auftreten?

Ja, aber bis dahin ist es wohl doch ein noch eher weiterer Weg.

Sie wechseln mit Ihrer Sendung nun vom Privatfernsehen zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Gibt es da grosse Mentalitätsunterschiede?

Man kann heute aufgrund einzelner Sendungen zum Teil nicht mehr unterscheiden, ob es sich um einen Privatoder um einen öffentlich-rechtlichen Sender handelt, welcher das Programm ausstrahlt. Sehen Sie aber einen halben Tag fern, dann erkennen Sie den Unterschied. Das duale System, wie wir es in Deutschland haben, hat viele Vorteile. Die Vorstellung, wonach es nur noch öffentlich-rechtliche Anstalten oder Kommerzsender gäbe, wäre für mich schwer erträglich. Mit dem viel gehörten Pauschalvorwurf, wonach das Fernsehen lediglich Unsinn ausstrahle, kann ich nichts anfangen. Dank des Kabelanschlusses werden fast alle Bedürfnisse abgedeckt, und man kommt mittlerweile zu jeder Tagesund Nachtzeit auf seine Kosten. Was für ein Unterschied zu meiner Kinderzeit! Damals gab es lediglich einen, später zwei Sender. Diesen Zustand möchte ich nicht mehr erleben.

Wo sehen Sie die Aufgabe des öffentlichrechtlichen Fernsehens, wo diejenige des privaten?

Kommerzielles Fernsehen muss wirtschaftlich erfolgreich sein. Öffentlich-rechtliches Fernsehen bekommt Gebühren und soll bilden, unterrichten und unterhalten. Die Einschaltquote ist dort nicht das Mass aller Dinge, sondern Radio und Fernsehen sollen in erster Linie die mediale "Grundversorgung" der Menschen sichern.

In der Schweiz wurde soeben eine Petition eingereicht, wonach die Konzessionsgebühren von 462 Franken jährlich auf 200 Franken gesenkt werden sollen. Haben Sie Verständnis für ein solches Anliegen?

Grundsätzlich verstehe ich, wenn Gebührenzahler niedrigere Gebühren bevorzugen, aber mir fehlen die Kenntnisse, um zu beurteilen, ob das im Schweizer Fall auch eine faire Forderung ist.

Was schauen Sie sich im Fernsehen an, wenn Sie alleine zu Hause sind?

Nachrichten, Talk, Dokumentationen und auch Shows. Ich habe keine klassische Lieblingssendung. Ich bevorzuge aber Programme, in denen reelle Ereignisse gezeigt werden. Mit fiktionalen Programmen wie Krimis oder Hollywoodfilmen kann ich hingegen überhaupt nichts anfangen.

Wie lange ist die Verfallszeit eines Fernsehmoderators, der vom Bildschirm abtritt?

Mit jedem halben Jahr, in welchem man nicht mehr auf dem Bildschirm erscheint, fällt ein gewichtiger Prozentsatz derjenigen weg, die einen noch kennen. Ich erinnere mich an einige Fernsehinstanzen meiner Jugend, die heute eher in Vergessenheit geraten sind. Wenn Sie heute auf der Strasse eine Umfrage machen, wer Hanns-Joachim Kulenkampff war, wird sich ausser ein paar Älteren niemand mehr an ihn erinnern.

Kurt Felix ist bei uns in der Schweiz immer noch eine Ikone.

Das ist auch etwas anderes: Kurt Felix befindet sich immer noch im besten Alter. Von ihm stammt doch die geniale Lebensaufteilung: im ersten Drittel des Lebens zu lernen, im zweiten Drittel zu arbeiten und im dritten zu geniessen. Ich habe mich für ein anderes Modell entschieden, sonst hätte ich schon aufhören müssen.

Kennen Sie ihn?

Ich kenne ihn, ohne ihn zu kennen. Ich war einmal in seiner Sendung "Verstehen Sie Spass?" eingeladen. Da an diesem Wochenende aber meine Tochter zur Welt kam, konnte ich nicht hingehen, sodass er mir via Fernsehen einen Stoffbären überreichte, der immer noch bei uns zu Hause herumsteht. Wir nennen ihn Paola.

Interview: Matthias Ackeret

Das vollständige Interview mit Günther Jauch lesen Sie in der Juli-Ausgabe von "persönlich".


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