07.05.2012

"Ein Beitrag dauert solange, bis alles gesagt ist."

Er ist der Zentralschweizer Radiopionier und einer der letzten Universal-Journalisten. Alfons Spirig, Geschäftsführer von Radio Central, denkt nicht ans Aufhören, sondern an das Wachstum seiner Sender. Der jüngste Coup des 64-Jährigen: Die Übernahme von Radio Sunshine. Der eigensinnige Schwyzer spricht über seine Radio-Pläne, monopolartige Konzentrationen und sein ländliches Sendegebiet. Das Interview:
"Ein Beitrag dauert solange, bis alles gesagt ist."

Herr Spirig, als Radiopionier bezeichnet Sie Ihr Geschäftspartner Hugo Triner (Verleger Bote der Urschweiz). Sind Sie der Roger Schawinski der Zentralschweiz?

Ich darf mich mit Roger Schawinski nicht vergleichen. Er hat für die Radioszene Schweiz Gewaltiges geleistet. Aber er war in meinen Anfängen bei Radio Sunshine vor 29, 30 Jahren natürlich eine Referenzgrösse. Ich habe mich an ihm orientiert und mitverfolgt, was er leistet. Ich hoffe, sein Pioniergeist hat ein bisschen abgefärbt: Denn die Power von Roger Schawinski wollte ich selbst auch entwickeln.

Man gab Ihnen wenig Kredit, als Sie vor über zwanzig Jahren mit Radio Schwyz (heute Radio Central) angefangen haben. Was war ausschlaggebend für Ihren Erfolg?

Wir haben ein paar Sachen gemacht, die andere Privatradios nicht machten. Ich erinnere daran: Wir haben Ländler am Radio eingeführt, ein Musikgenre, welches sonst nirgends mehr gespielt wird. Wir haben zu diesem Genre Spezialsendungen kreiert. Wir haben auch Schwingen live übertragen, was sonst niemand macht. Mit solchen Programmen haben wir nach wie vor Erfolg und erzielen gute Quoten. Dazu kommt unser Informationsradio in der Prime-Time, das in der Region seinesgleichen sucht. Wir sind in sieben Kantonsparlamenten immer dabei, um live zu berichten. Ein wesentlicher Faktor ist denn auch die Nähe zu unseren Hörern. Wir waren von Anfang an viel draussen und haben viel live gesendet.

Sie sind persönlich bekannt als Radio-Kommentator von Schwingfesten. Was ist der Reiz für das Publikum am "Schwingen hören"?

Schwingen hören ist gut gesagt. Ich möchte, dass der Radiohörer das Schwingen auch spürt, riecht und sieht. Schwingen wird diesen Ansprüchen besonders gerecht. Ein Schwingfest dauert einen ganzen Tag. Der Sport steht nicht alleine im Vordergrund, sondern das gesellschaftliche Ereignis - Kommunikation. Wir versuchen die Atmosphäre und die Emotionen am Radio zu vermitteln. Am Eidgenössischen in Frauenfeld haben wir von morgens um acht bis abends um sechs Uhr durchgesprochen, ohne einen Takt Musik zu spielen – was im Radio als völlig verpönt gilt. Wir verbuchten an diesem Tag über 320'000 Hörer. Der Hörer-Trend beim Schwingen ist denn auch gewaltig, vor allem wenn man bedenkt, dass auch das Schweizer Fernsehen das Eidgenössische live überertragen hat. Dank DAB+ haben wir bei Schwingfesten Zuschaltungen aus der ganzen Schweiz.

Sie sind einer der letzten "Universal-Journalisten", melden sich am Mikrophon zu Politik, Gesellschaft und verschiedenen Sportarten zu Wort. Wie geht das?

Ich bin vielleicht noch der Letzte – nach Roger Schawinski (lacht) –, der Geschäftsleiter ist, selber Sendungen macht und dazu noch als Reporter raus auf die Strasse geht. Ich glaube, das gibt es nicht mehr, wir sind Auslaufmodelle. Wir gehören eben noch zur Pioniergeneration.

Könnte sich ein junger Journalist heute überhaupt noch so thematisch zerstreuen?

Angefressene Junge könnten das sicher auch. Aber der Zeitgeist hat sich gewandelt. Heute ist eine andere Art Journalist gefragt. Früher haben wir am Morgen die Buchhaltung, am Mittag eine Infosendung und am Abend noch irgend eine Reportage gemacht. Die Vielseitigkeit von damals ist heute strukturell nicht mehr möglich.

Gibt es Radiosender, von denen Sie sich inspirieren lassen?

Es gibt einige gute Sender. Was mir aber besonders auffällt, ist die Angleichung der Radiosender, die meisten unterscheiden sich praktisch nicht voneinander. Es gibt massenhaft Pop-Musik-Radios und nur wenige andere, die sich mehr auf die Information konzentrieren. Ich denke da an Roger Schawinskis Radio 1, Radio Rottu oder BeO und uns von Radio Central, die sich deutlich von der Masse abheben. Ein eigentliches Vorbild habe ich nicht. Die Qualität unserer regionalen Information sollte aber mindestens derjenigen der Regional-Journale von Radio DRS entsprechen.

Sie erreichen heute mit der Übernahme von Radio Sunshine 320'000 Hörer, weitaus mehr als Ihr einziger Konkurrent in der Region Radio Pilatus (177'000). Streben Sie eine Monopolsituation in der Zentralschweiz an?

Wir wollen genau das Gegenteil. Wir versuchen der monopolartigen Situation in der Region als anderes, starkes Medienhaus zu begegnen. Unsere Situation ist die, dass in der Luzerner Agglomeration mit der NLZ, ihren Kopfblättern in der ganzen Zentralschweiz sowie ihrem Radio Pilatus plus Tele 1 eigentlich eine monopolartige Situation besteht. Radio Central und Radio Sunshine hätten sicher noch eine paar Jahre so weitermachen können, aber irgendwann wäre die Rechnung für die beiden nicht mehr aufgegangen. Was liegt auf der Hand? Die beiden einzigen unabhängigen Radiosender in der Region schliessen sich zusammen und bilden gemeinsam einen starken Gegenpol und sichern damit die Medienvielfalt im elektronischen Bereich. Man muss auch berücksichtigen, dass die NLZ zur NZZ-Mediengruppe gehört. Diese verfügt ihrerseits noch einmal über ein Radio und ein Fernsehen. Die AZ Medien wiederum haben Radio 24 und Argovia gekauft, verfügen über Tele M1 und ihre Zeitungen. Im Norden haben wir die AZ, in Zürich Energy und im Osten die Südostschweiz mit Radio Grischa und Fernsehen. Kurz: Um uns herum gibt es überall Verbünde – wenige Ausnahmen ausgenommen.

Sie bilden ja auch einen Verbund.

Jetzt sind wir auch ein Verbund, ja. Aber zwei Radios können noch lange nicht eine monopolartige Situation bilden.

Sie besitzen als drittes Radio auch noch den Sender Eviva.

Ja, Radio Eviva gehört dazu, aber der Sender bedeutet für uns fast schon einen Kulturauftrag. Mit Volksmusik kann man kein Geld verdienen. Ein Problem gibt es noch zu lösen: Wir dürfen ja nicht drei konzessionierte Radiosender haben. Aber da gibt es verschiedene Lösungen: Wir können den Sender zu einem meldepflichtigen Programm machen, dann ist der Sender nicht mehr konzessioniert oder wir könnten den Sender auch verkaufen.

Wem würden Sie Radio Eviva verkaufen? Gibt es Interessenten?

Ein Verkauf steht nicht im Vordergrund und da wir dies auch so nicht kommuniziert haben, gibt es auch keine Interessenten.

Sie rechnen mit keinen Problemen mit dem Bakom?

Nein, nein. Wir werden zeitgerecht dem Bakom die Lösung präsentieren.

Radio Energy und Radio Pilatus sollen an einer Übernahme von Radio Sunshine auch interessiert gewesen sein. Was war ausschlaggebend, dass Radio Central den Zuschlag für die Übernahme von Radio Sunshine bekommen hat?

Radio Energy wäre für uns weniger ein direkter Konkurrent gewesen, weil der Sender mit seiner Musikausrichtung wohl vor allem Radio Pilatus attackiert hätte. Aber als die NLZ ins Spiel kam, waren wir gefordert. Mal abgesehen vom Boten der Urschweiz, dem Urner Wochenblatt und dem Willisauer Boten, und anderen kleineren regionalen Zeitungen und uns hätte die NLZ sonst die Innerschweiz beherrscht. Radio Sunshine wollte die Medienvielfalt in der Zentralschweiz mittragen und hat sich deshalb für uns und gegen die anderen Bewerber entschieden.

Wo sehen Sie noch Potential, mit Ihren Sendern mehr Menschen zu erreichen?

Radio Sunshine und Radio Central sind beide auf DAB+, das heisst die beiden Sender sind in der ganzen Deutschschweiz erreichbar. Man darf nicht annehmen, dass in Basel oder Bern das Regionalradio Central gehört wird. Aber durch DAB+ können Menschen aus der Zentralschweiz ihr regionales Programm "mitnehmen", wenn sie etwa mit dem Auto unterwegs und ausserhalb der Region sind. Dadurch erzielen wir eine Verlängerung der Hördauer. Zudem bringen Spezialsendungen etwa zu Schwingen oder anderen Themen sicher auch zusätzliche Hörer aus anderen Regionen. Natürlich führen wir auch einen Wettkampf innerhalb der Programme in der Zentralschweiz. Hier müssen wir schauen, dass sich Radio Central und Radio Sunshine nicht gegenseitig Hörer wegschnappen.

Beim flüchtigen Hören von Radio Central entsteht der Eindruck: Sehr ländlich, viel Folklore, Schwingen, Ländler und Schlager. Machen Sie Radio für den kleinen Mann vom Lande?

Wir machen natürlich schon ein Radio für die ländliche Region. Mit "Ländlerabig" und "Ländlerzmorge" bieten wir aber eigentlich nur zwei Sendungen mit volkstümlichem Musikformat an. Weil diese beiden sehr populär sind, entsteht nach Aussen teilweise ein falscher Eindruck von Radio Central. Die Volksmusik haben wir heute vor allem auf Radio Eviva ausgelagert. Wir spielen viel mehr Charts-Titel, als viele meinen. Damit sind auch Top-Hits aus den 60ern, 70ern, 80ern und 90ern aus den Sparten Rock und Pop gemeint. Vergleicht man diesen Anteil mit demjenigen der volkstümlichen Musik, so ist die Pop-Musik deutlich dominanter. Wir reden zusammengezählt von sieben bis zehn Stunden Ländler und Schlager in der Woche gegenüber über 130 Stunden anderer Musik.

Sie haben ein Studio in Luzern eröffnet und nehmen mit Central und Sunshine die Stadt in Angriff. Wie erreichen Sie Menschen, die sich eher für klassische Kultur interessieren?

Mit Central können wir solche Leute auch erreichen. Auch Leute aus akademischen Kreisen hören uns. Was uns aber fehlt, sind Theater-, Opern- und Klassikkritiken. Klassische Kultur ist ein Defizit und hier möchten wir künftig Luzern mehr bieten. Für die Stadt werden wir auch ein eigenes Informations-Fenster schaffen. Damit werden wir die Leute abholen. Die mittlere Altersstruktur in Luzern soll Central, Jüngere und Junggebliebene Sunshine hören. Die Jüngeren erreichen wir noch zu wenig und hier muss Sunshine in die Presche springen. Sunshine soll urbaner und jünger werden. Aber das wird eine schrittweise Entwicklung sein.

Gibt es Innerschweizer Vorlieben und Gegebenheiten, eine Charakteristik des Publikums, die es beim Radiomachen inhaltlich zu berücksichtigen gibt?

Diese Region ist sehr heimatverbunden und sehr naturbewusst. Hier ist Heimat noch etwas wert. Das muss überall einfliessen. Das Publikum will genau wissen, was in ihrer Region passiert. In einer Grossstadt kann man vielleicht oberflächlicher sein als hier. Man wird natürlich auch direkt angesprochen, hier kennt man die Hörer zum Teil noch. Ich muss keine spezielle Forschung betreiben, die Feedbackkultur findet automatisch und direkt statt.

Was würden Sie selbst als die grösste inhaltliche Innovation auf Ihrem Sender in den letzten fünf Jahren bezeichnen?

Was sich am meisten entwickelt hat, ist die redaktionelle Leistung, die mit den umliegenden Privatradios nicht vergleichbar ist. Wir halten uns nicht an die sogenannte Dreiminuten- oder Zweiminutenregal, die besagt, dass ein Beitrag nicht länger sein darf. Ein Beitrag dauert solange, bis alles gesagt ist. Bis wir den Inhalt vermitteln konnten. Bei uns dauert ein Mittagsinfo bis zu siebzehn Minuten. Nur Wortanteil – das hört man sonst nirgends in dieser Länge. Das hebt uns ab und entspricht auch unserem Leistungsauftrag, für die Region etwas Ausserordentliches zu machen und sie gründlich zu informieren. Wichtig ist uns auch: Überall präsent zu sein.

Haben Sie sich denn früher an eine Zweiminuten-Regel gehalten?

Wir haben unsere Beiträge immer verlängert. Unsere Innovation ist, dass wir uns immer antizyklisch zu der Konkurrenz um uns herum entwickelt haben. Um uns herum wurde der Sport abgebaut, wir haben den Sport ausgebaut. Wir haben die regionale Information weit ausgebaut, während die anderen die regionale Berichterstattung auf gleichem Niveau belassen haben.

Zur Person: Alfons Spirig ist von Haus aus Informatiker. Als Junge hat er jedoch bereits für Zeitungen geschrieben. Neben seinem Beruf als Informatiker berichtete er für die "Zuger Nachrichten" aus dem Kantonsparlament, schrieb über Hockey, den EV Zug und Segeln. Spirig segelte selbst und war als Mittel- und Langstreckenläufer in der Junioren-Schweizernati. Während elf Jahren amtierte er als Leichtathletiktrainer und gewann mit seinen Läufern insgesamt fünfundzwanzig Schweizermeistertitel.

Spirig sieht in seinem sportlichen Engagement denn auch eine wichtige Voraussetzung für sein journalistisches Verständnis: „Diese Erfahrungen gaben mir eine gewisse Kompetenz, um über Sport zu schreiben. Wer selber Spitzensport gemacht hat, kann erfühlen, was ein Sportler physisch und psychisch durchmacht. Ich trainierte selbst 150 Kilometer pro Woche, das macht man nicht einfach so nebenbei.“

1983, in einer Zeit, in der Privatradios in der Schweiz eingeführt wurden, wurde Spirig als erster Redaktor für Radio Sunshine angefragt – Spirig sagte zu und baute den Sender als leitender Redaktor mit auf. Mit der Übernahme des Radiosenders durch Radio Central hat sich für Spirig damit der Kreis seiner Radiokarriere geschlossen. Nach einem kurzen Abstecher zurück in die Informatik hat sich Spirig um das Projekt "Radio Schwyz“ beworben und den Zuschlag bekommen. Aus Radio Schwyz wurde Radio Central. Spirig bedient mit seinen Radio-Programmen mittlerweile die ganze Zentralschweiz und Teile der Südostschweiz.

Interview: Benedict Neff


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen