30.09.2026

Höngger Zeitung

Ein Quartierblatt wird hundert

Am 1. Oktober 1926 ist in Zürich-Höngg das «Korrespondenzblatt» erstmals erschienen. Heute gehört der Verlag einer Stiftung, die Zeitung wird gratis verteilt und lebt von Inseraten des lokalen Gewerbes. Wie sehr dieses Modell unter Druck steht, zeigt ein aktueller Fall aus Biel.

Gegründet wurde das Blatt von der Buchdruckerei der Gebrüder Franz und Anton Moos. Die erste Nummer erschien unter dem Titel «Korrespondenzblatt der Gemeinden Höngg und Ober-Engstringen», danach jeden Freitagmittag. Berichtet wurde über Vereine, Kirchen und die damals noch eigenständige Gemeinde Höngg, die erst 1934 eingemeindet wurde. Bis 1967 gab die Buchdruckerei Moos den Titel heraus, der inzwischen «Der Höngger» hiess. Danach übernahmen die Brüder Erich und Louis Egli. Sie hätten die Zeitung modernisiert und «frischer, bisweilen auch frecher» berichtet, heisst es in einer Mitteilung.

Ende 2002 suchten die Egli-Brüder eine neue Trägerschaft. Der Tages-Anzeiger titelte damals «Die Höngger kämpfen für den Höngger». In der Folge wurde für das operative Geschäft die Quartierzeitung Höngg GmbH gegründet. Einzige Gesellschafterin ist die Stiftung Höngger Quartierzeitung, deren Zweck die langfristige Sicherung des Titels ist. Im ersten Stiftungsrat sassen Vertreterinnen und Vertreter der Kreisparteien, der Landeskirchen, des Quartiervereins, des Gewerbes und der Zunft Höngg. Erster Präsident war der frühere Nationalrat Ernst Cincera.

Seit 2011 trägt das Blatt den Namen Höngger Zeitung. 2016 kam die Schwesterzeitung Wipkinger Zeitung hinzu. Sie erscheint quartalsweise und wird seit 2025 als Grossausgabe unter dem Titel «Höngger Wipkinger» geführt, die auch in Zürich-Wipkingen verteilt wird. Die Redaktion leitet Daniel Diriwächter, für Inserate und Marketing ist seit Sommer 2022 Petra England zuständig. Den Stiftungsrat präsidiert Benedikt Gschwind. Neben der Printausgabe publiziert der Verlag auf hoengger.ch, wipkinger-zeitung.ch und auf Social Media. «Heute produzieren wir quasi mehrere Zeitungen», wird Diriwächter zitiert.

Finanziert wird das Angebot jedoch weiterhin über die gedruckte Ausgabe. Sie erscheint alle zwei Wochen, ausgenommen in den Schulferien, in einer Wemf-beglaubigten Auflage von 13'676 Exemplaren. Die Post stellt sie gratis in rund 12'800 Haushalte in Höngg zu, auch in Briefkästen mit «Stopp Werbung»-Kleber. Die Grossausgabe kommt auf 23'918 Exemplare. Ein Abonnement kostet 120 Franken im Jahr, exklusive Mehrwertsteuer. 1926 waren es drei Franken, eine einspaltige Petitzeile kostete 20 Rappen.

Die GmbH finanziert sich über Inserate und Abonnemente. «Als unabhängiger Verlag finanzieren wir uns eigenständig. Das ist in der heutigen Zeit anspruchsvoll», lässt sich Petra England in der Mitteilung zitieren. Möglich sei dies nur, weil Gewerbe, Vereine und Institutionen inserierten. Zahlen zu den Werbeerträgen nennt der Verlag nicht. Die Stiftung ihrerseits wird von über 300 Privatpersonen sowie von Vereinen und Institutionen mit Spenden unterstützt. Stiftungsratspräsident Gschwind bezeichnet das Organisationsmodell als «sehr bewährt». Die Stiftung wolle die Redaktion bei strategischen Fragen und grösseren Investitionen unterstützen.

Wie verletzlich dieses Modell ist, zeigt das Beispiel Biel Bienne. Auch die zweisprachige Wochenzeitung der Gassmann Media wurde gratis verteilt und über Inserate finanziert. Sie wird per Ende 2026 nach fast 49 Jahren eingestellt (persoenlich.com berichtete). Als Gründe nennt der Verlag sinkende Inserateeinnahmen, steigende Verteilkosten und das veränderte Leseverhalten der jüngeren Bevölkerung. Zudem hätten viele Mitarbeitende das Pensionsalter erreicht. Laut Gründer und langjährigem Redaktionsleiter Mario Cortesi verschwindet damit die letzte echt zweisprachige Zeitung der Schweiz. Ab Januar 2027 soll in Zusammenarbeit mit der Stadt Biel eine neue zweisprachige Wochenpublikation lanciert werden. Die Finanzierung dieser Nachfolgelösung ist noch offen.

In Höngg wird das Jubiläum am 1. Oktober mit einem Apéro gefeiert. Am Freitag, 6. November, spielt das Zürcher Kammerorchester um 18 Uhr in der Kirche Heilig Geist, wie bereits vor 50 Jahren für den «Höngger». Die Karten sind bei Eventfrog erhältlich und kosten 20 Franken, gleich viel wie 1976. (pd/cbe)

 


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