08.12.2007

Stefan Aust

Ein Rausschmiss -- was denn sonst?

von Roger Schawinski.

Für einmal waren sich alle Kommentatoren einig: Die Absetzung von Spiegel-Chef Stefan Aust war unwürdig. So etwas macht man nicht, hiess es überall. Den Chefredakteur des wichtigsten Presseerzeugnisses Deutschlands setzt man nicht nach dreizehn erfolgreichen Jahren ausgerechnet während seines Urlaubs vor die Tür.

Diese Reaktion durch seine Berufskollegen war emotional nachvollziehbar. Sachlich lag sie völlig daneben. Denn es ging hier nicht um Stil und Form. Es ging darum, etwas äusserst Schwieriges durchzuziehen. Mit Stefan Aust im Haus, der seine Ohren überall gleichzeitig auf den zwölf Etagen des Spiegel-Hochhauses hat, wäre der Putsch wohl gescheitert. Seine Ferien im fünfzehn Flugstunden entfernten Ambon war die optimale Chance, ihn zu stürzen. Und diese haben seine Gegner genutzt.

Nein, diese Rausschmisse finden niemals mit Würde statt. Das liegt in der Tücke des Vorgangs. In der real existierenden Welt der Medien spielt sich immer dasselbe ab: Zuerst verbreiten sich Gerüchte und Indiskretionen über eine mögliche personelle Veränderung, die allesamt dementiert werden. Und dann fällt irgendwann das Hackebeil. Selbst die Giganten der Branche werden auf diese Weise gefällt, denn ein Abschied in zivilisierter Form ist systemwidrig. Und trotzdem reibt man sich jedes Mal die Augen.

Stefan Austs Problem war ein spezielles. Er verkrachtes sich von der ersten Minute an mit dem neuen Geschäftsführer. Und dann war seine zwar brillante, oft aber auch verletzend-arrogante Art für viele Mitarbeiter schwer verdaubar. Da sie aber dank Rudolf Augsteins aberwitziger Konstruktion Besitzer von 50,5% der Firma sind, wirkte sich dieses Auftreten besonders gravierend aus. Denn gleichzeitig Chef und Untergebener deiner Untergebenen zu sein verlangt auf der menschlichen Ebene einen beinahe übermenschlichen Spagat, den Stefan Aust je länger desto weniger hinlegen konnte.

Nur zehn Tage vor dem grossen Knall war ich vom Spiegel eingeladen worden, die wöchentliche Blattkritik zu machen. Der Saal war mit gegen hundert Journalisten übervoll. Am Tisch sassen die Chefs, direkt neben mir platzierte sich Geschäftsführer Mario Frank, ohne dass er sich vorstellte, was ich als etwas befremdend empfand. Mit seiner Körpersprache drückte er während der ganzen Stunde aus, dass er sich in diesem Journalisten-Gremium äusserst unwohl fühlte.

Meine Blattkritik der aktuellen Nummer war recht heftig, was das Fussvolk zu erfreuen schien, während die Chefs mit Einwänden versuchten, einige der von mir vorgebrachten Kritikpunkte abzufedern. Als ich hinterher beim Essen wissen wollte, wo ich übers Ziel geschossen hätte, sagte man mir ziemlich nüchtern, dass all meine Anmerkungen richtig gewesen seien. Ich hätte die Schwachpunkte akribisch genau aufgelistet, was mich dann doch etwas überraschte. Es schien mir, dass man sich bewusst war, dass das Blatt weit von einer Höchstform entfernt ist, und dass echter Handlungsbedarf besteht.

Zu jenem Zeitpunkt schien noch nichts auf den drohenden Eclat hinzuweisen, auch nicht auf eine baldige öffentliche Erklärung, der Spiegel brauche neuen Wind und eine jüngere Führung. Nur die Leute von Spiegel TV, wo Aust von Mario Frank bereits Monate zuvor entmachtet worden war, wirkten im direkten Gespräch komplett verwirrt. Aust hatte mit ihnen nach über zwanzig Jahre engster Zusammenarbeit jeden persönlichen Kontakt abgebrochen, da er sie als Verräter geortet zu haben schien. Denn Stefan Aust, den ich in den vergangenen Jahren recht gut kennen gelernt habe, ist als Diva -- als die er sich selbst auch sieht -- für solche Situationen nicht gerüstet.

Seit Jahren hatte er das Gefühl, dass man ihm weder den ihm gebührenden Respekt, noch das ihm zustehende Geld gewähren würde. Denn war nicht er es, der den Spiegel durch alle Wirrnisse der letzten Jahre geführt hatte? Und wie haben sich die wahren Besitzer -- die Mitarbeiter -- verhalten? Erstens hatten sie ihm vor drei Jahren den von ihm gewünschten Fünfjahresvertrag verweigert. Das hatte ihn verletzt. Dann hatten sie ihn gezwungen, den von ihm mit viel Liebe aufgebauten TV-Sender XXP zu verkaufen. "Wir sind wie eine Kapelle, die am Ende des Abends das eingenommene Geld unter sich verteilt", sagte mir ein leitender Spiegel-Mitarbeiter zu diesem Thema.

Ja, es war unwürdig. Aber es war auch folgerichtig. Irgendwann schlägt das Imperium immer zurück. Sogar beim Spiegel.


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