18.04.2012

Erfolgreiche Frauen

Für den Mamablog wurde Sie 2010 zur Journalistin des Jahres gewählt. Heute kümmert sich Nicole Althaus als Chefredaktorin von "wireltern" um junge Familien und fordert in ihrem soeben erschienenen Buch "Macho Mamas" berufstätige Mütter heraus. Warum die "mehr wollen sollen", was sie ihren beiden Töchtern mit auf den Weg gibt und wo sie im Job noch mehr erreichen will, erzählt Nicole Althaus im zweiten Teil unserer Serie "erfolgreiche Frauen":
Erfolgreiche Frauen

Nicole Althaus, was beschäftigt Sie gerade bei "wireltern"?

Wir sind in den letzten Zügen unseres online-Relaunches, mit dem wir "wireltern" als multimediale Marke positionieren wollen. Als ich im Herbst 2010 die Chefredaktion übernommen habe, war die Site, wie bei vielen Medienprodukten, bloss ein Spiegel des Heftes. In Zukunft werden sowohl das Heft wie auch die Website die spezifischen Vorteile des jeweiligen Mediums für die Marke nutzen. Das Heft ist sozusagen der Stammtisch, an dem in attraktiver Aufmachung und klassischen journalistischen Formen aktuelle Gesellschafts- und Erziehungsthemen von Müttern und Vätern aufgegriffen und diskutiert werden. Die Website soll das Informations- und Vernetzungsbedürfnis von werdenden und jungen Eltern abdecken.

Sie konnten die Leserschaft von "wireltern" um 29’000 Leser auf 313’000 ausbauen. Wo sind Sie mit der Entwicklung des Hefts noch nicht zufrieden?

Es freut mich sehr, dass wir mit dem Printrelaunch offensichtlich neue Leserinnen und Leser von "wireltern" haben überzeugen können. Im Gegensatz zu den meisten anderen Magazinen altert unsere Leserschaft nicht mit unserem Magazin mit, sondern erneuert sich ständig. Wir müssen also stets die Themen journalistisch aufarbeiten, die werdende und junge Eltern in der Schweiz beschäftigen. Im Print ist uns das gelungen. Nun hoffen wir, auch im Online-Bereich zu überzeugen und an Terrain zurückzugewinnen.

Ihr Team besteht aus fünf Frauen. Nach welchem Prinzip führen Sie?

Ich versuche der Chef zu sein, für den ich selber gern arbeiten würde. Das gelingt mir sicher nicht immer, aber der Vorsatz ist ein hervorragender Motivator eigene Handlungen und Reaktionen zu reflektieren und allenfalls zu korrigieren. Vorab versuche ich als Chefin mit Mutterpflichten meinen Leuten den Weg zu ebnen, berufliche Herausforderungen mit Mutterschaft verbinden zu können. Solange Sitzungen und Abgabetermine eingehalten werden, die Qualität stimmt und ich die Leute erreichen kann, bestehe ich etwa nicht auf Dauer-Präsenz. Ich bin dafür von meinem Team nicht mit Minderleistung bestraft, sondern stets mit Extraeinsätzen belohnt worden. Auch weiss ich aus eigener Erfahrung, dass die beruflichen Ambitionen einer Mutter keineswegs mit der Nabelschnur des Kindes gekappt werden, also versuche ich werdenden Müttern Perspektiven zu geben, statt sie aufs Abstellgleis zu schieben.

Wieso fehlen die Männer?

Sicher nicht, weil ich sie nicht willkommen heissen würde. Ich hätte sehr gern mehr Männer im Blatt. Die männliche Perspektive ist mir sehr wichtig, gerade beim Thema Elternschaft, deshalb habe ich die Kolumne "aus dem Vaterland" eingeführt und bemühe mich darüber hinaus in jedem Heft mindestens eine Story an einen Autoren zu vergeben. Es ist aber so, dass ich bisher ausschliesslich Bewerbungen von Frauen bekommen habe. Familie scheint nicht das Feld zu sein, in dem viele Männer sich journalistisch einbringen wollen.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Chefredaktorin?

Ich gebe die Richtung vor, versuche für das Ziel zu begeistern und den Weg dahin möglichst so zu gestalten, dass meine Mitarbeiterinnen auch persönliche Ziele erreichen.

Was machen Sie anders als Ihre männlichen Kollegen?

Ich glaube nicht an männliche und weibliche Führungsstile. Ich glaube aber, dass ich vielleicht gewisse Dinge anders sehe, weil ich als Frau und als Mutter andere Erfahrungen gemacht habe. Hindernisse etwa kann man nur als solche erkennen und beseitigen, wenn man sie selber angetroffen hat.

Welches ist Ihr persönliches Erfolgsrezept?

Ich bin neugierig und lese alles, was mir in die Hände fällt oder über den Bildschirm flimmert. Ich bin begeisterungsfähig, arbeite viel und gerne. Ich weiss, was ich kann. Und - vielleicht das wichtigste: Ich weiss, was andere besser können. Und lasse sie machen.

Sie waren bei Tamedia, gewannen Journalistenpreise. Trotzdem arbeiten Sie heute nicht in der Medienmetropole Zürich, sondern bei den az Medien in Aarau. Fühlen Sie sich nicht abgeschoben?

Ich hätte die Chance, ein Printprodukt mit einer 90-jährigen Geschichte und einer grossen Leserschaft zu relaunchen selbstverständlich auch in Zürich nicht abgelehnt. Die Chance hat sich nun aber in Aarau ergeben. Sie war die "Verschiebung“ wert.

Als Chefredaktorin und Mutter zweier Töchter (8 und 12 Jahre) bezeichnen Sie sich selbst als Karrieremutter. Was bedeutet dieser Begriff für Sie?

Öffentlich als Karrieremutter bezeichne ich mich, weil das offenbar in unsere Gesellschaft noch immer einem Coming-Out gleichkommt: Karrieremütter sind irgendwie suspekt, Zwitter in der natürlichen Ordnung, nicht so richtige Mütter aber auch keine richtigen Karrieristen. Es ist an der Zeit, dieses Vorurteil zu begraben.

Sie sprechen es an: Für viele beinhaltet der Begriff "Karrieremutter" einen unüberwindbaren Widerspruch. Auf die Dauer geht beides nicht – so das Vorurteil. Erlebten Sie nie Momente, in denen Sie den Job wegen der Kinder an den Nagel hängen wollten?

Nein, nie. Ich habe immer sehr gern gearbeitet. Ich bin so sehr Berufsfrau wie Mutter und ich sehe darin so wenig einen Widerspruch wie mein Mann in seiner Berufstätigkeit als Vater.

Soeben ist Ihr Buch "Macho Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen" herausgekommen (Michèle Binswanger, Nicole Althaus: Macho Mamas, Nagel & Kimche 2012). Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Auch, aber nicht nur. Ich habe meine persönlichen Erfahrungen und teile gleichzeitig die Erfahrungen einer ganzen Generation. Ich gehöre der Generation von Frauen an, die mit dem Slogan imprägniert wurden, dass böse Mädchen überall hinkommen. Einer Generation, die studiert, gelebt und gearbeitet hat wie die gleichaltrigen Männer. Eine Generation, die die Gleichberechtigung mehr oder minder für erstritten und erreicht befunden hat. Bis zu dem Moment als sie Mutter geworden, aus dem Spital entlassen worden sind und gemerkt haben, dass böse Mädchen als Mutter meist nirgendwo mehr hinkommen.

Die Generation X, zu der Sie gehören, zerfleischt sich zwischen Familie und Beruf. Warum sollen Mütter also im Beruf noch mehr Gas geben?

Weil die Frage, warum sich Mütter zwischen Familie und Beruf zerfleischen eine eminent politische ist. Frauen zensieren ihre Ambitionen oft selber sobald sie Mutter geworden sind. Eine gute Mutter konzentriert ihren Ehrgeiz auf die Kinder - so lautet noch immer das Diktat in unserer Gesellschaft. Das Zerfleischen steht in Relation zu diesem Mutterbild. Und nur, wer sich davon löst, kann wirklich frei entscheiden, ob er im Beruf mehr Gas geben will oder zuhause.

Das tönt sehr einfach. Doch erfolgreiche Frauen wollen doch nicht nur im Beruf, sondern auch zu Hause nur das Beste. Nannys sind aber meist sehr unerfahren, professionelle Erzieherinnen nicht bezahlbar. Also muss die Karrieremutter irgendwo Abstriche machen – was ihr nicht liegt?

Einmal mehr ist von Nannys und Erzieherinnen die Rede, die Väter werden mit keinem Wort erwähnt. Ein weiterer Beweis, wie politisch das Zerfleischen ist! Und: Wer in seinen Beruf investieren will und Kinder hat, braucht Unterstützung vom Partner – das gilt für Frauen wie für Männer.

Und was kann die Schweiz dazu beitragen, dass gut ausgebildete Mütter auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich bleiben?

Sie braucht eine Arbeitskultur, die nicht auf einer Gesellschaft mit Alleinernährer und Hausfrau aufbaut. Und sie muss erkennen, dass Gleichstellung nicht Gleichschaltung bedeutet. Man erreicht sie nicht, indem man Frauen gleich behandelt wie Männer. Genau das aber wird noch immer fast überall gemacht. Seit sie das Büro erobert haben, werden Frauen dazu angehalten, sich in eine auf Männer zugeschnittene Organisation einzugliedern, nach männlichen Regeln zu operieren, zu führen und zu verhandeln, die auf Männerbeine zugeschnittene Karriereleiter hochzuklettern. Das funktioniert vielleicht für diejenigen Frauen, die kinderlos bleiben und ihr Leben planen und gestalten können wie ein Mann. Doch auch für diese funktioniert die Gleichschaltung mehr schlecht als recht. Für alle anderen Frauen funktioniert sie gar nicht.

Schauen wir zurück auf Ihre berufliche Laufbahn. War Ihnen schon früh klar, dass Sie Karriere machen wollten?

Nein. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was Karriere ist. Ich wollte allerdings immer gut sein in dem, was ich machte.

Sie studierten im Hauptfach Germanistik. Woher kam die Leidenschaft für die deutsche Sprache?

Ich bin oft von der Schule nach Hause gekommen, habe mir um vier Uhr den Pjjama angezogen und mich mit einem Buch im Bett verkrochen.

Sie schrieben anfangs für "Facts" und "Annabelle". 2009 wagten Sie den Schritt in die Selbständigkeit. Sie waren freie Journalistin, Konzepterin und Texterin. Was war der Grund?

Ich wollte mir Zeit und Raum schaffen, um die journalistischen Projekte zu verfolgen, die mich interessierten und die mir unter den Nägel brannten. Die Chefredaktion des Audi-Magazins, die mir damals angeboten wurde, gab mir die finanzielle Basis diesen Traum zu verwirklichen.

In dieser Zeit gründeten Sie den Mamablog für Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich habe mich seit meinen journalistischen Anfängen für gesellschaftspolitische Themen stark gemacht. Die Welt zwischen Spielplatz und Spinatkuchen gehörte dazu, wurde aber von den Medien gern nur am Rand abgehandelt. Über die Momlit und die mütterliche Bloggerszene, die im Amerika des neuen Jahrtausends im Netz das Gatekeeping erfolgreich umgingen, habe ich schon bei "Facts" geschrieben. Als mir der stellvertretender Chefredaktor bei Newsnet, Michael Marti, die Chance gab, einen solchen Blog zu realisieren, habe ich sofort ein Konzept geschrieben.

Darin gaben Sie auch immer wieder Intimes preis. War das nie ein Problem für Ihre Angehörigen?

Mich hat das Persönliche stets nur dann interessiert, wenn es etwas Typisches aufzeigt. Von den über 200 Einträgen, die ich verfasst habe, waren höchstens zehn persönlich. Wenn ich jemanden ausgestellt habe, dann fast ausschliesslich mich selber. Über meine Kinder habe ich stets nur als alterstypische Vertreter geschrieben und mein Mann hat jeden persönlichen Eintrag gelesen und gutgeheissen, bevor er online ging.

Wie waren Sie eigentlich als Kind?

Neugierig aber schüchtern. Hartnäckig und ehrgeizig aber ungeduldig. Ich hatte mehr Freunde als Freundinnen.

Warum?

Das weiss ich nicht so genau. Vielleicht lag es daran, dass ich gern und oft mit Jungs spielte.

Wie wuchsen Sie auf?

Zusammen mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester zunächst in einem kleinen Dorf am Vierwaldstättersee, danach in einer Siedlung in der Agglomeration Zürich.

Wie wurden Sie erzogen?

Ich bin in einem sehr politischen Haus aufgewachsen. Es wurde oft und oft nicht leise diskutiert. Meine Mutter hat wieder angefangen zu arbeiten, als ich in die Schule gekommen bin, mein Vater hat sich nie um die Hausarbeit gedrückt und viel Zeit mit uns verbracht. Beide haben mich stets unterstützt, aber mir auch immer klare Vorgaben gegeben. Geigenunterricht etwa gab es nur, solange ich auch geübt habe. Die Stereoanlage musste ich mir selber verdienen. Das klingt heute schon fast nach Tigereltern, ich bin dafür dankbar, denn ich habe früh gelernt, dass es sich lohnt, sich anzustrengen.

Was wollen Sie Ihren beiden Mädchen mit auf den Weg geben?

Dass sie es verdienen, so geliebt zu werden wie sie sind. Dass sie sich selbst bleiben dürfen, auch wenn sie damit anecken. Dass Anstrengung sie vielleicht nicht immer ans gewünschte Ziel bringt, aber bestimmt stets weiter.

Wo wird man Ihren Namen in Zukunft lesen?

Regelmässig bei "wir eltern" und im Internet-Magazin clack.ch. Ansonsten hat mich nach den vielen schreiberischen Kurzstrecken, der Marathon Buch sehr befriedigt. Ich lasse mich überraschen.

Interview: Christine Schnyder, Bild: Anne Gabriel-Jürgens



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