Herr Matter, zwei Monate nach Sendestart von DRS 4 herrscht laut mehreren Medienberichten beim neuen Infosender DRS 4 miese Stimmung. Was läuft schief?
Gar nichts. Bei DRS 4 News ist die Stimmung nach einem gelungenen Start sehr gut. Für die Mitarbeiter ist es aber immer anstrengend, Neues auf die Beine zu stellen. Es waren deshalb alle froh, dass nach der Lancierung über Weihnachten eine ruhigere Zeit folgte.
Es soll bereits auch zu Kündigungen gekommen sein.
Abgänge gab es nicht bei DRS 4 News, sondern innerhalb der Abteilung Information von Radio DRS. Diese geschahen aber im Rahmen einer normalen Fluktuation. Schliesslich ist die Abteilung Information vergangenes Jahr stark gewachsen und beschäftigt heute 25 Prozent mehr Leute als noch vor einem Jahr.
Der "Tages-Anzeiger" schreibt: "Die halbe DRS-Bundeshaus-Redaktion kündigte".
In der Bundeshausredaktion haben zwei Redaktoren gekündigt; nicht in den letzten Tagen, sondern schon vor längerem. Beide sind über 50 Jahre alt. Ihre Abgänge fussten auf Überlegungen über ihr künftiges Berufsleben. Die Änderungen am Sendekonzept, darunter nicht nur die Lancierung von DRS 4 News, sondern auch die stärkere Gewichtung des Morgenprogramms, haben ihnen aber den Entscheid, in die Bundesverwaltung zu wechseln, nicht schwieriger gemacht.
Wie stark hat die Belastung für die Redaktoren zugenommen?
Die Information auf Radio DRS war sehr lange ausgerichtet auf den Mittag und den Abend. Diese Programmstruktur geht jedoch an der Mediennutzungsentwicklung vorbei. Das Radio hat seine beste Zeit am Morgen früh zwischen 6 und 9. Wir waren also gezwungen, Konsequenzen zu ziehen und das Programm am Morgen auszubauen. Das heisst für die Mitarbeiter nicht nur, dass sie am Morgen früh präsenter sind, sondern auch, dass sie am Abend mehr vorbereiten müssen. Diese Änderungen haben wir gleichzeitig mit dem Start von DRS 4 News durchgezogen. Die Ressourcen, die hinzugekommen sind, werden zugunsten von DRS 4 News und den Sendungen am Morgen eingesetzt. Die einzelnen Fachredaktionen müssen nun mehr liefern für das Programm am frühen Morgen. Der zusätzliche Aufbau von Personal, geschah nicht nur bei DRS 4 News, sondern auch in den Fachredaktionen.
Man hört, dass der Arbeitsaufwand für DRS 4 News für die einzelnen Fachredaktionen viel grösser ist, als budgetiert.
Erste Analysen zeigten tatsächlich, dass die Fachredaktionen mehr Beiträge für DRS 4 News produziert haben, als wir ursprünglich erwarteten. Das finde ich grundsätzlich positiv. Denn es zeigt, dass die Fachredaktionen sich für den neuen Sender engagieren. Vergessen Sie aber nicht, dass das letzte Jahr mit den Wahlen im Herbst und den Bundesratswahlen sehr anspruchsvoll war. Der Aufwand der Inlandredaktion war weit grösser als üblich. Schliesslich haben wir es auch mit einem Anlaufproblem zu tun. Es gibt nicht viele Medienleute, die es gewohnt sind, ein 24-Stunden-Programm zu machen. Bislang war man sich bei Radio DRS gewohnt, zu einigen wenigen Fixpunkten eine in sich abgeschlossene Sendung zu produzieren. Dass ein Programm von morgens um 6 bis abends um 8 live läuft, war deshalb eine sehr grosse Herausforderung für uns.
Laut "Tages-Anzeiger" stellte auch ein internes Monitoring Mängel fest.
Ich lese Ihnen kurz die Schlussfolgerungen des Monitorings vor: "Es herrscht Einigkeit darin, dass die Redaktion DRS 4 News unter sehr schwierigen Startbedingungen ausgezeichnete Arbeit geleistet hat. Sie produziert an Relevanz orientierte, interessante, unaufgeregt präsentierte, aktuelle Information " Natürlich kommt im Bericht auch zur Sprache, wo es noch Probleme gibt. Das ist doch normal. So hält das Monitoring fest, dass es gelegentlich vorkommt, dass eine journalistische Gewichtung und eine Gesamtperspektive fehlen. Der "Tages-Anzeiger" hat das positive Gesamturteil ausgelassen und ein paar einzelne negative Punkte herausgegriffen. Natürlich gibt es aber auch strukturelle Probleme, die wir noch in diesem Jahr angehen wollen.
Welche?
Die Organisation mit Fachredaktionen und Senderedaktionen gab es bereits, als die Redaktion nicht 145 Vollzeitstellen zählte, sondern bloss ca. 60 Stellen. Im Zuge des Wachstums merken wir nun, dass der Koordinationsaufwand mit dem personellen und programmlichen Ausbau sehr stark gestiegen ist. Wie schaffen wir es, dass in der mittlerweile grossen Redaktion nicht zuviel Zeit mit Koordination verbraucht wird, was dann auf Kosten der Inhalte geht? Das ist das grosse strukturelle Thema, das wir angehen wollen.
Wie sehr geht die Arbeit der Fachredaktionen für DRS 4 News auf Kosten der bestehenden Informationssendungen?
Die Hörerzahlen von DRS 4 News sind zwar deutlich über unseren Erwartungen, aber kleiner als die Zahlen von "Info 3" oder "Echo der Zeit". Es gilt intern die Regel, dass die bestehenden Flaggschiff-Sendungen vorgezogen werden. Sie haben ein erstes Zugriffsrecht auf die Ressourcen.
Die Redaktoren sollen immer weniger Zeit zum Recherchieren haben und immer mehr Agenturmeldungen verarbeiten müssen .
Diesen Trend beobachte ich, seit ich vor eineinhalb Jahren bei Radio DRS angefangen habe. Er hat aber nicht nur mit der Lancierung von DRS 4 News zu tun, sondern ganz generell mit der Zunahme der Sendungen. Unser Antrieb ist es, mit einer effizienteren Organisation Ressourcen freispielen zu können, damit die einzelnen Redaktoren wieder mehr Zeit zum Recherchieren erhalten und als Fachredaktoren kompetent bleiben.
Sie haben vorhin gesagt, dass die Hörerzahlen von DRS 4 News über Erwarten seien. Weshalb halten Sie sie dann unter Verschluss?
Wir wollen dem Programm eine gewisse Ruhe geben, damit es sich entwickeln kann. Es gibt bei Radio DRS eine Tradition, die besagt, dass uns in erster Linie die Qualität interessiert. Wenn die stimmt, resultieren auch gute Quoten.
Sie könnten die Redaktion von DRS 4 News doch entlasten, wenn Sie die Hörerzahlen -- falls sie wirklich so gut sind -- kommunizieren würden.
Mir sind die guten Zahlen fast unheimlich. Ich traue ihnen noch nicht. Ich hätte gerne noch mehr Daten, bevor ich sie kommuniziere.
Abschlussfrage: Sie standen bereits im Dezember in der Kritik. Ihnen wurde vorgeworfen, allzu gefällig über die UBS zu berichten. Wie stark stehen Sie derzeit intern unter Druck?
Meine Kolleginnen und Kollegen waren sehr erstaunt über die Vorwürfe. Wir haben in der Redaktionsleitung, in der alle Sende- und Fachredaktionen vertreten sind, unsere Berichterstattung nochmals diskutiert. Niemand hat die Position vertreten, dass unsere Berichterstattung zu wenig kritisch gewesen sei. Ich habe den "Tages-Anzeiger" gebeten, mir auch nur ein Interview mit Marcel Ospel zu nennen, das kritischer war als das unsere. Bislang habe ich nichts gehört.
(Interview: David Vonplon)

