H. Elias Fröhlich, mit Whitney Houston ist am Wochenende eine der grössten Sängerinnen aller Zeiten verstorben. Wie und wo haben Sie die Nachricht erfahren?
Am Sonntag morgen zu Hause beim Skirennen schauen, die Abfahrt der Kombination in Sotschi. Mit Radio 24 rief das erste Radio an. Natürlich bin ich dann gleich ins Internet, um mehr zu erfahren.
Sind Sie ein persönlicher Fan von Ihr?
Ein Fan nicht, nein. Aber eine so wunderbare Drei-Oktaven-Stimme und eine derart schöne Frau darf man als Musik-Journalist schon bewundern. Dazu ihre unglaublichen Verkaufszahlen und die vielen Hits. Dafür gibt es nur ein treffendes Wort: Mega-Star.
Sie haben Houston zweimal getroffen. Erzählen Sie uns eine Anekdote?
Das erste Mal war, ich denke, 1986 in Montreux. Arista Records stellte den Medien einige neue Künstler vor. Wer die anderen waren, daran erinnere ich mich nicht mehr. Aber an diese Traumfrau erinnere ich mich, als ob es gestern gewesen wäre. Whitney hatte damals mit ihrem Debüt-Album "Whitney Houston" die US-Charts getoppt. Man sagte, das sei der künftige Mega-Star. Sie war fast schüchtern, als sie an den Tisch trat. Um allen Journalisten eine Chance zu geben, mit ihr zu reden, wurden sogenannte Round-table-Gespräche arrangiert. In Erinnerung bleibt mir ihre Antwort auf die Frage nach einer eigenen Familie. Sie schwärmte davon, einen tollen Mann und ganz viele Kinder zu haben. Und das mit einem Gesichtsausdruck, der Sehnsucht aussprach. Auch an den Photo-Call ein paar Stunden später im Hotel Palace in Montreux erinnere ich mich mit einem Schmunzeln. Whitney stellte sich vor einen Arista-Hintergrund, setzte ihr Popstar-Diva-Gesicht auf und zählte langsam von zwanzig zurück. Three, two, one... und weg war sie. Das zweite Mal war 1999 nach ihrem Hallenstadion-Konzert. Da war sie bereits auf dem Weg nach unten. Der Dauerzoff mit Ehemann Bobby Brown hatte bereits Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.
Was ist Ihnen von diesen Begegnungen am deutlichsten in Erinnerung geblieben?
Ihre Schönheit und ihr Strahlen. Das spiegelte sich in ihren dunklen Rehaugen. Eine wunderbare Frau, eine sehr herzliche Person.
Houston war vor Ihrem Tod eher dank Drogen-Geschichten statt dank Ihrer Musik präsent. Nun werden Ihre Songs vermutlich erneut die Hitparaden stürmen. Erklären Sie uns dieses Phänomen?
Es gibt zwei treffende Aussprüche zu diesem Thema. "Too old to rock'n'roll, too young to die" von Jethro Tull. Und "Only the good die young" von Billy Joel. Bei Whitney Houston trifft beides zu. Sie schaffte den Absprung von Drogen, Alkohol und Zigaretten nicht. Ihre Karriere hätte womöglich im Debakel geendet. Das blieb ihr ebenso erspart wie Michael Jackson. Und: Wer jetzt noch keine Musik von Whitney Houston gekauft hat, wird das jetzt vielleicht nachholen. Die Menschen möchten nach diesen vielen Schlagzeilen nach ihrem Tod wohl wissen, was Whitney ausser Hits wie "I Will Always Love You" und "One Moment In Time" sonst für Musik gemacht hat. Ein normales Phänomen und nichts anderes als logisch.
Die Musiklabels schlagen einen riesigen Profit, wenn ein Star stirbt. Ihre Meinung?
Im Falle von Whitney Houston muss man wissen, dass die Sängerin anfangs neues Jahrtausend einen sehr hoch dotierten Plattenvertrag abschliessen konnte. Wahrscheinlich hat sie die Vorschüsse noch nicht eingespielt, weil ihre Karriere durch ihre persönlichen Probleme einen grossen Knick bekam. Abgesehen davon: Whitney Houston soll pleite gewesen sein. Anscheinend hat sie erst kürzlich von der Plattenfirma einen weiteren Vorschuss erhalten. Falls jetzt Arista Records mit ihr erneut einen grossen Reibach machen sollte oder mindestens die Ausstände wieder reinholen kann: Ein grosser Teil des Geldes kommt ihrer hinterlassenen Tochter Bobbi Kristina zugute. Die ist erst 18.
Auch die Medien sind voll von Berichten zum Tod der Sängerin. Warum interessieren Stars oft mehr, wenn sie tot sind?
Klare Antwort: Tough Business! Whitney Houston ist als Star und Sängerin in einer ganz seltenen Klasse. Sie hatte riesige Erfolge, und sie vereinigte Generationen von Fans. Meine 19-jährige Tochter mag ihre Musik ebenso wie mein 62-jähriger Bruder. Was ich aber noch wichtiger finde: Whitney Houston schlug eine Brücke zwischen Schwarz und Weiss und/oder Weiss und Schwarz. Die meisten Whitney-Songs sind perfekter Pop mit viel Soul und anderen Ingredienzen schwarzer Musik. Und sie sind zeitlos. "I Will Always Love You" wird man noch in 50 Jahren hören. Um auf die Medien zurückzukommen: Es gibt sowohl für den Boulevard als auch für das Feuilleton ganz wenige Künstler, deren Werk für beide Genres interessant genug ist für ausgedehnte Stories und Analysen. Bei Whitney speziell sind die Themen, sprich: Skandale der letzten Jahre, derart boulevardesk, dass man in den nächsten Wochen und Monaten wohl noch viel Neues und viele Enthüllungen wird erfahren können. Whitneys Tod unter diesen ungeklärten Umständen: ein Fressen für die Boulevard-Presse.
Wo liegt Ihrer Meinung nach die Grenze der Berichterstattung über verstorbene Superstars?
Höchstens in intimsten Bereichen. Legenden wie Whitney Houston, Michael Jackson, Elvis und andere verstorbene Musikgrössen suchten ihr ganzes Leben Spotlight und Limelight, fühlten sich darin wohl, ja sie buhlten um Aufmerksamkeit und PR für ihre Produkte. Ob sie das alles freilich immer freiwillig und gerne machten, ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall unterschreiben Stars Verträge, die zwar sehr viel Geld, aber auch viele Verpflichtungen - Konzerte, TV- und PR-Auftritte, Interviews - mit sich bringen. Einige sind an diesem Druck und auch an ihrer Popularität zerbrochen, flüchteten in Alkohol und Drogen. Wo sind also die Grenzen? Verstorbene Stars wie Ray Charles und James Brown wurden nach ihrem Tod den Fans, die Abschied nehmen wollten, im offenen Sarg "präsentiert", was in Amerika durchaus Tradition hat. Solche Fotos dürfte man sicher zeigen. "De mortuis nil nisi bene", über Tote soll man nichts Schlechtes reden, scheint aus bereits erwähnten Gründen in diesem Falle obsolet. Es werden viele Ratten aus den Löchern kommen und plaudern. Mir schwanen üble Enthüllungen.
Werden Sie als Musikjournalist noch etwas verfassen zu Whitney Houston?
Falls eine Posthum-CD erscheinen wird, werde ich diese sicher besprechen. In diversen Radio-Interviews habe ich sonst bereits alles gesagt, was andere nicht schreiben können, weil sie Whitney Houston nicht persönlich erlebt haben. Was übrig bleibt, ist bereits geschrieben oder wird noch geschrieben werden. Dazu braucht es mich nicht.
Interview: Corinne Bauer

