Am Montagabend feiert das "NZZ Folio" seinen 20. Geburtstag in der Fischstube in Zürich. Noch vor dem Jubiläumsfest hat sich persoenlich.com mit Chefredaktor Daniel Weber über die renommierte Qualitätspublikation unterhalten. Warum kostet ein einzelnes Heft 12 Franken, während alle Texte auch im Internet gratis verfügbar sind? Mehr zur neuen Online-Strategie und weitere Blicke in die Zukunft lesen Sie im Interview.
Herr Weber, "NZZ Folio" wird 20 Jahre alt. Das aktuelle Heft macht eine Zeitreise quer durch die 240 Themen der vergangenen Jahre. Welches ist Ihr persönliches Lieblingsheft?
"Flug LX14", in dem wir erzählten, was alles hinter einem ganz gewöhnlichen Flug von Zürich nach New York steckt. Das war ein Langzeitprojekt, an dem die ganze Redaktion während neun Monaten recherchierend und schreibend beteiligt war. Das war sehr aufwendig und sehr befriedigend - natürlich auch weil die Reaktionen enorm positiv waren.
Welche Kriterien muss ein "NZZ Folio" in den Augen des Chefredaktors erfüllen, damit es perfekt gelungen ist?
Das perfekte Heft haben wir noch nicht geschafft. Besonders gelungen sind für mich jene, die zu einem Thema überraschende Zugänge eröffnen, die zum Lesen verführen, weil sie relevant und gut geschrieben sind.
Sie sind Chefredaktor von einem der renommiertesten journalistischen Produkte. Ein Traumjob?
Gewiss! Neugier ist ja einer der Hauptgründe, warum man Journalist wird, und wo könnte ich meine Neugier besser befriedigen als beim Folio, das sich jeden Monat wieder auf ein neues Thema einlässt? Und weil wir keinen Pflichtstoff haben, können wir eigene Ideen umsetzen, das ist ein grosses Privileg.

Die Redaktion besteht aus fünf Personen. Daneben arbeiten Sie mit freien Mitarbeitern. Wie wird man Redaktor von "NZZ Folio"?
Man muss das Team möglichst ideal ergänzen. Wir sind eine sehr kleine Redaktion, da ist es wichtig, dass wir ein breites Spektrum an Interessen abdecken. Jeder von uns hat einen ganz anderen journalistischen Hintergrund.
"NZZ Folio" ist ein Monatsheft. Wie gehen Sie bei der Themenwahl vor?
In unserer Jahresplanung achten wir auf Vielfalt: Politik, Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft usw. sollen vertreten sein. Neben gewichtigen Themen sollen auch verspieltere, leichtere Platz haben. Bei sperrigen Themen ist uns wichtig, dass wir sie in Geschichten umsetzen, die ein Lesevergnügen sind.
Was für eine Rolle spielt bei der Themensetzung die Aktualität und der Werbemarkt?
Wir suchen Themen, die latent aktuell sind. Manchmal sind sie bei Erscheinen des Hefts auch brandaktuell, wie bei "Atomkraft" im letzten April. Da konnten wir in letzter Minute gerade noch auf Fukushima reagieren - geplant hatten wir das Heft mehr als ein halbes Jahr vorher (persoenlich.com berichtete). Wir setzen auch Themen um, die sogenannte Inseratekiller sind: "Schmerz", "Der Tod", "Seelennot". Die legen wir auf den Jahresanfang, weils im Januarloch sowieso kaum Inserate gibt. Aber für die Leser sind solche Hefte sehr wichtig, das zeigt jeweils das Echo.
Zum 15. Geburtstag schenkte sich "NZZ Folio" einen neuen Webauftritt. Was gibt es zum 20. Geburtstag? Was ist im Bereich Neue Medien geplant?
Bei der NZZ tut sich im Moment im Online-Bereich viel. Wir sind in diese Entwicklung eingebunden. Der neue Folio-Webauftritt kommt nicht pünktlich zum Geburtstag, aber er kommt.
Alle Hefte sind im Web gratis abrufbar. Ein Abo ist aber kostenpflichtig. Was ist die Strategie dahinter?
Es ist eher eine Zwischenphase als eine Strategie. Bei den geplanten digitalen Versionen werden sicher nicht mehr alle Inhalte gratis sein.
Im Jubiläumsjahr startet das berühmte "NZZ Folio"-Rätsel statt im Dezember bereits früher. Dies wurde mit einer grossangelegten Werbekampagne angeteasert. In Foren wird bereits diskutiert, was der Sujet-Text "Tour de Suisse - Das schwierigste Rätsel der Schweiz beginnt" wohl bedeutet. Verraten Sie uns, was hinter der Aktion steckt?
Das darf ich leider nicht, unser Rätselmeister CUS ist da sehr streng. Nur soviel: Das Dezemberrätsel hat tatsächlich schon im August begonnen. Und im September geht es weiter.
Was unternimmt "NZZ Folio" nebst dem jährlichen Rätsel, um seine Leser einzubinden?
Wir machen sie zu Mitarbeitern: Im Heft haben wir Kolumnen wie den Fachjargon-Dialog "Vom Fach", die vorwiegend von Lesern geschrieben werden. Im Oktober starten wir mit einer neuen Kolumne, "Icon Poet", die mit Würfeln und Schreiben zu tun hat und auch von der Kreativität unserer Leserinnen und Leser abhängen wird. Den Kontakt zu ihnen suchen und finden wir auch mit kleinen, feinen Veranstaltungen. am 16./17. September stellen wir im Foyer der NZZ die "Puppenstuben des Grauens" aus (im Zusammenhang mit dem Septemberheft "Am Tatort"). Informationen zu solchen Anlässen findet man jeweils auf unserer Facebookseite http://www.facebook.com/nzzfolio.
Ein Blick zurück: Mit welchem Ziel wurde "NZZ Folio" im Jahr 1991 lanciert? Wurde dieses erreicht?
Publizistisch sollte das "Folio" der "NZZ"-Leserschaft einen Zusatznutzen bieten und darüber hinaus Leser gewinnen. Das ist gelungen, wir haben uns als Qualitätstitel aus dem Haus NZZ bei über 650'000 Lesern etabliert. Das verlegerische Ziel war, dass das Profitcenter Folio selbsttragend wird. Das dauerte etwas länger als geplant, aber seit 1999 haben wir immer schwarze Zahlen geschrieben.
Alle Ausgaben haben etwas gemeinsam: Die Titelseite ziert immer ein von Max Grüter modelliertes Objekt, fotografiert von Patrick Rohner. Ist "NZZ Folio" damit auch ein Kunstobjekt?
Das Folio ist ein journalistisches Produkt, aber die Titel, die so unverwechselbar sind, dass sie zu unserem Markenzeichen wurden, erfüllen schon einen künstlerischen Anspruch. Das wird auch so wahrgenommen: Derzeit läuft im Museum für Gestaltung in Zürich die Ausstellung "Kunst am Heft", in der alle unsere Titelblätter zu sehen sind.

Und ein Blick in die ganz nahe Zukunft: Was erwartet die Gäste an der Geburtstagsfeier am Montag Abend?
Kulinarische Köstlichkeiten, ein paar unterhaltsame Live-Darbietungen, eine kleine Ausstellung - das Ganze soll für unsere Gäste ein ungezwungener Rahmen sein für anregende Begegnungen und Gespräche.
Interview: Corinne Bauer.

