Herr Fischlin, Sie haben mit "Initiative Investigate" einen Verein für Qualitätsjournalismus mitgegründet. Wer steht sonst noch hinter dem Projekt?
Wir sind neun Gründungsmitglieder: Journalisten aus Österreich und Deutschland. Ich vertrete die Schweiz. Die Idee angestossen haben wir Juroren des "CNN Journalist Award". Treibende Kräfte des Vereins sind ausserdem Peter Klöppel, Chefredaktor von RTL, Klaus Liedtke, ehemaliger Chefredaktor "National Geographic" und Dominik Wichmann, stv. Chefredaktor beim "Stern".
Steht es so schlecht um den Journalismus in der Schweiz und im übrigen deutschsprachigen Raum, mit dem sich die Stiftung befasst?
Die Probleme sind überall ähnlich: Die vorgenommenen Budgetkürzungen haben einen direkten Einfluss auf den Alltag des Journalisten. Es bleibt weniger Zeit für die einzelnen Geschichten. Insbesondere für eine ausführliche Recherche, die für investigativen Journalismus unbedingt nötig ist, gibt es wenig Raum.
Sind die verschiedenen Medien (Print, TV, Radio) gleichermassen betroffen?
Ja, was ich aus meinem Umfeld höre, ist dies ein generelles Problem. Auslandkorrespondenten zum Beispiel sind häufig wegen der Aktualität auf Stand-by in den jeweiligen Region und wünschten, mehr aufs Feld gehen zu kommen, um Leute kennen zu lernen und wichtige Gespräche zu führen.
Kann man sagen, dass wenn die Recherche gut ist, automatisch auch die daraus entstehenden journalistischen Produkte qualitativ besser sind?
Die Recherche ist ganz klar der eine Teil der Qualität. Der andere ist die Unabhängigkeit. Jedes Medium ist Teil gewisser Verflechtungen und muss für diese Unabhängigkeit kämpfen. Ich denke hierbei zum Beispiel an Drohungen wie Anzeigen-Rückzug.
"Investigate" setzt in erster Linie bei der Recherche an.
Aber auch bei der Unabhängigkeit. Diese ist hundertprozentig garantiert. Hauptaufgabe des Vereins ist dann aber die Verleihung von Stipendien für die Umsetzung von Projekten und spannenden Geschichten.
Nach was für Kriterien wird entschieden, wer ein Stipendium erhält?
Weil Investigate von der CNN-Jury mitinitiiert wurde, haben wir beschlossen, dass in einer ersten Phase die Preisträger und Nominierten des CNN-Awards ihre Projekte einreichen können. Ein Kuratorium entscheidet dann, welches oder welche Projekte unterstützt werden. Die Höhe des Betrags hängt auch davon ab, wie viel Geld der Verein zur Verfügung hat. Bis jetzt ist aus der Privatwirtschaft ein Betrag gesprochen, umgerechnet 30 - 40'000 Schweizer Franken.
"Investigate" unterstützt also nur Nominierte des CNN-Awards?
Nein, der Verein ist komplett unabhängig von CNN. In einer zweiten Phase ist das Rennen für alle offen, ohne Alterslimite.
Für ein Stipendium können sich Schweizer, Österreicher und Deutsche bewerben. Haben Schweizer da überhaupt Chancen für Unterstützungsgelder?
Absolut. Ich bin überzeugt, dass sich die Qualität durchsetzt. Das sah man schon beim CNN-Award: Selbst wenn aus Deutschland 300 Artikel eingereicht wurden, der Schweizer Artikel aber der beste war, dann wurde dieser ausgezeichnet.
Als Vorbild der Stiftung wird die unabhängige US-amerikanische Nachrichten-Initiative "ProPublica" genannt, die inzwischen eine eigene Redaktion und journalistische Plattform unterhält. Wird auch Investigate bald ein eigenes Produkt herausgeben?
Vorerst befasst sich der Verein mit der Förderung einzelner Journalisten oder auch kleinerer Teams. Wie er sich weiterentwickelt, werden wir sehen. Es ist absolut denkbar, dass etwas ähnliches wie "ProPublica" entsteht. Das hängt alles auch davon ab, wie gross das Interesse an Investigate sein wird bzw. wie viele Mitglieder und Partner wir gewinnen können.
Was sind bei der täglichen Arbeit Ihre Ansprüche an sich selbst bezüglich Qualitätsjournalismus?
Für mich ist die Unabhängigkeit sehr entscheidend. In dieser Hinsicht ist man als SRG-Mitarbeiter privilegiert, weil man niemandem ausser dem Konsumenten gegenüber verpflichtet ist. Ich habe es bei SF noch nie erlebt, dass mir irgendjemand, sei es der Produzent oder sonst jemand, bei einer Story reingefunkt oder mir eine Geschichte verboten hat. Ich habe auch bei TV3 und Radio Extra Bern gearbeitet und so auch die andere Seite kennengelernt.
Da war das also anders?
Ja. Bei TV3 wurden beispielsweise die eigenen Sendungen zum Nachrichtenthema gemacht. Damals hatten wir die Show Insel Robinson, die nun plötzlich in den News gepusht werden sollte. Ich habe nicht eingesehen, warum ich mich als Nachrichtenmoderator um solche Themen kümmern sollte, doch das war vorgegeben. Es war in der letzten Phase der Nachrichtensendung, nachher wurde diese ja abgeschafft.
Wie kann sich ein Journalist in einer solchen Situation wehren?
Der Druck kann gross sein und ein Wehren daher sehr schwierig. Gerät man in eine solche Situation, muss man ehrlich zu sich selbst sein und sich fragen, ob man das aushält und vertreten kann.
Sie sind vor kurzem als erster Vertreter des Medienbereichs Information zum "Schweizer Fernsehstar des Jahres" gewählt worden. Ein Zeichen, dass die Qualität mehr Gewicht erhalten soll?
Es war ein "Newsjahr", es hat sich sehr viel ereignet: Fukushima, Libyen, Ägypten. Ich hoffe, dass der Preis ein Zeichen ist und die Arbeit von uns Newsjournalisten in der Öffentlichkeit mehr geschätzt und wahrgenommen wird.
Was bedeutet Ihnen der Preis?
Es ist eine enorme Wertschätzung für 25 Jahre journalistische Tätigkeit. Es ist aber insbesondere auch eine Wertschätzung gegenüber dem ganzen Team der "Tagesschau". Ohne die ausgezeichnete Redaktion, wäre meine Arbeit so nicht möglich.
Interview: Corinne Bauer

