01.10.2012

Umfrage

"Gesagt ist gesagt"

Chefredaktoren über das Autorisieren von Interviews.
Umfrage: "Gesagt ist gesagt"

Kürzlich gab die "New York Times" ("NYT") bekannt, dass sie das spätere Autorisieren von Interviews künftig ablehnen wird. Die Echtheit von Interviews gehe dadurch verloren oder werde verfälscht. Zuletzt wurde hierzulande darüber im Zusammenhang mit dem Degen-Interview diskutiert. Persoenlich.com hat sich bei verschiedenen Chefredaktoren erkundigt, wie sie die Autorisierung von Interviews handhaben und ob sie die neuen Regelungen der "NYT" übernehmen werden. Zur Umfrage:

Peter Röthlisberger, Chefredaktor Blick am Abend

"Interviews und einzelne Quotes geben wir immer und konsequent zum Gegenlesen. So viel Spielregel muss sein, sonst ist das Vertrauen dahin. Ich mache gute Erfahrungen, weil die Aussagen auch faktisch stimmen, wenn sie vom Interviewten gegengelesen werden. Antworten komplett umschreiben oder den Sinn verändern geht allerdings nicht. Dann müssen wir darüber verhandeln. Ich bin gespannt, ob wir noch viele Interviews lesen werden in der 'NYT'. Für die Schweiz sehe ich eine solche Regelung nicht.“

"Interviews und einzelne Quotes geben wir immer und konsequent zum Gegenlesen. So viel Spielregel muss sein, sonst ist das Vertrauen dahin. Ich mache gute Erfahrungen, weil die Aussagen auch faktisch stimmen, wenn sie vom Interviewten gegengelesen werden. Antworten komplett umschreiben oder den Sinn verändern geht allerdings nicht. Dann müssen wir darüber verhandeln. Ich bin gespannt, ob wir noch viele Interviews lesen werden in der 'NYT'. Für die Schweiz sehe ich eine solche Regelung nicht.“

Philipp Landmark, Chefredaktor St. Galler Tagblatt

"Wir geben Interviews grundsätzlich zum Gegenlesen. Ein wichtiger Grund: Interviews werden meistens in Mundart geführt und in Hochdeutsch geschrieben. Diese Übersetzung kann Aussagen gelegentlich so zuspitzen, dass sie tatsächlich nicht mehr im Sinn des Interviewpartners ist. Darüber erschrecken tendenziell eher Laien, also Leute, die sich nicht gewohnt sind, Interviews zu geben. Zweiter Grund: Interviews sind selten exakte Gesprächsprotokolle, sondern teilweise eine Montage. Dann ist es fair, dem Vis-à-Vis zu zeigen, was aus dem Gespräch wurde, welche Teile drin sind, und welche nicht. In den allermeisten Fällen läuft das problemlos, manchmal verliert ein Interview ein bisschen, manchmal gewinnt es auch, und dann und wann kann auch ein Missverständnis ausgeräumt werden. Selten, aber zunehmend werden Interviews von angeblichen Fachleuten weichgespült und entstellt. Das akzeptieren wir nicht und suchen das Gespräch, meistens kann man sich auf eine vernünftige Lösung einigen. Wenn nicht, muss man auf das Interview verzichten. Das kam aber länger nicht mehr vor. Für die neue Regelung der "NYT" habe ich Verständnis. Bei uns ist die Situation aber nicht so schlimm, dass wir so radikal handeln müssten. Das könnte sich bei der gegenwärtigen Aufrüstung der PR-Maschinerie aber bald ändern."

Peer Teuwsen, Leiter Schweiz-Seiten Die Zeit

"Im Schweiz-Teil der 'Zeit' weisen wir vor dem Interview darauf hin, dass das gesprochene Wort gilt – und dass sich dieses auch im geschriebenen Text so wiederfinden wird. Die Autorisierung gestehen wir nicht zu, nur das Gegenlesen, das heisst, es können sachliche Fehler berichtigt werden. So wollen wir verhindern, dass ganze Interviews in Duktus und Wortlaut verändert werden. Meist machen wir damit positive Erfahrungen, natürlich gibt es immer wieder Interviewpartner, die sich nicht daran halten. Mit ihnen beziehungsweise ihren Kommunikationsverantwortlichen muss man dann halt vor Drucklegung sprechen. Das ist, zugegeben, nicht immer einfach. Die neue Regelung der 'New York Times' halte ich grundsätzlich für eine gute Idee, bin mir aber bewusst, dass sich diese Kultur, die es ja im angelsächsischen Raum schon länger gibt, bei uns erst verbreiten muss, damit sie flächendeckend umgesetzt werden kann."

"Im Schweiz-Teil der 'Zeit' weisen wir vor dem Interview darauf hin, dass das gesprochene Wort gilt – und dass sich dieses auch im geschriebenen Text so wiederfinden wird. Die Autorisierung gestehen wir nicht zu, nur das Gegenlesen, das heisst, es können sachliche Fehler berichtigt werden. So wollen wir verhindern, dass ganze Interviews in Duktus und Wortlaut verändert werden. Meist machen wir damit positive Erfahrungen, natürlich gibt es immer wieder Interviewpartner, die sich nicht daran halten. Mit ihnen beziehungsweise ihren Kommunikationsverantwortlichen muss man dann halt vor Drucklegung sprechen. Das ist, zugegeben, nicht immer einfach. Die neue Regelung der 'New York Times' halte ich grundsätzlich für eine gute Idee, bin mir aber bewusst, dass sich diese Kultur, die es ja im angelsächsischen Raum schon länger gibt, bei uns erst verbreiten muss, damit sie flächendeckend umgesetzt werden kann."

Thomas Bornhauser, Chefredaktor Neue Luzerner Zeitung

"Grundsätzlich respektiert die 'Neue Luzerner Zeitung' das Recht auf das eigene Wort, was die Autorisierung von Aussagen umfasst. Naturbedingt zu Ausnahmen kommt es zum Beispiel in der aktuellen Sportberichterstattung, wo ein Gegenlesen im herkömmlichen Sinne häufig unmöglich ist. Die Erfahrungen mit Autorisierungen fallen unterschiedlich aus, je nach Temperament des Gesprächspartners. Im Trend wird der Umgang mit grossen Institutionen mühsamer, weil dort immer mehr Dritte mit hineinreden, Kommunikationsstellen, PR-Berater oder Rechtsexperten. Letzte Woche zum Beispiel versuchte ein Stabsmitarbeiter einer Behörde, eine nachträgliche Autorisierung von Aussagen zu erreichen, die im Rahmen einer Medienkonferenz (!) gemacht wurden. Das kommt aber nicht in Frage. Wir behalten uns das Recht vor, auf eine Publikation zu verzichten, falls die Autorisierung eines Interviews faktisch eine Verfremdung des ursprünglich geführten Gesprächs zur Folge hat. Und es ist auch denkbar, das Umpflügen eines Gesprächs grafisch darzustellen, um so dem Leser gegenüber transparent zu machen, wie Aussagen verändert wurden."

Susan Boos, Chefredaktorin WOZ

"Interviews, die auch in dieser Form erscheinen, werden für gewöhnlich integral zum Gegenlesen gegeben. Wenn in einem Bericht GesprächspartnerInnen aber nur mit einigen Sätzen zitiert werden, geben wir die Zitate nur zum Gegenlesen, wenn dies eingefordert wird, sonst nicht. Manche Leute sind professionell und korrigieren nur inhaltliche Fehler, was der Sache dienlich wäre. Häufiger ist jedoch das Gegenteil zu beobachten: Oft werden die pointiertesten und klarsten Äusserungen so abgeschwächt, dass am Ende das autorisierte Interview zur heissen Luft verkommt. Es gab schon Momente, da drohten wir, das Interview unautorisiert abzudrucken (beziehungsweise die korrigierte Version zusätzlich ins Netz zu stellen) – und die Auseinandersetzung in einem kurzen Begleittext in der Zeitung zu erläutern, um für die LeserInnen transparent zu machen, wie gemachte Äusserungen bis zur Unkenntlichkeit entschärft wurden. Für gewöhnlich liessen sich dann die betreffenden Personen schnell auf eine Version ein, die wir noch verantworten konnten. Grundsätzlich gilt für uns: Gesagt ist gesagt. Die neue Regelung der 'New York Times' hat uns sehr gefreut. Ein toller Entscheid – den wir uns sicher nach Möglichkeit zu eigen machen werden. Wie sich das allerdings im Alltag bei den Heerscharen von medientrainierten Pressesprechern und Politikerinnen umsetzen lässt, werden wir sicher intern noch diskutieren."

"Interviews, die auch in dieser Form erscheinen, werden für gewöhnlich integral zum Gegenlesen gegeben. Wenn in einem Bericht GesprächspartnerInnen aber nur mit einigen Sätzen zitiert werden, geben wir die Zitate nur zum Gegenlesen, wenn dies eingefordert wird, sonst nicht. Manche Leute sind professionell und korrigieren nur inhaltliche Fehler, was der Sache dienlich wäre. Häufiger ist jedoch das Gegenteil zu beobachten: Oft werden die pointiertesten und klarsten Äusserungen so abgeschwächt, dass am Ende das autorisierte Interview zur heissen Luft verkommt. Es gab schon Momente, da drohten wir, das Interview unautorisiert abzudrucken (beziehungsweise die korrigierte Version zusätzlich ins Netz zu stellen) – und die Auseinandersetzung in einem kurzen Begleittext in der Zeitung zu erläutern, um für die LeserInnen transparent zu machen, wie gemachte Äusserungen bis zur Unkenntlichkeit entschärft wurden. Für gewöhnlich liessen sich dann die betreffenden Personen schnell auf eine Version ein, die wir noch verantworten konnten. Grundsätzlich gilt für uns: Gesagt ist gesagt. Die neue Regelung der 'New York Times' hat uns sehr gefreut. Ein toller Entscheid – den wir uns sicher nach Möglichkeit zu eigen machen werden. Wie sich das allerdings im Alltag bei den Heerscharen von medientrainierten Pressesprechern und Politikerinnen umsetzen lässt, werden wir sicher intern noch diskutieren."

Patrik Müller, Chefredaktor Der Sonntag

"Interviews lassen wir gegenlesen, bei kürzeren Interviews oder solchen, die am Rand von Veranstaltungen geführt wurden, wird manchmal darauf verzichtet. In der Regel klappt das Autorisieren lassen gut - wer professionell ist, verändert seine Aussagen beim Gegenlesen nicht. Selten kommt es zu massiven Eingriffen, die wir nicht akzeptieren. Ich habe einst ein Interview mit dem damaligen Bischof Kurt Koch in der Ursprungsfassung gebracht und seine nachträglichen Änderungen nicht übernommen. Die neue Praxis der 'NYT' scheint mir in der Schweiz unrealistisch zu sein."

Umfrage: Claudia Thöny


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