Herr Ringier, wie würden Sie Ihre eigene Rolle innerhalb des Konzerns definieren? Fragt man andere, so heisst es immer, der starke Mann bei Ringier sei Michael Ringier.
Was heisst schon stark? In einer Familienfirma ist es wichtig, dass man als Figur wahrgenommen wird. Das garantiert Kontinuität, Berechenbarkeit. Es gibt gewisse Grundwerte, die immer mal wieder erwähnt werden müssen. Man repräsentiert die Firma nach aussen. Auch Sie würden mich nicht interviewen, wenn ich nicht Ringier heissen würde.
In der Öffentlichkeit gelten Sie als kultiviert, zurückhaltend bis scheu. Gleichzeitig ist -- um Beni Thurnheer zu zitieren -- Ringier der Verlag, welcher Promis zu Promis macht. Klafft zwischen diesen beiden Wahrnehmungen nicht eine grosse Lücke?
Überhaupt nicht. Schauen Sie einmal die Literatur an, dort wimmelt es von solchen Leuten. So ist das Leben: Boulevard ist Leben, Kunst ist Leben. Hinter mir sehen Sie ein Kunstwerk von Sylvie Fleury, welche mit ihren High Heels über ein Autoteil gelaufen ist, welches mit Nagellack bemalt worden war. Daneben ist Sylvie Fleury noch eine hinreissend hübsche und intelligente Frau. Das ist doch Boulevard hoch fünf. Wie die ganze Kunst. Kunst und Boulevard sind aufs Engste miteinander verbunden. Das Letzte, was der Verleger oder Chefredaktor einer Boulevardzeitung sein darf, ist, dumm zu sein. In der Regel ist guter Boulevardjournalismus anspruchsvoller als vieles andere.
Haben Sie denn nie unter diesem Konflikt gelitten?
Nie. Würde mich diese Frage nur eine Sekunde beschäftigen, müsste ich etwas anderes machen. Wie Sie in unserem Verlag sehen, können Boulevardzeitungen sehr unterschiedlich sein. Eine Boulevardzeitung in Serbien ist eine absolute Institution; es ist für die Demokratie entscheidend, ob es sie gibt oder nicht. In Rumänien spielt sie hingegen eine andere Rolle. Es war mir immer, mit Verlaub, scheiss-egal, was die Leute über mich geredet haben. Ein Boulevardverleger funktioniert wie ein Fussballtrainer. Wenn man sich auf diese Diskussion einlässt, hat man schon verloren. Man muss einfach seinen Weg gehen -- und den wichtigen Leuten zuhören.
Wer ist dies?
In der Regel gescheite Leute, die mit Journalismus etwas anfangen können. Dies können Intellektuelle sein, aber auch ganz einfache Leute. Die Auswahl einer richtigen Blick-Geschichte braucht die Nähe zum normalen Menschen. Sobald man diese verliert, macht man eine komplett falsche Zeitung. Ich glaube, meine Schwestern und ich verfügen über eine sehr gute Bodenhaftung.
Glauben Sie, dass Ringier hierzulande unter seinem Wert gehandelt wird?
Auch das ist mir egal. Wir müssen einfach einen guten Job machen. Die Kritik ist ja nicht per definitionem falsch, natürlich haben wir einige Baustellen in der Schweiz. Aber diese gibt es auch in den anderen Ländern. Das ist das Schöne an einer Reise, wie wir sie soeben absolviert haben. Wir haben tausende von Menschen gesehen, die für Ringier arbeiten. Nach einer solchen Reise nimmt man unsere Firma ganz anders wahr als jemand, der ständig in Zürich sitzt und zum Pressehaus hinüberschaut.
Rückblickend gesehen, was war für Sie bislang der grösste Erfolg?
Ich denke nicht in solchen Ranglisten. Es ist mir völlig wurst, welchen Platz ich auf irgendeiner Kunst-, Golf- oder Millionärs-Rangliste belege. Das Schönste ist zu sehen, wie erfolgreich und vielfältig unser Unternehmen im Jubiläumsjahr aufgestellt ist. Ringier ist ein sehr komplexes Unternehmen. Es freut mich zudem, dass unsere Firma immer noch ein Familienunternehmen ist.
Also kein Börsengang?
Dies kann schon irgendwann einmal der Fall sein. Es wäre völlig falsch, daraus ein Dogma zu machen. Dann wird man blind. Man muss solche Optionen immer wieder diskutieren und dabei Vor- und Nachteile abwägen. Bis jetzt hat ein Börsengang noch keinen Sinn gemacht. Dies wird auch noch eine Zeitlang so bleiben; doch kommt irgendwann der Moment, wo dies der Fall sein wird.
Werden Sie Ihren Verlag nach den Jubiläumsfeierlichkeiten verkaufen?
Nein, wieso denn? Ich habe vor ein paar Jahren einmal gesagt: Wenn irgendeine wunderbare Firma auf uns zukommt und wenn das Zusammengehen einen grösseren Sinn macht, dann kann man sich auch mit jemandem zusammenschliessen. Daraus ist die Diskussion entstanden, Ringier wolle verkaufen, worauf ein Journalist dies vom andern abschrieb. Vielleicht habe ich mich diesbezüglich auch ein wenig unvorsichtig geäussert.
Man kann also davon ausgehen, dass Sie auch das 180-Jahr-Jubiläum noch feiern werden?
(Lacht) Das 180-Jahr-Jubiläum feiern wir wahrscheinlich gar nicht. Irgendwann kann man sich einfach nicht mehr reden hören, und man mag auch keine Interviews mehr geben. Ich brauche diese Öffentlichkeit nicht. Deshalb meide ich auch das Fernsehen. Ich könnte jede Woche in irgendeiner Show auftreten, aber das lasse ich lieber bleiben.
Anders gefragt, in fünf Jahren ist Ringier noch selbstständig?
Ja.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer einmal Ihre Firma übernehmen wird?
Diesbezüglich haben wir doch noch Zeit. Ich bin jetzt 59. Schauen Sie den Hayek an; der ist ein extrem vernünftiger und intelligenter Aktionär und ein paar Jahre älter als ich. Ich kann doch noch als 73-Jähriger problemlos meinen Aktionärspflichten nachkommen. Es besteht also gar kein Zeitdruck. Gleichzeitig besteht eine Nachfolge-Generation; meine Schwester hat Kinder, wir haben Kinder. Diese können auch Aktionäre sein. Wir entscheiden so, wie es für die Firma am besten ist. Zusammenfassend: Ringier bleibt auch in absehbarer Zeit in der Hand unserer Familie, und zwar zu 100 Prozent. Wir würden nie mit jemandem zusammengehen, sofern wir nicht über eine sehr starke Stellung verfügen würden.
Eine letzte Frage: In Ihrer Hauszeitung Domo haben Sie bedauert, dass Ringier schon lange nichts mehr Neues realisiert habe. Haben Sie bereits neue Projekte in der Pipeline?
Habe ich das wirklich? Wir sind ja dauernd an neuen Sachen dran. Allein durch den Kauf der Mediaswiss entstehen unzählige neue Projekte. Und auch in den Konsolidierunsprozessen in Osteuropa wollen wir ganz vorne dabei sein. Das heisst vor allem kaufen, eventuell auch verkaufen. Und Lancierungen -- besonders im Ausland -- wird es auch weiterhin geben. Klar, von der Neuerfindung der Tageszeitung oder eines Wochenmagazins träumen alle -- wir auch. Wer aufhört zu träumen, hört irgendwann auf zu handeln.
(Interview: Matthias Ackeret)

