09.01.2003

"Herr Hartmeier, haben Sie Angst?"

Der Tages-Anzeiger erhält mit dem Express ab März einen potentiellen Konkurrenten aus dem eigenen Haus. So unumwunden will der Tagi-Chefredaktor Peter Hartmeier (Bild) das aber nicht eingestehen. Dafür spricht er über laufende Veränderungen und über die geplante "Neuerfindung" des Tages-Anzeigers. Das Interview:
"Herr Hartmeier, haben Sie Angst?"

Der Tagi hatte 2002 kein gutes Jahr, die Prognosen für 2003 sind schlecht. Warum tun Sie sich solch einen Job an?

Gemeinsam mit Redaktion und Unternehmenseitung, gestützt auf Verleger, Verwaltungsrat und Eigentümerfamilie eine der wichtigsten Zeitungen dieses Landes zu verantworten -- eine solche Chance erhält man wahrscheinlich nur ein Mal im Leben. In einer Zeit Chefredaktor zu sein, in der sich die Zeitungsindustrie in einem grundlegenden Wandel befindet, ist zwar sicher schwierig, aber auch ein Abenteuer, mit klaren Risiken und Chancen. Und dieses Abenteuer will ich wagen.

In Kürze will die Tamedia den Zürcher Tageszeitungsmarkt mit zwei Produkten beliefern: dem Tages-Anzeiger und der Gratiszeitung Express. Wie verhalten sich die beiden Blätter zueinander?

Analysen zeigen, dass sich eine Pendlerzeitung nicht mit einer abonnierten Grossstadtzeitung vergleichen lässt. Die Ansprüche und Erwartungen der LeserInnen sind völlig unterschiedlich.

Auch ein grosser Markt wie derjenige von "Millionen-Zürich" hat nur ein beschränktes Fassungsvermögen. Fürchten Sie nicht, vom Express kannibalisiert zu werden?

Es ist durchaus denkbar, dass Leute, für die der Groove unserer Grossstadtzeitung nicht entscheidend ist, sich ausschliesslich mit einer Pendlerzeitung begnügen werden. In einer pluralistischen Gesellschaft bestehen eben unterschiedliche Bedürfnisse, die unterschiedlich erfüllt werden wollen. Umso wichtiger ist es deshalb, dass die beiden Titel Tages-Anzeiger und Express auch völlig verschieden gemacht werden, weil dann beide Erfolg haben. Umgeben von gut gemachten Regionalzeitungen, der NZZ, Radio 24 und TeleZüri befindet sich der Tages-Anzeiger heute schweizweit in der härtesten Konkurrenzsituation. Jetzt kommt ein neuer Mitbewerber dazu, und weil ich Tamedia-Exponent bin, freue ich mich auf die beste Pendlerzeitung.

Mir scheint, Sie weichen der Frage aus. Haben Sie Angst?

Nein, aber ich habe Respekt, nicht vor dem Express, aber grundsätzlich vor der Aufgabe. -- Der Express wird vom Tages-Anzeiger finanziert, damit Tamedia auch bei den Pendlerzeitungen eine führende Stellung erringen kann. Dazu muss der Tagi erfolgreich und hoch rentabel sein. Internationale Studien zeigen, dass Pendlerzeitungen nur mit Pendlerzeitungen, nicht aber mit abonnierten Grossstadtzeitungen bekämpft werden können. Deshalb ist der Express für Tamedia ein so wichtiges Projekt. Übrigens für die gesamte schweizerische Medienlandschaft, wenn wir unsere Eigenständigkeit nicht verlieren wollen.

Hat die Tamedia die Pendlerzeitungen zu lange unterschätzt?

Ich kann nur für mich selber reden: Ja, ich habe sie unterschätzt.

Sie könnten zum Schluss kommen, Leute von aussen zum Tagi zu holen, haben Sie kürzlich gesagt. Wie war das gemeint?

Ich habe jegliche personelle Freiheit und kann jetzt oder später mit bisherigen KollegInnen zusammenarbeiten. Selbstverständlich kann ich auch Mitarbeiter von aussen dazunehmen. In nächster Zeit gibt es aber keine neuen Leute.

Sie fordern einen Kulturwandel in der Redaktion. Was heisst das konkret?

Die Ansprüche der Mediennutzer ändern sich rasch. Deshalb müssen wir weit mehr als bisher daran denken, dass ein Tages-Anzeiger ein Medium unter anderen ist, das vom Leser genutzt wird. Dies verlangt von uns vor allem den Mut zu Schwerpunkten. Dies ist eine Art von Zeitungsmachen.

Welche Veränderungen sind nötig?

Im Mittelpunkt steht ein rigoroses Themenmanagement, die tägliche Entscheidung darüber, was die LeserInnen im Millionen-Zürich bewegt. Hinzu kommt die Erhöhung der Nützlichkeit, denn wir wollen die nützlichste Tageszeitung der Schweiz werden. Das geschieht ab dem 1. März mit dem weiter verbesserten sechsten Bund, und ab Juni erscheint der völlig neu gestaltete Züritipp als höchst vergnügliches Stadtmagazin.

Für das Ressort "Zürich" sollen neue Formen von Lokaljournalismus entwickelt werden. Wie soll der aussehen?

Der Journalismus an sich kann natürlich nicht neu erfunden werden. Hingegen liefern die Süddeutsche, der Berliner Tagesspiegel, die Libération oder The Guardian Beispiele dafür, wie attraktive lokale Berichterstattung aussehen kann. Peter Haerle, der neue Chef unseres "Blauer Bund" genannten Regionalteils, und sein Team arbeiten während den nächsten Monaten an diesem Thema. Wir werden rechtzeitig informieren.

Im Herbst soll eine Arbeitsgruppe gar den Tagi neu erfinden. Weshalb und wie?

In jeder Industrie werden durch Experimentiergruppen Prototypen hergestellt, die als Anregung und Provokation dienen. In einer solchen kleinen Arbeitsgruppe erfinden wir neben der täglichen Arbeit einen völlig neuen Tages-Anzeiger -- aber nur für Unternehmensleitung und Verleger. Es steht kein Redesign bevor.

Sie haben den Schaffhauser Nachrichten vor rund drei Wochen ein Interview gegeben, bevor Ihre Redaktion Ihre Pläne kannte. Wie konnte das einem geschulten Kommunikator wie Ihnen passieren?

Das ist falsch. Im Interview stand nichts, was nicht schon bekannt gewesen wäre. Die Bereinigung mit der Redaktion hat kurz danach im Rahmen einer Grosskonferenz stattgefunden. Heute habe ich den Eindruck, die Weiterentwicklung des Tagi unter neuer Gesamtführung werde von Redaktion und Verlag sehr unterstützt.

Dennoch: Herrscht Krisenstimmung? Sie selber sagten an besagter Grosskonferenz, dass es dem Tages-Anzeiger schlecht gehe, dass er ein Loser-Image habe und dass er schlecht verkauft werde. Ihre KollegInnen sprachen zudem von "Turn-Around" und "Rettung der Zeitung".

Es herrscht Besorgnis, nicht Krisenstimmung. Doch wir haben den Kampfeswillen, die Kreativität und den Wunsch, diese Zeitung auch unter schwierigen strukturellen und konjunkturellen Rahmenbedingungen erfolgreich, einflussreich und kommerziell so ertragreich wie möglich zu behalten. Auf dieser Redaktion wird übrigens trotz schwierigen Zeiten auch gelacht. Und mit Lust diskutiert, polemisiert und vor allem geschrieben.


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