
In Deutschland ist Franz Josef Wagner mit seiner Kolumne "Post von Wagner" in der "Bild"-Zeitung längst Kult. Die direkte Ansprache wählt auch Helmut-Maria Glogger, Altmeister der Regenbogenpresse, in seiner neuen, täglichen Kolumne "Mail an..." im "Blick am Abend". Ob es ihm gelingt, hierzulande einen ähnlichen Status zu erlangen, wie seinem deutschen Kollegen? "persoenlich.com" sprach mit dem "Gentleman vom Boulevard". Das Interview:
Herr Glogger, Sie schreiben im "Blick am Abend" jeden Tag ein E-Mail an eine bekannte Persönlichkeit -- wollen Sie der Franz Josef Wagner der Schweiz werden?
Unsinn! Als habe Wagner von der "Bild"-Zeitung diese journalistische Mini-Form erfunden! Diese Art amüsant-amüsierter Nachlese gab es schon in den grandiosen Boulevard-Gazetten in London, Paris, Wien, Prag und Berlin vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Perfektioniert hat das später in Ansätzen kein Geringerer als Hans Magnus Enzensberger in seinem legendären "Transatlantik" und schliesslich die Macher der Satire-Zeitschrift "Titanic". Nebenbei: Ich heisse Helmut-Maria und werfe im Gegensatz zu all den Franz Josefs politisch und journalistisch im Keller keine schwarzen Schatten!
Aber abgeschaut haben Sie dem Herrn Wagner schon, oder?
Logisch. Gelesen habe ich ihn. Wer nicht? Komisch. "Post von Wagner" stand aber nicht Pate bei meinem E-Mail. Eigentlich war das eine alte Idee, die ich als Chefredaktor der "GlücksPost" mit Hildegard Schwaninger ausprobierte. Die war damals in Miami verheiratet, also schlug ich ihr ein wöchentliches "E-Mail aus Miami" vor. Richtig ist, dass ein solches, persönlich-direkt komponiertes Gefäss in ein Boulevard-Medium gehört. Wie Wagner zu "Bild" oder Jürg Ramspeck zu "Blick".
Man nennt Wagner den "Gossen-Goethe". Wie würden Sie gerne bezeichnet werden?
Ach, das überlasse ich all denen, die mich ja eh besser kennen als ich mich selbst. Mal war ich eine "Boulevard-Gurgel", dann wieder "Der Gentleman vom Boulevard". Heute bin ich zufrieden, wenn die meinen Namen richtig schreiben. Nebenbei: Franz Josef Wagner ist ein brillanter Schreiber, der weit mehr kann als "Bouletten-Journalismus" oder "Neo-Dadaismus". Seine Romane (Big Story, Das Ding) waren bestens komponiert. Leider ist er zu undiszipliniert, um seine Begabung auszuschöpfen.
Peter Rothenbühler schreibt in der "SonntagsZeitung" jeweils auch ein E-Mail an eine bekannte Schweizer Persönlichkeit. Was machen Sie anders -- oder gar besser -- als Ihr Kollege?
Erstens: Die Kolumne von Peter Rothenbühler lese ich mit Vergnügen. Zweitens: Meine Adressaten sind andere. Drittens: Mein Mail ist die wohl kürzeste Form der Korrespondenz. Viertens: Niemand macht in unserem Beruf etwas besser. Fünftens: Jeder versucht es anders zu machen.
Wo liegt die Schwierigkeit beim Verfassen der Kolumne?
In der Idee. Im Zugang zur Person, zum Thema. Das Schreiben ist gelerntes Handwerk. Zugegeben: Ich taste mich noch an die richtige Form heran.
Und wann erachten Sie eine Kolumne als gelungen?
Wenn sie aktuell eine Person begreifbar macht. Und ich unzensiert meine Sicht darstellen konnte.
Der "Blick am Abend" wird vor allem von Teens & Twens gelesen. Ist es für Sie nicht schwierig, die richtige Ansprache zu finden? Worauf kommts an?
Sorry! Junge sind nicht gleich Dumme! Keiner will als Leser kindisch mit "Du" angesprochen werden. Neben Analphabeten gibt es ja gottlob genügend ABCDEF-Kundige. Vorurteile überlasse ich lieber den Gruftis unserer Zunft.
Welcher bekannten Persönlichkeit würden Sie am allerliebsten einmal ein E-Mail schicken?
Ich kann ja jedem ein Mail schicken. Der Papst bekam schon eins, der Borkenkäfer bekommt noch eins. Nur bei politischen und journalistischen Wanderpredigern verweigern meine Finger den Dienst.
Erhielten Sie von den Angeschriebenen auf ein E-Mail schon eine Antwort?
Aber sicher. Einer will sogar eine Gegendarstellung. Was zeigt: Volltreffer!
Beschränken Sie sich bei Ringier aufs Kolumnenschreiben -- oder haben Sie im Haus auch andere Aufgaben?
Na, dann sollten Sie doch den "SonntagsBlick" und besonders das Magazin lesen. Da fühle ich mich pudelwohl und schreibe und produziere viel -- ohne dass mein Name immer drüber oder drunter stehen muss. Ach ja: Um dem Geknechte nach "kurz, kurz, kurz" zu entrinnen, schreibe ich noch Bücher. Und auch die müssen nicht immer meinen Namen auf dem Titel haben.
Schlussfrage: Franz Josef Wagner lebt zurückgezogen in seiner Wohnung und schreibt dort auch seine Kolumnen, die er dann seinen Redaktionskollegen telefonisch durchgibt. Machen Sie das auch so oder ziehen Sie es vor, Ihre kurzen Texte an der Dufourstrasse in die Tasten zu hauen?
Sagen wir es mal so: Im Gegensatz zu Wagner brauche ich als Stimulanz kein Berlin, keine Paris-Bars und keinen "Das ist doch der Wagner"-Auftritt. Mir reichen meine Kinder, meine Hunde -- und was sonst mir "Cheibs" in gesendeter und gedruckter Form ins Haus oder um die Ohren fliegt.
(Fragen: David Vonplon)

