16.10.2018

Niklaus Meienberg / Roger Schawinski

Hochemotionaler Briefwechsel aufgetaucht

Vor 25 Jahren – am 22. September 1993 – nahm sich Niklaus Meienberg das Leben. Zwei Jahre zuvor lieferten sich der Publizist und Roger Schawinski einen heftigen Briefwechsel, der im Schweizer Literaturarchiv aufbewahrt ist und nun im «persönlich» erstmals publiziert wird.
Niklaus Meienberg / Roger Schawinski: Hochemotionaler Briefwechsel aufgetaucht
Niklaus Meienberg (l.) und Roger Schawinski an einem Podiumsgespräch in der Roten Fabrik 1976. (Bild: Keystone)

«Wir waren nie Freunde, aber als journalistische Kollegen sahen wir uns hie und da. Dann verdüsterte sich unser Verhältnis. Nach Beginn des ersten Irakkriegs am 17. Januar 1991 schickte mir Meienberg einen Brief, ich antwortete» schreibt Roger Schawinski in der aktuellen «persönlich»-Print Ausgabe. Beide Briefe befinden sich im Schweizerischen Literaturarchiv und werden im «persönlich»-Magazin sowie hier erstmals publiziert.

***

Lieber Schawi oder auch Roscher

Eure Berichterstattung ist skandalös einseitig: eine Agentur für zionistisch-militaristische Propaganda. Du sagst in allem Ernst, dass ihr neutral seid, «ein Amerikaner ist bei uns noch nie zu Wort gekommen» (darum auch kein Iraker). Anscheinend hast du nicht gemerkt, dass eure Berichtchen zum grossen Teil aus Ami- oder amifreundlichen Quellen kommen…

Du hast gern Krieg, da läuft etwas. Du warst auch glücklich über die Affäre Kopp, das gab Einschaltquoten … Natürlich weisst du schon heute nicht mehr, was an eurem Sender am Abend des 16. geschludert wurde: Ein Ereignis deckt das andere zu. Du bist ein ausgemachter Medienspekulant, die Wahrheit zieht dabei den Kürzeren.

Selbstverständlich würde ich an deinem militaristischen Schmierensender, der alles noch mit toller Musik aufgeilt (für den Fall einer irakischen Niederlage würde ich für Radio 24 ein bisschen Edith Piaf – «Je ne regrette rien» –, an Opus Radio hingegen die Fünfte von Beethoven vorschlagen), nicht auftreten. Wie konnte dein Herr Abrowandi auf die Idee kommen, mich zusammen mit Onkel Muschg und Tante Däniker zum Schnorren einzuladen? Ich habe hoffentlich bald einmal Gelegenheit, deine fürchterliche «Information» genauer in einer grösseren Zeitung zu analysieren. Dass dir das nichts ausmacht, weiss ich allerdings; du hast schon längst kein journalistisches Ehrgefühl mehr.

Niklaus Meienberg

(Kopie an Peter Rothenbühler, Peter Stalder, Roman Berger, Jürg Ramspeck)

***

Zürich, 28. Januar 1991

Lieber Niklaus

Zuerst einmal die Fakten:

1. Radio 24 ist ein Radio, das eine umfassende Informationsleistung zu erbringen sucht. Die Analyse und der Kommentar kommen bei unserem Medium erst an zweiter Stelle. Unter dieser Prämisse steht auch unsere Berichterstattung aus dem Golfkonflikt.

2. Als einziges Schweizer Medium hatten wir durch Beat Krättli einen festangestellten Mitarbeiter, der, von seiner Arabisch sprechenden Frau begleitet, aus Bagdad berichtete. Er blieb dort unter grossen persönlichen Gefahren, bis seine Kommunikationsverbindungen nach Kriegsausbruch unterbrochen wurden. Vor Ort berichteten auch unsere Korrespondenten aus Jordanien, Israel und den USA. In Bagdad arbeitet nur noch ein Journalist für westliche Medien. Die Informationen von Peter Arnett (CNN), die von irakischen Behörden kontrolliert werden, geben wir an unsere Hörerinnen und Hörer weiter.

3. Der beste und ausgewiesenste Arabienkenner der Schweiz, der «NZZ»-Journalist Arnold Hottinger, ist seit Jahren ein regelmässiger Mitarbeiter von Radio 24. Zu Beginn des Krieges war er leider nicht erreichbar. Seit seiner Rückkehr nach Zypern berichtet und analysiert er wieder für unsere Hörerinnen und Hörer.

4. Radio 24 informiert immer und ohne Ausnahme mit Quellenangabe.

5. Wie alle anderen Medien haben wir einen Militärexperten zur Analyse der strategischen Kriegssituation beigezogen. Gustav Däniker, der, wie alle anderen Leute seines Fachgebiets, politisch rechts steht. Diskutiert wurden mit Däniker nicht die politischen Hintergründe, sondern allein die militärischen Aspekte.

6. Ausserdem sendeten wir in den letzten Tagen Hintergrundberichte und Analysen mit mehreren Arabien-Spezialisten (Aufzählung im Originaltext). Dies die Fakten zu unserer Berichterstattung.

Noch nie habe ich ein so hasserfülltes Schreiben erhalten, gespickt mit Unterstellungen und Verwünschungen. Deine faschistoide Sprache und Denkweise erschweren es mir, mich in Ruhe mit deinen Äusserungen auseinanderzusetzen… Noch deutlicher wirst du in deinem «WOZ»-Artikel von letzter Woche. Da schreibst du: «In Tel Aviv haben sie alle einen Korrespondenten, und (Radio-24-Korrespondent Charles) Landsmann zum Beispiel kann immerhin Hebräisch und passables Deutsch. Also sehen wir die Sache kontinuierlich aus zionistischer Perspektive, aus arabischer nur punktuell.» Wer Hebräisch spricht und aus Israel berichtet bringt deiner Meinung nach nur die «zionistische Perspektive». Dies sind eine Denkweise und eine Sprache, die aufhorchen lassen. Was willst du mir wirklich sagen, Niklaus? Was kommt wohl als Nächstes über den «ausgemachten Medienspekulanten» Schawinski, der «schon längst kein journalistisches Ehrgefühl mehr hat»? Du, der mir unterstellt, ich hätte «gern Krieg», und unsere Hörerinnen und Hörer als «halbgebildetes, blutgieriges Publikum» beschimpft, verwendest eine kriegerische und verhetzende Sprache, wie sie früher aus Nazideutschland kam und heute im Irak Saddam Husseins üblich ist.

Bisher habe ich dich oft gelesen, weil ich mich an deiner Sprache erfreuen konnte. Doch diesmal, Niklaus, sind sogar deine Frotzeleien sackschwach. Das mit der Piaf und dem Beethoven ist so unoriginell, dass die von dir immer wieder eingesetzte Technik – mit sprachlichen Bildern den Gegner der Lächerlichkeit preiszugeben – nur das Niveau der politischen Analyse des Golfkriegs durch den Instant-Nahostspezialisten Niklaus Meienberg erreicht, der … alles Amerikanische verdammt, um sich auf die Seite des neokolonialistischen Tyrannen von Bagdad zu schlagen …

Wie war das wirklich in jener Nacht vom 17. Januar? (Kurz nach Mitternacht begann der Irakkrieg mit Bombenangriffen auf Bagdad, CNN berichtete live). Da hat ein gewisser Niklaus Meienberg etwa um 2.30 Uhr Radio 24 angerufen, um sich über die hundslausige Berichterstattung des Schweizer Fernsehens auszulassen. Alle Chefs seien abwesend gewesen oder seien zu früh nach Hause gegangen. Diesen Skandal wollte Meienberg direkt dem Schawinski mitteilen, und er hinterliess seine Telefonnummer. Doch Schawinski setzte Prioritäten und kümmerte sich statt um Meienberg um die Situation im Golf …

Hat es dir total ausgehängt, Niklaus? Spinnst du vollständig, seit dich Flavio Cotti an der 700-Jahr-Feier gelobt hat? Hast du so Angst, du könntest Teil des schweizerischen Establishments werden, dass du wieder einmal die Sau rauslassen musst, und dies auf einem Niveau, das schockiert. Oder steckte im brillanten Schreiber Niklaus Meienberg schon immer der miese, kleine Fascho, der nur auf die Gelegenheit gewartet hat, um seinen Hass in einem Stil niederzuschreiben, der sein wirklicher ist?

Roger Schawinski

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(red)



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Kommentare

  • Stefan Theiler, 16.10.2018 13:55 Uhr
    Am 11.9.2018 habe ich die Briefe im Schweizerischen Literaturarchiv der Landesbibliothek gefunden. Exakt 26 Jahre, nachdem der Schweizer Starschreiber in Oerlikon brutal zusammengeschlagen wurde. Herr Schawinski gab mir im Vorfeld die Erlaubnis, die Briefe einzusehen. Es waren auch Kondolenz- und Versöhnungsschreiben dabei. Wichtig ist mir, dass Meienberg den Gründer von Radio 24 im Brief mit dem Wort "Kriegsgurgel" beschimpfte. Roger Schawinski seinerseits beschimpfte in einer TeleZüri-Sendung von diesem Jahr den Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser mit den gleichen Wort. Hier noch die Passagen vom einseitigen Meienberg-Brief, die hier im Artikel rausgestrichen wurden: "Dass eine Kriegsgurgel, die sich ausserdem auch in rein militärischer Hinsicht grotesk verhauen hat mit seinen Kommentaren und Prognosen, nämlich der leider auch militärwissenschaftlich total ungebildete Däniker, bei Euch 3 geschlagene Stunden lang ungehindert und unwidersprochen zu Wort kommt, ist eine ausgemachte Blödheit (er hat nach eigenem Bekunden nicht nicht mal Clausewitz gelesen, wie Du übrigens auch nicht). ... Vielleicht orientierst Du Dich einmal über arabische Kultur, über die Geschichte des Irak, über Kriegsgeschichte, und über eine anständigen politische Moral."

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