27.04.2011

Hommage an den Journalisten Wolf Schneider

Für einen Meister eines Handwerks, das es heute kaum mehr gibt: Journalismus.
Hommage an den Journalisten Wolf Schneider

Hochverehrter Wolf Schneider

Eine Hommage von Helmut-Maria Glogger. Für einen Journalisten, Sprachakrobaten, Autoren, einen Meister eines Handwerks, das es heute kaum mehr gibt: Journalismus.

Es muss sein. Es ist Abend. Müsste eigentlich Etüden auf der Klarinette üben. Um irgendwann mit Ex-Weltwoche-Chef Jürg Ramspeck am Piano doch noch alle drei Sätze von "Schumanns Fantasie" zur Aufführung zu bringen.

Dann die Online-News: Wolf Schneider bekommt für sein journalistisches Lebenswerk den Henri Nannen Preis 2011. Sorry! Da reicht das Klarinetten-Blättchen 2,5 Stärke nicht. Da muss ich einfach schreiben.

Und Ihnen, Herr Schneider, danken. Für die Tage, als Sie bei der Ringier-Journalistenschule unter Fridolin Luchsinger hanseatisch kühl, akribisch-genau, mit köstlichen Schuss Arroganz, gepaart mit erlesenem Zynismus uns Nachhilfe in Sachen Stil, Sprache beiholzten!

Zweimal konnte ich Sie gar als verbalen Mutmacher - na, ehrlich, als Animateur vor dem damals sprachlichen "Titanic"-Untergang - gewinnen. Die damals mutlose Redaktion der Glückspost sprachlich überhaupt aufzubauen. Heute sind Sie 85 Jahre, mit der Dummheit der Journalisten und deren Umgang mit der Sprache, immer noch flirtend. Endlich werden Sie geehrt. Mit dem Henri Nannen Preis 2011.

Für alle, die gerade erst - Semesterferien, Hotel Mama, Feriengeld verdienend - zum Journalismus gestossen sind, um diesen, an sich einst ehrenwerten Beruf, nach wenigen Monaten wieder zu verlassen. Wer war Henri Nannen? Wer ist Wolf Schneider?

Henri Nannen hätte heute nie die Aufnahmeprüfung der nach ihm benannten Journalistenschule in Hamburg bestanden! Wie auch? Nannen war ein Kerl eines Rabauken. Ein Blattmacher aus der Tiefe und Unergründlichkeit seines Bauches heraus. Er war der "stern", der machte den "stern". Nicht den "stern" von heute. Tja, da war der "stern" das Leitmedium. Zusammen mit dem "Spiegel". Bei Nannen standen ein Titelbild voller Frauen dazu: "Ich habe abgetrieben". In einer Zeit, in der nicht abgetrieben wurde! Nannen setzte, machte, war Thema. Nannen heute? Undenkbar!

Und Wolf Schneider? Für Sprache hochbegabt, für Intrigen ein Laie. Also machte Schneider so richtig nie Karriere als Chefredaktor in Deutschen Landen. Er verband sein Ego zu wenig mit den Verdauungsorganen seiner Verleger. Nach Nannens "stern" wurde Schneider 1973 Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt". Nicht lange. Er hatte den Mut einen kritischen Kommentar über den chilenischen Diktator Pinochet erscheinen zu lassen - was den Unmut seines Verlegers Axel Cäsar Springer erregte.

Nebenbei: Wer heute Axel Springer googlet, glaubt seinen Augen nicht! Ein paar unsäglich dürftige Zeilen über den dann doch wichtigsten Verleger der Bundesrepublik Deutschland.

Springer und Schneider. Sie konnten nicht miteinander. Springer war, trotz Neigung zu Astrologie und Weltpolitik im Egotrip, stets ein fairer Bonvivant. Gerade zu Herren, die ihm nicht sofort auf den Leim und in die Eingeweide krochen: Schneider, so erzählte er es mir, ging weiterhin in sein Büro - entmachtet, aber nicht seiner Persönlichkeit von Springer entraubt. Täglich.

Und - na, was macht ein Journalist? Wenn er Journalist ist und dazu über eine gehörige Bildung verfügt? Er schreibt Bücher! Schneider hat stets Bücher gegen den Mainstream geschrieben. Ich weiss, der Satz "Was? Du kommst noch dazu Bücher zu lesen?" ist heute ein Grund, sich tiefschürfend mit dem "Kostenfaktor Journalist" zu beschäftigen. Trotzdem. Es gibt zwei Bücher von Wolf Schneider, die ich allen (auch mir wieder) empfehle: Deutsch für Profis. Goldmann-Verlag und Glück, was ist das? Piper. Kauft es via amazon.de. Und dann zwei völlig andere Bücher. Das erste heisst "Die Sieger" (Piper), das zweite "Grosse Verlierer. Von Goliath bis Gorbatschow (Rowohlt).

Faszinierend Schneiders Grund für diese Bücher. Wir sassen beim Essen, im Steigenberger Bistro. Auf dem Balkon. Vor uns der Zürisee. Die Jalousie kühlend. Schneider ein Glas Féchy? Man behafte mich nicht auf den Wein.

Ich: Warum so kurze Porträts der Sieger?

Er: Ich bin kein junger Mann mehr.

Ich: Das heisst? (oder so ähnlich, sagte ich das wohl).

Er: Bin zu alt für lange Kapitel.

Sowohl "Sieger" wie "Verlierer" hat Wolf Schneider -termin- und Layout-Zeilen-genau geschrieben. Gratulation, verehrter Meister. Und ich verspreche und kämpfe immer wieder neu mit mir: Ich verstecke keine Verben! Tun-Wörter gehören nach vorne. Nur Verben bringen Schwung in - ach, was sage ich: in ihr hoffentlich noch langes Leben. Ein einfacher Lehrmeister waren, sind, bleiben Sie nicht. Danke.

Ihr Helmut-Maria Glogger


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