02.06.2020

Sparmassnahmen im Journalismus

«Ich bedaure, wie sehr wir auf Medienmitteilungen fixiert sind»

Der Schweizer Klub für Wissenschaftsjournalismus (SKWJ) schlägt in einem offenen Brief Alarm. Präsident Martin Amrein spricht im Interview über die Auswirkungen der fehlenden Ressourcen in den Wissen-Ressorts.
Sparmassnahmen im Journalismus: «Ich bedaure, wie sehr wir auf Medienmitteilungen fixiert sind»
Bei Tamedia wird Wissen in das übergeordnete Ressort Leben integriert. Die Redaktion vom Tages-Anzeiger. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)
von Michèle Widmer

Herr Amrein*, der Schweizer Klub für Wissenschaftsjournalismus (SKWJ) hat einen offenen Brief an die Medienhäuser geschickt. Was fordern Sie konkret?
Wir fordern, dass die Medienhäuser der Bedeutung des Wissenschaftsjournalismus und dem öffentlichen Interesse daran Rechnung tragen. Die Corona-Pandemie hat uns allen vor Augen geführt, dass fundierter Wissenschaftsjournalismus systemrelevant ist und auf ein breites Interesse der Leserinnen und Leser stösst. Beides gilt auch für die Zeit vor und nach der Pandemie. Deshalb dürfen die noch verbleibenden Wissenschaftsredaktionen nicht weiter dezimiert oder gar ganz weggestrichen werden.

Welchen Verlagen haben Sie den offenen Brief zukommen lassen?
Der offene Brief richtet sich an alle grösseren Medienhäuser der Schweiz und hat diese auch per E-Mail erreicht.

Welche Reaktion erhoffen Sie sich?
Wir hoffen, dass es im Schweizer Wissenschaftsjournalismus nicht zu einem weiteren Abbau von Stellen und Stellenprozenten kommt. Wünschenswert wäre vielmehr ein Ausbau. Ein solcher steht gerade beim Westschweizer Radio «RTS la 1ère» zur Diskussion. In den letzten vier Jahren gingen dort die Stellenprozente der Wissenschaftsredaktion von 100 Prozent auf 60 Prozent runter. Während der Pandemie wurde die Wissenschaftsredaktion aber verstärkt und kam bis auf 330 Stellenprozente. Nun soll ein Teil der Verstärkung erhalten bleiben.

«Wissenschaftsjournalismus ist viel mehr als nice to have»

Dennoch befürchten Sie weitere Sparmassnahmen in den Wissenschaft-Ressorts. Warum?
In den USA haben grosse Magazine wie «The Atlantic» kürzlich angekündigt, zahlreiche Stellen zu streichen. Es ist davon auszugehen, dass sich auch Entscheidungsträgerinnen und -träger von Schweizer Medienhäusern ähnliche Gedanken machen, zumal in der Coronakrise beträchtliche Teile der Werbeeinnahmen weggebrochen sind. Oft wird in solchen Zeiten in Sparten gespart, die als «nice to have» gelten. Das spürte der Wissenschaftsjournalismus in den vergangenen Jahren stark. Der Punkt, den wir mit dem Brief machen möchten, ist, dass Wissenschaftsjournalismus viel mehr ist als «nice to have».

Was konkret befürchten Sie?
Wir fürchten, dass Stellen abgebaut und Budgets gekürzt werden. Die Wissenschaftsressort sind vielerorts aber bereits so klein, dass weitere Kürzungen es schwierig machen, weiterhin guten, unabhängigen Journalismus zu betreiben.

Die Wissen-Ressorts seien zum Teil die einzigen, welche nicht in Kurzarbeit sind, schreibt der Verband im offenen Brief. Wie beurteilen die Wissenschafftsjournalistinnen und -journalisten diese Situation?
Das zeigt, dass die Personen, die über die Verteilung der Kurzarbeit befunden haben, die Wichtigkeit des Wissenschaftsjournalismus in diesen Zeiten erkannt haben. Ihnen sollte bewusst sein, dass Journalistinnen und Journalisten mit wissenschaftlichem Hintergrund auch nach der Pandemie wichtig bleiben. Es gibt noch viele andere gesellschaftsrelevante Themen mit Wissenschaftsbezug: Mit dem Klimawandel, der Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, der Biotechnologie, 5G oder dem Verlust der Biodiversität kommen noch ganz andere Herausforderungen auf uns zu.

Wie sind die Sparmassnahmen der vergangenen Jahre im Wissenschaftsjournalismus für die Leserinnen und Leser in der aktuellen Krise und generell zu spüren?
Ich bedaure, wie sehr wir Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten mittlerweile auf Medienmitteilungen von Universitäten fixiert sind, die wir vor dem Erscheinen neuer Studien erhalten. Schlicht, weil uns oft die Ressourcen und die Zeit fehlen, eigene Geschichten auszugraben und zu recherchieren. Das führt dazu, dass beim Erscheinen einer neuen Studie, in vielen deutschsprachigen Zeitungen inhaltlich fast identische Artikel dazu zu lesen sind.

«Ich glaube, Investitionen in den Wissenschaftsjournalismus lohnen sich»

Dennoch entstehen immer wieder neue Wissen-Formate – erst kürzlich hat Blick den Podcast «Durchblick» lanciert. Das ist doch positiv.
Gerade dieses Format kam nur dank der finanziellen Unterstützung der Gebert-Rüf-Stiftung zustande, die in der Vergangenheit auch die Wissen-Seiten bei «20 Minuten» oder das Online-Wissenschaftsmagazin higgs.ch gefördert hat. Begrüssenswert wäre jedoch, wenn die Medienhäuser selber solche Projekte finanzieren würden. Ich glaube, Investitionen in den Wissenschaftsjournalismus lohnen sich. Immer wieder zeigen Umfragen, wie beliebt gut gemachte Wissen-Seiten und Wissenschaftssendungen sind.

Immer mehr sind auch andere Ressorts mit Wissenschaftsthemen konfrontiert. Welche Herausforderungen birgt dies?
Um fundierten Wissenschaftsjournalismus zu betreiben, braucht es ein Verständnis, wie Wissenschaft funktioniert. Dabei hilft ein wissenschaftlicher Hintergrund. Es geht nicht nur darum, Forschungsresultate richtig einzuordnen, sondern auch, die richtigen Experten beizuziehen. Bei der Auswahl einer Fachperson sollte nicht die Prominenz, die Eloquenz oder die Verfügbarkeit entscheiden, sondern die Erfahrung und Reputation in einem bestimmten Fachgebiet.

Sie schreiben von einem Missverhältnis zwischen journalistischem Schaffen und PR-Arbeit. Inwiefern ist die Situation hier schwieriger als in anderen Ressorts?
Während Wissenschaftsredaktionen in den vergangenen Jahren immer kleiner wurden oder ganz verschwanden, bauten Universitäten und Forschungsinstitute ihre Kommunikationsstellen massiv aus. Fehlen auf einer Redaktion die wissenschaftsjournalistischen Kompetenzen, werden die Mitteilungen dieser Medienstellen zu unkritisch aufgenommen. Kommt hinzu, dass Forschungseinrichtungen immer mehr über eigene Plattformen und Zeitschriften kommunizieren. Das neueste Beispiel ist «Sciena», ein Portal des ETH-Bereichs für eigene Wissenschaftsnews. Das ist gut und recht, ersetzt aber den unabhängigen Wissenschaftsjournalismus in keiner Weise.

Ganz generell: Was sind die drängendsten Probleme, welche die Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten zurzeit beschäftigen?
Am drängendsten ist wohl jenes Problem, das auch viele andere Journalistinnen und Journalisten beschäftigt: Die Umsätze der Zeitungshäuser gehen stetig zurück. Wir müssen neue Finanzierungswege finden und unsere Nutzerinnen und Nutzer davon überzeugen, für guten Journalismus zu bezahlen.


*Martin Amrein ist seit Herbst Co-Präsident vom Schweizer Klub für Wissenschaftsjournalismus (SKWJ). Er ist Wissenschaftsredaktor bei der NZZ am Sonntag.

Martin Amrein hat die Fragen schriftlich beantwortet.

 



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