23.03.2005

Tom Kummer

"Ich bereue, was ich getan habe"

Nachdem er vor kurzem auch die Berliner Zeitung hinters Licht führte, hat Tom Kummer wohl seine letzte Chance vertan, noch einmal im deutschen Journalismus Fuss zu fassen. Er, der mit seinen erfundenen Star-Interviews ein Kapitel der deutschen Mediengeschichte schrieb, berichtet heute für das weitgehend unbekannte Lifestylemagazin Faces aus Hollywood. Ans Aufgeben denkt Kummer indes nicht. "Bad Guys" seien immer gefragt, sagt er gegenüber "persoenlich.com", zumal in einer Welt, die süchtig nach Trash sei. Das Interview:
Tom Kummer: "Ich bereue, was ich getan habe"

Sie wurden zur Persona Non Grata des deutschen Journalismus erklärt. In welcher Rolle sehen Sie sich eher: als Opfer oder als Täter?

Kummer ist Täter. Klingt gut. Jeder Autor, der im Printjournalismus sein eigenes Sprach- und Glaubenssystem sucht, und dazu radikal subjektiv schreibt, wird von der Branche als Täter, Abzocker oder sonst was diskreditiert. Das ist nun mal so in dieser Szene, und wohl auch nicht anders in der Werbung oder sonstwo. Seit ich mit Zwanzig für deutsche Blätter zu schreiben begann, bin ich Risikien eingegangen, damals Mitte der Achtziger Jahre als die Branche noch blühte und Experimente gefördert wurden. Heute machen im Journalismus alle mehr oder weniger das gleiche. Die Qualität ist hoch, doch der Überaschungsfaktor gleich Null. Nichts unterscheidet grundsätzlich ein Aussenseiterblatt wie Faces vom Spiegel, oder das Böblinger Tagblatt von der Weltwoche oder dem Lufthansa Magazin.

Sie wurden als “Zocker, der geradezu zwanghaft neue Opfer sucht“ dargestellt. Wie weit stimmt dieses Bild?

Was über mich erzählt wird, stammt meistens aus zweiter oder dritter Hand. Wie schon erwähnt: Journalisten, die Neuland erproben und aus der Reihe tanzen, werden von den vorsichtigen Journalisten gerne als Zocker verrufen -- das war schon zu Zeiten des New Journalism von Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe so.

Bereuen Sie, was Sie getan haben?

Ich bereue es sehr. Besonders die menschliche Betroffenheit meiner ehemaligen Kollegen. Der Fall Kummer war ja grundsätzlich ein Fall für die Journalisten-Branche, die Leser hat das nie interessiert. Es stimmt mich schon sehr traurig, dass Ex-Kollegen und Förderer wie Ulf Poschard, Roger Köppel oder einige meiner Freunde beim Spiegel, bei der FAZ oder der Berliner Zeitung, wirklich glauben, von mir reingelegt worden zu sein. Wir standen uns sehr nahe und waren doch grundverschieden. Aber ums Reinlegen ging es nie. Meine Karriere basiert grundsätzlich auf einer grossen Leidenschaft für Texte und konzeptionelle Experimente. Das wussten diese Leute. Besser Schreiben heisst für mich immer näher “dran” sein und für das Erlebte eine aufregende, neue Sprache finden.

Köppel und Poschard sind eher die Karriere-Jungs, die im Redaktionsalltag gross wurden. Ich war zuständig für den Dschungel dort draussen, den Wahnsinn des Alltags. Natürlich ist bei denen in meinem Fall jetzt auch sehr viel gespielte Betroffenheit dabei. Trotzdem ist das nicht schön. Sowas will man ja nicht, seine Brücken abbrennen. Aber was passiert ist, ist passiert. Ich kann es nicht mehr ändern. Wenn ich zum Beispiel als Jude ein Film drehe und alle Juden beleidige und dann Morddrohungen bekomme, dann ist das zwar schlimm, trotzdem würde ich den Film genauso wieder drehen. So geht es mir. Die Süddeutsche, Vogue, der Stern, Tempo, die FAZ, der Spiegel, das Magazin des Tagesanzeigers, die Weltwoche, die NZZ usw. haben über viele Jahre erstklassige Stories von mir gedruckt, über zweihundertfünfzig Reportagen und Essays insgesamt, die beim Leser sehr viel Anklang fanden. Erst in der zweiten Hälfte meiner Karriere entdeckten mich die Chefredakteure als People-Journalist und Hollywood-Interviewer -- und sie wurden süchtig nach meinem Stoff. Das ist alles.

Vor kurzem haben sie in der Berliner Zeitung einen älteren Artikel rezykliert...

Ich kann die Aufregung nicht verstehen. Die Redakteure haben von mir einen fast perfekten Text für ein sehr bescheidenes Honorar erhalten -- ein Remix, der aus zwei älteren Texten neu entworfen wurde: einer Cover-Story Über "Low Rider"-Kultur, die ich für das SZ-Magazin geschrieben habe, und einer Story im NZZ- Wochenende über das Ende des Vorstadttraums in Los Angeles. Zwei erstklassig recherchierte Texte, die zu diesem Thema perfekt passten. Texte werden ständig irgendwo wiederverwertet. Ich finde es idiotisch, zu glauben, man könne ständig originell schreiben. Das Ergebnis ist jedenfalls ein gelungenes Sprachexperiment das der Wirklichkeit sehr nahe kommt. Jedenfalls waren die Reaktionen beim Leser ausgezeichnet. Hier wurde niemand reingelegt.

Glauben Sie, dass Sie noch eine Chance erhalten, für einen bekannteren Titel des deutschsprachigen Raums schreiben zu können?

"Bad Guys" sind gefragt. Es gibt immer wieder Angebote. Gerade in Deutschland hat mein journalistisches Glaubensystem eine solide Fanbasis etabliert. Davon zeugt auch ein Text der gerade in der aktuellen Ausgabe des Medienmagazins COVER erschienen ist. Ich gebe aber gerne zu, dass ich heute mehrheitlich unter Pseudonym arbeite und meine Auftraggeber amerikanische, japanische und brasilianische Blätter sind. Ich schreibe auch kaum noch über Stars, sondern konzentriere mich momentan auf Wirtschaftsreportagen, Kunstessays und Werbetexte. Gerade habe ich einen Spot für ein japanisches Flaschenbier geschrieben, in dem der Texter selbst als Hollywood-Zombie auftritt.

Sie haben mal gesagt: „Du musst die Leute mit dem Scheiss füttern, den Sie wollen.“ Womit wollen Sie nun ihren neuen Arbeitgeber Faces beliefern?

Arbeitgeber würde ich Faces nicht nennen, eher ein Playground für Talente. Wir unterstützen ein Blatt, dem eine grosse Zukunft blüht. Im übrigen füttere ich die Leute mit Trash Royal, Banalitäten des Alltags. Sie gehören mittlerweile zum festen Bestandteil selbst der renommiertesten Blätter. Die Welt ist süchtig nach Trash, also musst du sie füttern. Überzeugen Sie sich selbst: In meiner nächsten Faces-Kolumne verwandle ich mich zum Zombie.

Wie lautet der Auftrag von "Faces" an Sie? Dürfen Sie auch Borderline-Journalismus betreiben?

Keinen Borderline-Journalismus, sondern eine Kolumne mit eindeutiger Wahrheitsebene und überprüfbaren Fakten aus Hollywood. Diese Ebene wird dann durchbrochen mit Surrealem und Attacken auf den Objektivitätswahn und die Printmedien allgemein. Wie immer in meinen Texten sollen nicht bloss die starren Grenzen zwischen Journalismus und Literatur fliessend werden, sondern alles erlaubt sein, was den Lesern eine völlig neue Sicht auf die Wirklichkeit offenbart.

Laut Spiegel waren Sie in den vergangenen Jahren vor allem Tennislehrer. Ist es Ihr Ziel, wieder als Journalist Fuss zu fassen?

Ich bin nicht Tennisleher. Ich spiele seit Jahren in meiner Freizeit Paddle Tennis, eine Kleinfeldversion von Tennis. Es wird in den Beachklubs von Südkalifornien gespielt, neuerdings auch auf den Dächern von Tokios Wolkenkratzern. Der Sport ist am kommen: Sofia Coppola oder Adam von den Beasty Boys spielen Paddle Tennis. Ich bin süchtig nach Paddle Tennis. Ich habe vor einigen Jahren die Doppelmeisterschaft von Südkaliforinien gewonnen und seither bin ich als Sparingpartner sehr gefragt.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder in die Schweiz zurückzukehren?

Klar, warum nicht. Leider finden meine Söhne und meine Frau das Leben hier ganz toll. Jedenfalls ist mein Hollywood-Studium abgeschlossen -- das PR und Marketing-System in der Filmindustrie, im US-Journalismus grundsätzlich, und das System der Agenten und Pressesprecher in Politik, Wirtschaft und Unterhaltung habe ich bis ins Detail studiert und dabei ein ausgezeichnetes Netz an Kontakten geschaffen. Ich glaube, das wären solide Voraussetzungen um nach Europa zurückzukehren. Leider sehe ich brutal mitgenommen aus, angeschossen, erledigt, es ist wirklich traurig. Ich glaube nicht, dass man mich so in die Schweiz reinlässt.


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