SonntagsBlick, Schweizer Illustrierte, Tele24, Gesundheits-Sprechstunde und nun mit Le Matin also noch einmal der Tagesjournalismus. Worin liegt für Sie der Reiz an Ihrem neuen Job?
Ich glaube, es ist eine der spannendsten Aufgaben, die einem Journalisten gestellt werden kann. Le Matin ist der grösste Titel der Westschweiz, erscheint sieben Tage in der Woche, ist proportional zur Bevölkerung gesehen praktisch die grösste Sonntagszeitung der Schweiz. Und solch einen Titel bei seiner Weiterentwicklung begleiten zu dürfen, das sehe ich als eine riesen Chance für mich. Vorallem, weil ich schon immer einer war, der gerne neue Ideen entwickelt hat, gerne gemeinsam mit einer Mannschaft neue Wege gesucht hat.
Bei Le Matin erwartet Sie eine nicht ganz einfache Situation. So musste Chefredaktor Daniel Pillard wegen "andauernden Spannungen in der Redaktion" nach nur 15 Monaten den Hut nehmen...
Journalisten sind nun einmal kritische, oft sehr anspruchsvolle Leute (lacht). Und wenn an einem Konzept gerüttelt wird, dann stösst das jeweils nicht nur auf Gegenliebe. Zum einen hatte ich aber im Vorfeld Kontakt zu den Abgesandten der Redaktion, die alle positiv reagiert haben, zum anderen sollte man nicht glauben, dass eine Redaktion in der Westschweiz so anders ist als eine Deutschschweizer Redaktion. Auch bei Le Matin gibt es junge und alte, kauzige und sehr aufgeschlossene Frauen und Männer. Als Chefredaktor ist man nun einmal der Kritik ausgesetzt, sonst wäre man kein echter Chefredaktor. Als ich damals die Leitung der Schweizer Illustrierten übernahm, erklärten mir 90 Prozent der Redaktion den Krieg. Kurz darauf hatte sich alles wieder in Minne aufgelöst. Wenn man weiss, was man will, wenn man ein gemeinsames Ziel definiert hat, dann bekommt man auch eine normale Zusammenarbeit hin. Le Matin ist nun einmal eine Zeitung mit einer sehr starken Geschichte, mit vielen alten Hasen, die massiv stolz sind auf das, was sie geleistet haben. Und wenn man dann etwas ändern will, dann kann es passieren, das es heftig knallt. So etwas ist wohl das Heikelste, was ein Verlag tun kann. Aber wenn es beim ersten Versuch noch nicht so richtig geklappt hat beim zweiten klappt es ja normalerweise besser (lacht).
Was wollen Sie mittelfristig ändern?
Darüber will ich erst einmal mit der Redaktion resp. dem Verleger reden. Sicherlich werden wir vieles in die Richtung weiter treiben, die bereits eingeschlagen wurde. Sich die Zeit zu nehmen, um wichtige aber auch gut bemessene Schritte in die Wege zu leiten, das ist jetzt das A und O.
Sie haben rund 20 Jahre bei Ringier gearbeitet mit einem kurzen Unterbruch bei Tele24. Konnte man Ihnen hausintern nichts Adäquates anbieten?
Ich war zu Ringier zurückgekehrt, um ein Lifestyle-Magazin zu entwickeln, ein Projekt, das ja bekanntlich im Sommer gestoppt wurde. Ich habe schon immer gerne grosse Aufgaben übernommen, und wenn mir Ringier die nicht bieten kann, dann muss ich sie eben an einem anderen Ort suchen. Mein Leben lang habe ich jedem jungen Journalisten gepredigt, nicht stehenzubleiben, weiterzuziehen, Erfahrungen zu sammeln... 20 Jahre sind eine verrückt lange Zeit, wobei es nie mein Lebensziel gewesen ist, meine Karriere mit einem Chefredaktorenposten in Zürich zu krönen. Als junger Journi hatte ich immer gehofft, in New York Karriere machen zu können... (lacht). Abgesehen davon bleibe ich mit dem Haus weiterhin verbunden dies auch, weil mich mit Michael Ringier eine starke Freundschaft verbindet.
Wird man Sie auch zukünftig bei TeleZüri im "SonnTalk" sehen können?
Genau diese Frage ist mir vor ein paar Minuten von TeleZüri selber gestellt worden. "Selbstverständlich", habe ich darauf geantwortet.
Sie kommen aus Biel, sind zweisprachig aufgewachsen. Wie beurteilen Sie den Röstigraben zwischen der Deutschschweizer und welschen Medienwelt?
Natürlich gibt es gewisse Unterschiede, die ich seit über 30 Jahren beobachte. Ich selber bin ja immer mit einem Bein in der Westschweiz gestanden. U.a. habe ich ja als Welschlandkorrespondent für die damalige Nationalzeitung gearbeitet. In den letzten drei Jahren habe ich für Le Temps eine Kolumne geschrieben, die diese Spannungen, Empfindungen zwischen Zürich und der Westschweiz zum Thema hatte. Abgesehen davon war ich in den letzten paar Jahren viel mehr im Westschweizer Fernsehen und Radio präsent. Ich bin alles andere als ein typischer Deutschschweizer. Wobei es natürlich dennoch ein einmaliger Sonderfall ist, dass ein Deutschschweizer Journalist die grösste Westschweizer Tageszeitung führt...
Sie leben mit Ihrer Familie in der Deutschschweiz. Werden Sie zukünftig pendeln?
Nein, ich bin ein Mensch, der nicht lange ohne seine Familie sein kann. Familie Rothenbühler wird en bloc ins Welschland ziehen, wenn uns auch mit der Einschulung der Kinder noch einige Probleme ins Haus stehen. Ich bin der Meinung, dass ein Journalist nur eine gewisse Sensibilität für sein Produkt entwickeln kann, wenn er auch in der Region wohnt, in der es erscheint.

