10.07.2022

Branchenwechsel

«Ich bin ein glücklicherer Mensch»

Melchior Bruder ist lange Jahre als Videojournalist unterwegs gewesen, arbeitete bei TeleZüri und dem Schweizer Fernsehen. Heute ist er Kindergartenlehrperson. Der 50-Jährige schildert, weshalb er den Journalismus verlassen und im neuen Job die Erfüllung gefunden hat.
Branchenwechsel: «Ich bin ein glücklicherer Mensch»
«Ich suchte nach einer Sinnhaftigkeit in meinem Berufsleben», so Melchior Bruder, Kindergartenlehrperson in der Stadt Zürich. (Bild: Christian Beck)
von Christian Beck

«Du, Herr Bruder», ruft Rozay aus dem Fenster des Kindergartens, als dieser wegen des Fototermins mit persoenlich.com auf dem Spielplatz auftaucht. Der Sechsjährige will Melchior Bruder seine Wunden zeigen. Detailreich und mit glänzenden Augen erzählt Rozay, wie er sich an einem Tag drei Verletzungen zugezogen hat. «Solche und ähnliche Schilderungen höre ich jeden Tag – von 19 verschiedenen Kindern», so Bruder mit einem Lachen.

Melchior Bruder ist Kindergartenlehrperson in einem Stadtzürcher Kindergarten. Er selbst bezeichnet sich als Kindergärtner. Die Kinder nennt er auch so. Bruder erlangte in seiner Jugend das Handelsdiplom und arbeitete bei der Aargauer Zeitung im Inserateverkauf. Danach folgte eine Ausbildung zum Notar, die er aber nicht bestand. Als Quereinsteiger kam er zum Journalismus: Sein Bekannter, der heutige «Tagesschau»-Moderator Florian Inhauser, damals noch bei TeleZüri tätig, motivierte Bruder zu einer Blindbewerbung. Es klappte. Elf Jahre lang war Melchior Bruder Videojournalist und Produzent beim Zürcher Privatsender – mit einem kurzen Abstecher zu Cash TV dazwischen. 2011 wechselte er zu SRF in die interne Unternehmenskommunikation, später dann zurück in den Journalismus zu SRF Sport. Ein «Bubentraum» sei es für ihn gewesen, über Sport zu berichten. Ein Traum, der sich später aber als nicht so traumhaft herausstellte. Bruder war enttäuscht.



Gab diese Enttäuschung den Ausschlag, den Journalismus zu verlassen?
Sicher spielte der Sportjournalismus eine entscheidende Rolle. Das befriedigte mich nicht. Sportjournalismus ist mehr Unterhaltung. Es wird gesendet und gleich danach wieder vergessen. Hinzu kamen die unregelmässigen Arbeitszeiten, auch häufig an den Wochenenden. Ich suchte nach einer Sinnhaftigkeit in meinem Berufsleben.

2016 begannen Sie parallel zu Ihrer Arbeit bei SRF eine Ausbildung zur Kindergartenlehrperson. Warum wollten Sie nicht Primarlehrer werden wie einige andere ehemalige Journalisten?
Ich konnte nichts anderes (lacht). Primarlehrer konnte man nur mit einer Matur im Sack werden, die habe ich nicht. Es war also klar, dass ich «nur» Kindergärtner machen konnte – das ging noch ohne Matura. Das andere ist aber: Ich finde es cool mit so kleinen Kindern. Sie sind neugierig, offen und begeisterungsfähig. Ihnen kann ich einen guten Start in die Schule ermöglichen.

Sie sind jetzt 50 Jahre alt. Brauchten Sie eine gewisse Reife, um sich zu sagen: Kinder betreuen, das kann ich?
Ich wusste nicht, ob ich es kann. Ich komme aus einer Lehrerfamilie: Mein Vater war Lehrer, mein jüngerer Bruder ist Lehrer. Ich weiss auch heute noch nicht, ob ich meinen Job wirklich gut kann. Zweifel sind immer da. Es ist ja nicht messbar. Ich habe niemanden, der mir den Beitrag abnimmt oder den Artikel gegenliest.

Hatten Sie diese Selbstzweifel auch schon im Journalismus?
Nein, da war ich voll überzeugt von meiner Arbeit (lacht laut).

Was ist anstrengender: Ein Tag als Videojournalist bei TeleZüri, als um 18 Uhr der Beitrag on air sein musste, oder ein Tag im Kindergarten?
Ganz klar Chindsgi. Es ist «huere sträng». Aber die Arbeit ist befriedigend. Es gibt sicher jene Tage, an denen man das Gefühl hat, dass es nicht so gut lief. Aber alles in allem ist es ein extrem erfüllender Beruf.



Früher sei er ein Newsjunkie gewesen, habe Nachrichten richtiggehend verschlungen, erzählt Bruder bei einem Gespräch in einem nahegelegenen Café. Vor ihm auf dem Tisch steht eine Tasse Milchkaffee. Heute informiere er sich nur noch als Konsument über das Weltgeschehen. Er sei ein leidenschaftlicher Zeitungsleser, sagt er. Er lese den Tages-Anzeiger und die SonntagsZeitung – auf Papier. Auch die Wochenzeitung Die Zeit konsumiere er – und macht dabei eine ausladende Handbewegung, um das auffallend grosse Format zu illustrieren. Online lese er Watson – das Onlineportal sei unterhaltsam und gut gemacht. Fernsehen schaue er nur noch sehr selten. Ein Fernsehgerät fehlt sogar im Haushalt der Familie Bruder. Wenn, dann werden auf dem Laptop Filme oder Serien geschaut, nur noch selten News.



Was macht den jetzigen Job besser als Journalismus?
Ich bin ein glücklicherer Mensch und bin weniger gestresst. Der Chindsgi ist umfassender als der Journalismus. Beim Fernsehen fand ich zwar das Schnelle cool. Am Abend war der Job erledigt, am nächsten Tag folgte wieder etwas komplett Neues. Das verbrauchte aber viel Energie. Der Kindergarten ist eine Art geschützter Raum. Die Eltern vertrauen mir ihre Kinder an und ich versuche, meinen Job gut zu machen. Ich bin abends auch ziemlich kaputt, aber glücklich.

Geben die Kinder etwas zurück, was man im Journalismus so nicht bekommt?
Es ist eine andere Art von Rückmeldung. Beim Fernsehen hört man hin und wieder mal – nach einem besonders gelungenen Beitrag – ein Kompliment. Im Chindsgi ist es sehr direkt. In dem Moment, wo man etwas macht, merkt man, was es beim Gegenüber auslöst.



Melchior Bruder ist Vater von drei Kindern – einem 25-jährigen Sohn und zwei Töchtern, 11 und 14 Jahre alt. Seine Frau Nicole ist Mitinhaberin und Geschäftsführerin eines Lebensmittelgeschäfts im Zürcher Kreis 6. Sie beide ergänzen sich im Haushalt perfekt. Melchior Bruder ist jeweils der erste der Familie, der aufsteht, um das Frühstück zuzubereiten. Sein Ziel sei es, um 7.30 Uhr im Kindergarten zu sein. Das schaffe er praktisch nie. «Ich will, dass meine Kinder wach sind, wenn ich das Haus verlasse.»

Im Kindergarten treffen die Kinder um 8.15 Uhr ein. Dann hat Bruder keine einzige freie Minute mehr bis am Mittag. Selbst der Gang auf die Toilette sei praktisch unmöglich, so Bruder. Den Kindern erzählt er jeweils Geschichten oder diskutiert auch gerne mit ihnen über ein aktuelles Thema («weil sie oft sehr spannende Ansätze haben»). Er überwacht draussen das Spiel, montiert Pflästerli, kühlt Beulen oder muss bei anderweitigen «Unfällen» auch mal Kleider wechseln.

Bruder arbeitet in einem 80-Prozent-Pensum, montags hat er frei. Zudem sind drei Nachmittage unterrichtsfrei, da bereitet er im Homeoffice seine nächsten Arbeitstage vor. Viele würden den Beruf der Kindergartenlehrperson unterschätzen, hätten das Gefühl, es sei eine Mischung aus Bauklötzen aufbauen und «Oh, du goldigs Sünneli» singen. All diese Menschen würde er gerne einmal einen Tag in den Kindergarten einladen, um den «ganz normalen Wahnsinn» hautnah mitzuerleben. Es gebe «verhaltensoriginelle» Kinder, die einen schon mal an die eigenen Grenzen bringen würden. Aber würden alle Kinder brav die Regeln befolgen, wäre es ja auch langweilig.



Was aus dem Journalismus hilft Ihnen im jetzigen Job?
Bereits im Journalismus war meine Menschenkenntnis hilfreich. Ich kann schnell erfassen, wie jemand tickt. Das hilft sicher auch bei den Kindern, das sind 19 Individuen. Im Tagesjournalismus muss man auch schnell reagieren können, merken, was wirklich wichtig ist. Man muss die Story sehen und nicht sieben Äste weiterverfolgen. Dieses Fokussieren ist auch im Kindergartenalltag von grossem Nutzen.

Haben Sie es nie bereut, diesen Schritt getan und den Journalismus verlassen zu haben?
Nein, nicht einen Tag.

Sie verspüren null Reiz zurückzukehren?
Null.



In der Serie «Branchenwechsel» stellt persoenlich.com Personen vor, die im Journalismus oder in der Werbung gearbeitet und nun ihren angestammten Beruf verlassen haben. Melchior Bruder bildet den Auftakt der Serie.



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