13.09.2012

Tagi

"Ich bin kein Terrorist, sondern Journalist"

Iwan Städler will keine "Mörgeli-Kampagne" fahren.

Herr Städler, wie kam es dazu, dass Sie Christoph Mörgelis wissenschaftliche und museologische Arbeit ausgerechnet jetzt genauer unter die Lupe genommen haben?

Ich bin seit August bei den Reportern des "Tages-Anzeigers". Zuvor war ich Inlandchef. Bei einer mit Mittagessen verbundenen Ressortsitzung in einer Beiz kam das Gespräch auf Christoph Mörgeli, und einer meinte, man müsste doch einmal dessen wissenschaftliche Leistung recherchieren. Weil die Reporter glauben, mit mir einen Rechercheur geerbt zu haben, fasste ich den Auftrag. Darüber war ich zu Beginn mässig begeistert, weil ich als Volkswirtschafter keine Ahnung von Medizingeschichte habe. Aber ich willigte ein, mich "mittelfristig" daran zu machen.

Der Auslöser für Ihre Reportage war also zufällig, besondere Hinweise lagen nicht vor.

Genau, wie das zu Beginn einer journalistischen Recherche oft der Fall ist. Ich beschloss, mit allen Schweizer Inhabern eines medizinhistorischen Lehrstuhls zu sprechen - ebenso mit den Leitern eines medizinhistorischen Museums in Deutschland – in der Schweiz gibt es nur jenes von Christoph Mörgeli. So hoffte ich, am Ende Herrn Mörgelis Leistung beurteilen zu können. Zur Vorbereitung konsultierte ich Christoph Mörgelis private Homepage, um mir ein erstes Bild zu machen. Dort verwies er auf den Akademischen Bericht seines Instituts. Doch der Link führte ins Leere.

War das eine Unachtsamkeit Mörgelis, wie erklären Sie sich diesen Link ins Leere?

Ich dachte an einen technischen Fehler und schaute auf der Website des Instituts nach. Aber auch dort fand ich den Bericht nicht. Da waren zwar alle Ausgaben von 1998 bis 2010 fein säuberlich aufgeführt. Nicht aber jener von 2011 - dies im September 2012. Auf ein E-Mail an Institutsleiter Flurin Condrau antwortete dieser: "Ich habe meinen Akademischen Bericht 2011 fristgerecht abgeliefert. Die Universitätsleitung hat den Bericht bisher jedoch nicht freigegeben." Weiter könne er sich "aus rechlichen Gründen" nicht äussern. Da wusste ich: Du hast in ein Wespennest gestochen. Ab sofort war die Geschichte kein Pflichtauftrag und schon gar nichts Mittelfristiges mehr. Seither habe ich jeden Tag inklusive Sonntag daran gearbeitet.

Haben Sie von Roger Schawinskis öffentlich geäussertem Verdacht auf Mörgelis marginale wissenschaftliche Rolle gewusst?

Ich habe die betreffende Sendung gesehen, aber diese kurze Sequenz offenbar nicht richtig mitgekriegt. "Schawinski" wird ja auch relativ spät ausgestrahlt. Erst nach dem Erscheinen meines ersten Artikels machte mich ein Twitterer darauf aufmerksam.

Am Ende des Dienstag-Artikels teasern Sie "Lesen Sie morgen, wie Fachkollegen Mörgeli wahrnehmen...". Wieso diese Vorgehensweise, die beim Leser den Eindruck erwecken muss, Sie würden eine Kampagne gegen Mörgeli fahren?

Der Grund ist simpel: Ich hatte zu viele Fakten recherchiert. Es machte keinen Sinn, diese auf eine Seite zu pappen. Und mehr als eine Seite aufs Mal wollten wir den Lesern nicht zumuten. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten am Dienstag ahnungslos die Zeitung aufgeschlagen und zwei Seiten über die Wissenschaft von Christoph Mörgeli gelesen. Das hätte Sie erschlagen. Also publizierten wir erst das Brisanteste aus den Berichten sowie die Stellungnahme von Herrn Mörgeli dazu. Gleichzeitig wollten wir aber signalisieren, dass das Bild noch nicht vollständig ist, weil die Beurteilung der Forschung und die Einschätzung der anderen Medizinhistoriker fehlte. Falls dies den Eindruck einer Kampgane bewirkte, bedaure ich dies.

Betreiben Sie "Brotkorbterror" gegen Mörgeli?

Der Begriff stammt von Christoph Mörgeli und bezieht sich meines Wissens nicht auf den "Tages-Anzeiger", sondern auf seine Fachkollegen, die er für links hält. Ich bin kein Terrorist, sondern Journalist. Meine Aufgabe ist das Schaffen von Transparenz. Dafür kriege ich jeden Monat einen Lohn.

In Ihrem Artikel vom Mittwoch zitieren Sie einzig die Fachkollegen Hubert Steinke und Vincent Barras – beide Mörgeli-Kritiker. Wo bleibt da die Ausgewogenheit?

Wie bereits erwähnt, wollte ich mit allen Inhabern eines Medizinhistorischen Lehrstuhls in der Schweiz sprechen. Flurin Condrau wollte nicht, und die beiden anderen heissen nun mal Steinke und Barras. Im übrigen habe ich auch mehr als drei Stunden mit Herrn Mörgeli gesprochen.

Sie twitterten, die Recherche über Mörgeli sei eine Ihrer aufwändigsten bisher. Was ist an der Recherche so aufwändig?

Der Zeitbedarf war riesig. Wer recherchiert, kann am Ende viele Gespräche aus Quellenschutzgründen gar nicht verwerten. Aber sie führen ihn oft ein Stückchen weiter - manchmal sogar um ein entscheidendes Stückchen. Ich glaube, ich habe noch nie so lange an einer einzelnen Geschichte gearbeitet. Dafür ist man ja Reporter beim "Tages-Anzeiger". Ich geniesse dieses Privileg. Als Inlandchef hätte ich niemals die Zeit für eine solche Recherche gefunden.

Knöpfen Sie sich jetzt noch andere Zürcher Uni-Professoren vor, deren Forschung und Publikationen angestaubt sind und nicht mehr heutigen Standards entsprechen?

Warten Sie es ab. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen.

Interview: Benedict Neff


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