Markus Spillmann, Sie verstärken ab Januar die Wirtschaftsberichterstattung (siehe Medienmitteilung). Was bewog Sie zu diesem Schritt?
Mit dem substanziellen Ausbau der Anlage- und KMU-Berichterstattung, der mit einem personellen Aufbau in der Redaktion einhergeht, wollen wir die führende Position der NZZ im Bereich der qualitativ hochwertigen Wirtschafts- und Finanzpublizistik weiter stärken. Mit dem vernetzten Angebot werden wir zusätzliche Themen und Hintergründe beleuchten, Entwicklungen und Trends kommentieren sowie deren Folgen gerade auch für den Werk- und Finanzplatz Schweiz aufzeigen.
Viele Leser wünschten sich mehr kurze Meldungen aus dem KMU-Bereich. Greifen Sie auch wieder vermehrt auf die Chronistenrolle zurück?
Es gibt in der Schweiz sehr viele KMUs. Alle möchten spaltenfüllend erwähnt werden. Das ist nicht machbar für uns. Wir müssen selektiv bleiben und können nicht alle Nachrichten aus den Branchen berücksichtigen. Deshalb suchen wir gleichzeitig nach neuen Wegen. In Zukunft liefern wir einen Mehrwert, indem wir beispielsweise eine Branche speziell ausleuchten oder die Besten eines Bereichs darstellen.
Sie sprechen von einer Wirtschaftsplattform. Was heisst das genau?
Ziel soll sein, schrittweise unsere bestehende Informationsleistung nicht nur weiter auszubauen, sondern im digitalen Raum auch mit Mehrwert zu ergänzen sei es, dass wir spezifischer auf Interessen der Nutzer und Leser eingehen können, sei es, dass wir uns so aufstellen, dass unsere Kunden die für sie relevante Information möglichst orts- und zeitunabhängig beziehen können.
Wie weit ist die Plattform? Hat sie schon einen Namen?
Sie wird laufend ausgebaut. Mehr ist noch nicht spruchreif.
Erst letzte Woche gaben Sie auf persoenlich.com bekannt, dass die NZZ die Konvergenzstrategie umsetzt. Hinken Sie im Digitalen Bereich Tamedia und Ringier nun nicht mehr hinterher?
Ringier baute vor einem Jahr den Newsroom. Das war vor allem baulich ein grosses Vorhaben. Was die Konvergenz angeht, sind sie noch voraus. Tamedia verfolgte eine ganz andere Strategie. Sie zog neben der Printredaktion das Newsnet hoch. Dafür musste sie vor allem im Print dramatische Kostenschnitte vornehmen. Unsere Philosophie ist anders: Wir wollen an erster Stelle die Marke NZZ hochhalten und sie nun aus verschiedenen Kanälen verstärken.
Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien, beklagte sich, das Thema "Online" werde bei der NZZ stiefmütterlich behandelt. Ist er nun zufrieden?
Er darf nicht zufrieden sein, so wie auch ich nie zufrieden sein darf! (Lacht). Im Ernst: Wir können nicht von heute auf morgen alles umdrehen. Das geht nicht. Zudem ist Print immer noch der stützende Pfeiler unseres Unternehmens. Das darf man nicht vergessen. Ich glaube nicht, dass wir die Digitalen Medien stiefmütterlich behandeln, aber vorsichtig. Einige wichtige Schritte sind nun eingeleitet und dank Peter Hogenkamp ist auch im Online-Bereich frischer Wind aufgekommen. Er hat schon viel bewegt, hat viele sehr gute Ideen und er befruchtet die NZZ stark.
Welche Veränderungen sind sonst noch geplant?
Die "Campus"-Linie wird komplett neu aufgesetzt mit entsprechenden gestalterischen Anpassungen. Wir wollen sie noch stärker auf die Studierenden ausrichten und etwas lösen von der Schwere der "NZZ".
Das ist eine geballte Ladung an Änderungen. Wollen Sie damit auch den Vorwurf zum Beispiel des "Schweizer Journalist" in den Wind schlagen, der Ihnen kürzlich noch vorwarf, Sie würden "alte Inhalte bloss neu verpacken" und Sie seien "Mittelmass"?
Leider beginnen Journalisten über Berufskollegen zu gifteln, wenn sie zu wenig Argumente finden. Das ist nicht meine Art.
Auch der NZZ-Verwaltungsratspräsident Konrad Hummler kritisiert im "Tages Anzeiger" durch die Blume, die "NZZ" sei zu wenig frech und PR-Texte würden zu wenig kritisch hinterfragt. Das stört Sie doch schon, oder?
Konrad Hummler ist ein intellektueller Querdenker und eine Bereicherung für dieses Land. Ich bin sehr glücklich, dass er VR-Präsident der NZZ ist. Ich hatte auch nie die Erwartung, dass er sich vom expressiven, pointierten Privatbanker plötzlich zum politischen Eunuchen wandelt, nur weil er dieses Amt inne hat. Er spricht als Konrad Hummler und das sei ihm unbenommen. Ich habe kein Problem damit.
Wie dominant verhält er sich Ihnen gegenüber? Es wird immer wieder spekuliert, er würde redaktionell Druck ausüben.
Sie wollen wissen, ob er mir dreinredet? Ich schaue Ihnen tief in die Augen: NEIN!
Warum empfahlen Sie dann Christoph Blocher als zweiten Zürcher Ständerat?
Ich sagte er sei verkraftbar. Und zweitens schrieb ich später auch, dass er keine Chance hat, weil er sie sich selbst verbaut was sich nun ja bewahrheitet hat. Entscheidender aber und das bleibt mein Credo und jenes der NZZ ist die Frage, wie sich die politischen Gewichte in diesem Land verändern. Das hängt mit Personen zusammen, hätte aber eigentlich auch mit der Diskussion von Inhalten zu tun. Das hat in Zürich praktisch nicht stattgefunden. Ganz allgemein führen wir redaktionsintern vor allen Wahlen und Abstimmungen grosse Diskussionen über die von uns einzunehmende Haltung. Dabei sind wir uns auch nicht immer einig. Es ist dann meine Aufgabe als Chefredaktor, die Haltung zu bestimmen und dafür gerade zu stehen.
Soll die "NZZ" Ihrer Meinung nach mehr nach rechts rutschen?
Wir wollen nicht rechter sein und nicht linker: wenn schon, dann liberaler. Wir bekämpfen die SVP in aller Härte bei einer Minarett- oder einer Ausschaffungsinitiative. Wir sind aber auch für den Hub Zürich und wollen den Flughafen nicht präventiv in einer vernünftigen Weiterentwicklung einschränken, wie das u.a. die GLP in Zürich getan hat.
Aufgefallen ist auch die Berichterstattung über Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Sie raten zu Ihrer Abwahl. Der "Infosperber" wirft Ihnen sogar Kampagnenjournalismus vor. Wollen Sie provozieren?
(Lacht). Unsere Zeitung muss laut Statut von Sonderinteressen unabhängig sein und eine freisinnig-demokratische Grundhaltung haben. Wir betreiben keinen Kampagnenjournalismus, wenn wir aus "Konkordanz-Gründen" infrage stellen, dass eine Kleinstpartei wie die BDP eine Bundesrätin hat.
Wie geht die Bundesratswahl aus?
Ich könnte mir vorstellen, dass Eveline Widmer-Schlumpf im Amt bleibt und die SVP trotzdem zwei Sitze bekommt. Aber vielleicht bleibt auch alles so, wie es ist. Oder aber die CVP fusioniert ja doch noch mit der BDP. Am 14. Dezember wissen wir mehr. Und werden dann auch unsere Meinung dazu äussern.
Nach welchem Prinzip Markus Spillmann sein Team führt, wer sein journalistischer Ziehvater ist und warum seine heimliche Liebe dem Radio gilt, lesen Sie in der Dezember-Ausgabe von "persoenlich"-Heft.

