27.03.2012

"Ich fühle mich nicht als 'Rambo'".

Keine Missen und kein Beni "National", dafür wieder eine Koch-Sendung und andere Experimente: Die Entscheide des SRF-Unterhaltungschefs Christoph Gebel bewegen die Schweizer TV-Gemüter. persoenlich.com hat sich an der Jahresmedienkonferenz vom Dienstagmorgen mit dem ehemaligen Radio-Mann unter anderem über seine schwierigsten Entscheidungen und den Abbau von Erfolgsdruck unterhalten. Das Interview:
"Ich fühle mich nicht als 'Rambo'".

Christoph Gebel, das erste Amstjahr als Unterhaltungschef liegt hinter Ihnen. Ein Jahr voller Entscheidungen. Welches war die schwierigste?

Es gab interne, für die Öffentlichkeit nicht relevante Entscheidungen, die teils schwierig waren. Damit meine ich Personal-Entscheidungen. Was die Öffentlichkeit betrifft, haben wir sehr lange und oft diskutiert, ob wir die Sendung "Benissimo" noch ein Jahr länger im Programm behalten oder nicht. Der Entscheid, die Sendung nicht weiter zu führen, war sicher sehr wichtig, einschneidend und bewegend.

Aber kein Entscheid, den Sie bereuen?

Ich denke nicht. Es ging insbesondere darum abzuwägen, ob man die Sendung jetzt oder in einem Jahr absetzt. Ich war der Meinung, dass 100 plus drei Sendungen stimmiger ist als dann nach 107 aufzuhören. Der Entscheid, dass die Sendung ein Auslaufmodell ist und in nächster Zeit zu einem Ende kommt, war jedoch nicht neu und auch für niemanden mehr eine Überraschung.

Beni Thurnheer war ein nationaler Fernsehstar. Man hätte ihm deshalb gegönnt, dass er seinen Abgang, ähnlich wie Thomas Gottschalk, in einer Sendung mit Pauken und Trompeten selbst hätte verkünden können.

Wir haben diese Variante auch mit Beni diskutiert. Schlussendlich haben wir so kommuniziert, wie es auch das Team wünschte.

Mit ihren Entscheidungen, Formate wie "Benissimo" oder Miss Schweiz Wahl aus dem Programm zu kippen, haben Sie sich den Ruf des "grossen Umkremplers" eingehandelt. Wie gehen Sie damit um?

Diese Entscheidungen fälle ich ja jeweils nicht alleine, sondern mit vielen anderen Personen und in Absprache mit der Geschäftsleitung. Ich kann mit dieser Rolle jedoch relativ gut umgehen. Bei DRS 1 hatte ich eine ähnliche Aufgabe. Lange ist dort gar nichts geschehen und plötzlich hiess es, es brauche nun jemanden, der die Karten neu mischt. Dass es nun wieder an mir gelegen ist, einige Veränderungen vorzunehmen, ist reiner Zufall. Ich fühle mich deshalb nicht als "Rambo".

Waren alle diese Veränderungen nun wirklich nötig?

Man nimmt besser zu Beginn einer Amtszeit wichtige Veränderungen vor. Es geht bei den Entscheidungen auch darum, eine neue Strategie aufzeigen. Das ist auch intern wichtig. Wenn man eine Strategie ankündet, müssen die Leute auch wissen, von was wir da genau sprechen.

Wie sieht die neue Strategie in der Unterhaltung denn genau aus?

Die ganze Programmierung wird extrem flexibel. Wir entwickeln derzeit kein Sendekonzept, das 20 Jahre bestehen soll. Wir planen Sendungen, die vielleicht nur einmal stattfinden, und kurze Staffeln. So gibt es viel mehr Bewegung, auch am Samstag Abend.

Was bezweckt man mit dieser Strategie?

Man nimmt den Erfolgsdruck etwas weg von den neuen Formaten. Das Schlimmste für eine Redaktion wäre jetzt gewesen, eine Nachfolgesendung von "Benissimo" konzipieren zu müssen. Die Leute wären von Beginn weg zum Scheitern verurteilt gewesen. Man kann eine Ikone nicht einfach ersetzen. Schauen Sie was nun passiert mit "Wetten dass…?": Kein Moderator wollte einsteigen, weil niemand in die Fussstapfen von Thomas Gottschalk steigen kann. Wir setzten deshalb auf neue Ideen. Wenn sich eine Sendung beim Publikum etabliert und sich als stimmig erweist, kann man dann je nachdem mehr daraus machen.

Besteht nicht die Gefahr, mit zu viel einmaligen Sendungen und Versuchskaninchen insgesamt an Kontur zu verlieren?

Das neue Programm wird eine Mischung aus Neu und Alt. Mit "Happy Day" und "The Voice of Switzerland" haben wir im nächsten Jahr zwei grosse Schwerpunkte, die man kennt. Im Sommer haben wir mit "SF bide Lüt live" ein bewährtes Format im Programm. Dazwischen testen wir neue Ideen und Sendungen. Damit gehen wir einen etwas anderen Weg als bisher, wo Anfang Jahr bereits das ganze Jahresprogramm feststand. Dieser flexiblere Weg entspricht jedoch mehr dem Zeitgeist.

Ein weiterer Schwerpunkt wird im Sommer der Bereich Comedy erhalten. Warum dieser Schritt?

Der Faktor Comedy ist bei SRF im Radio-Bereich schon sehr stark verankert. Als ich meine neue Position antrat, habe ich bemerkt, dass man im TV mit demselben Potenzial noch nicht dasselbe herausholt. Comedy ist erstens ein wunderbarer Teil des Service Public und zweitens beste Unterhaltung. Mit Giacobbo/Müller haben wir zwar einen grossartigen Schwerpunkt, im Sommer gab es jedoch eine Lücke. Mit den neuen Comedyformaten wollen wir diese optimal füllen und langfristig erhoffen wir uns natürlich, dass sich daraus das eine oder andere Talent so entwickelt, dass irgendwann auch eine Ablösung stattfinden könnte.

Weiter kündeten Sie in verschiedenen Interviews an, neue Gesichter vorzustellen. Heute an der Medienkonferenz war von Michel Gammentaler und Nicolas Senn die Rede.

Genau. Weiter wird das Vorabend-Quiz "Weniger ist mehr" von einem neuen Gesicht moderiert werden und mit Kiki Mäder als neue "Happy Day"-Aussenmoderatorin kommt ebenfalls frischer Wind auf die TV-Bildschirme. Jede Gelegenheit die wir haben, um jemanden neu zu programmieren, nutzen wir. Was wir natürlich nicht können, ist ein neues Gesicht direkt in eine Prime-Time-Samstag-Abendshow zu hieven. Dort sind die bewährten Kräfte im Einsatz.

Interview: Corinne Bauer.


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