28.10.2020

Serie zum Coronavirus

«Ich gehöre nicht zu den Alarmisten»

Blick-Chefredaktor Christian Dorer hat dem Bundesrat Passivität vorgeworfen. In der Folge 129 unserer Coronaserie fordert Dorer, der Bundesrat solle nun endlich die Vorschläge seiner Taskforce umsetzen.
Serie zum Coronavirus: «Ich gehöre nicht zu den Alarmisten»
«Handeln! Sie! Jetzt!», forderte Christian Dorer am Wochenende. (Bild: Blick/Shane Wilkinson)
von Matthias Ackeret
Herr Dorer, welche Auswirkungen hat die verschärfte Coronasituation auf Ihre Redaktion?
Der Newsroom ist leer wie nie. Wir machen noch konsequenter Homeoffice als im Frühling. Denn wegen der rekordhohen Fallzahlen ist es rein statistisch sehr gut möglich, dass Mitarbeitende wegen Kontakts mit einem Corona-Infizierten in Quarantäne müssen oder sich selbst anstecken. So sind wir gewappnet.

Und auf Ihren persönlichen Alltag?
Ein Déjà-Vu: Fast alle externen Termine abgesagt, ein ausgestorbener Newsroom, viel Videokonferenzen. Mühsam, aber unumgänglich.

Sie haben am Samstag Bundesrat Berset Passivität im Umgang mit den steigenden Fallzahlen vorgeworfen. Gab es aus Bundesbern Reaktionen darauf?
Sehr viele Reaktionen von überall, selbst die SRF-Radionachrichten zitierten den Kommentar und unsere Frontschlagzeile «Worauf warten Sie noch, Herr Berset?». Es gab sehr viel Zustimmung: Selbst Wirtschaftsführer, die bei Einschränkungen zurückhaltend sind, vermissen jetzt eine klare Ansage des Bundesrats. Ein Beispiel: WEF-Gründer Klaus Schwab hat mir am Sonntag vorgerechnet, wie viele Fälle die Schweiz hätte, wenn es so weitergeht, und geschrieben: «Die jetzige Lethargie hat mich aufgewühlt!»

Nun fordert Bundesrat Berset auch Maskenpflicht draussen. Glauben Sie, dass dies auch eine Folge Ihres Kommentars ist?
Das weiss ich nicht. Wobei ich nicht verstehen würde, wenn Bundesrat Berset zuerst lange überhaupt nichts unternimmt und jetzt bei dieser Frage über die Empfehlungen seiner wissenschaftlichen Task-Force hinausgehen würde. Die Schweizerinnen und Schweizer brauchen keine erzieherischen, sondern wirksame und nachvollziehbare Massnahmen. Diese aber schnell!

Was müsste der Bundesrat in der jetzigen Situation machen?
Die Vorschläge seiner eigenen wissenschaftlichen Task-Force umsetzen – nicht mehr und nicht weniger. Die vorgeschlagenen Regeln sind sinnvoll, weil sie gleichzeitig die Fallzahlen senken und einen zweiten Lockdown verhindern wollen. Solange die Fallzahlen innerhalb der Schweiz unterschiedlich waren, machte es Sinn, dass in Genf andere Regeln galten als in Appenzell. Inzwischen aber ist die ganze Schweiz zum Corona-Hotspot in Europa geworden. Im Frühling hat der Bundesrat das Land umsichtig durch die Krise geführt. Und jetzt? Nichts zu spüren von Leadership!

Nun geistert auch der Begriff «Mini-Lockdown» durch die Medien. Wäre dies das adäquate Mittel?
Ich finde den Begriff «Slowdown» passender: die Fallzahlen ohne Stillstand, aber mit Einschränkungen runterzubringen. Ich gehöre nicht zu den Alarmisten unter den Journalisten, und unsere Linie beim Blick war von Beginn weg klar: Wir informieren rasch, klar und sachlich, aber wir schüren keine Panik. Jetzt aber wundere ich mich über den Unterschied zum März: Damals waren viele Menschen vorsichtig, gar verschüchtert. Jetzt, wo die Situation viel ernster ist, sind nach wie vor viele völlig unbekümmert. Dabei ist es eine einfache Rechnung: Wenn sich das Virus weiter exponentiell weiterverbreitet, kann bald nicht mehr jeder Patient optimal versorgt werden.

Wenn Sie die Klickzahlen der einzelnen Beiträge verfolgen: Was interessiert ausser Corona sonst noch?
Im Moment dominiert Corona alles. Von den Top Ten der meistgelesenen Artikel der vergangenen Woche ging es nur bei einem einzigen um etwas anderes: «So wurde ich Chefkoch von Roger Federer.»

Der Blick erhebt den Anspruch, am Puls der Schweiz zu sein. Spüren Sie unter Ihren Leserinnen und Lesern eine erhöhte Anspannung?
Die Leserinnen und Leser sind gespaltener als im Frühjahr. Wir registrieren mittlerweile mehr Gehässigkeiten oder extreme Meinungen auf beiden Seiten. Manche User monieren, dass sie das Vertrauen in Bund und Medien verloren haben. Manche plädieren für knallharte Massnahmen, weil ihnen die jetzigen Regeln viel zu lasch sind. Andere halten diese bereits für übertrieben und Covid-19 für Hysterie.

Bekommen Sie momentan viele Zuschriften?
Seit März erhalten wir monatlich stets mehr als 200’000 Diskussionsbeiträge, zuvor waren wir bei rund 140’000. Aktuell spüren wir erneut einen Anstieg, insbesondere, wenn neue Massnahmen bekannt werden. Wir bewegen uns bei 8000 bis 10’000 Zuschriften täglich auf Blick.ch.

Und in welche Richtung gehen diese?
Die Blick-Community ist kritischer geworden und streitet, ob die Covid-Massnahmen zu lasch oder zu strikt sind.

Sie sind zusammen mit Ihrem Kollegen Patrik Müller, Chefredaktor bei CH Media, Co-Programmleiter des SwissMediaForums. Findet dieses statt?
Ja, das SwissMediaForum wird am 5. und 6. November stattfinden, allerdings in einer Hybrid-Variante mit dem Grossteil virtuell und im ganz kleinen Rahmen vor Ort. Die Details sind Verwaltungsrat und Programmkommission am Erarbeiten.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Der Hallwilerseelauf, mein erster Halbmarathon, den ich am 10. Oktober zusammen mit Arbeits- und Joggingkollege Max Buder recht spontan absolviert habe. Ich war beeindruckt von der coronakonformen Organisation des Laufs. Lange vor der Krise hatte ich für dieses Datum eine Reise im Orientexpress von Venedig nach London gebucht und jetzt festgestellt: Dieses Erlebnis in der Region, wo ich aufgewachsen bin, war das viel bessere.


Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.


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Kommentare

  • Thomas Sterchi, 29.10.2020 15:16 Uhr
    Meint der Mann das ernst? Was/wer ist denn alarmistisch und macht auf Panik, wenn nicht "Blick"?
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