05.12.2014

Tages-Anzeiger

"Ich habe den besten Beruf, den es gibt"

Anfänge sind sein tägliches Geschäft: Wer keinen ersten Satz hinbekomme, schaffe keinen zweiten. Auf jeden fertigen Text folge der Anfang eines nächsten. Jean-Martin Büttner liebt Neustarts. Nun hat der langjährige Tagi-Journalist ein Buch über Anfänge veröffentlicht. Im Gespräch mit persoenlich.com kritisiert der 55-jährige Büttner, dass beim Tagi die Onliner weniger verdienen als Print-Journalisten. Viele seiner Kollegen gingen, weil ihre Arbeit zu wenig geschätzt werde. Er selber sei jedoch in einer komfortablen Situation.
Tages-Anzeiger: "Ich habe den besten Beruf, den es gibt"

Herr Büttner, Sie sitzen hier im Café, haben aber weder zitternde Hände noch atmen Sie schwer: Wie nervös waren Sie vor diesem Interview?
(Lacht) Jetzt bin ich überhaupt nicht nervös. Das ist jedoch keine Respektlosigkeit Ihnen gegenüber, ich freute mich einfach auf dieses Gespräch. Schön, dass ich mich für einmal zurücklehnen und die andere Rolle spielen kann, denn normalerweise bin ich ja der Interviewer, der fragt.

Im Buch schildern Sie, wie Sie vor eigenen Interviews jeweils Tage im Voraus nervös sind.
Das bin ich normalerweise auch. Wenn ich bekannte Schauspieler oder Musiker interviewe – Mick Jagger zum Beispiel – bin ich immer nervös. Einmal traf ich Hans Magnus Enzensberger in London zum Gespräch. Obwohl ich vorbereitet war, hatte ich enormen Respekt, denn Enzensberger ist hochgebildet und eine starke Persönlichkeit. Vor dem Gespräch lief ich im Nebenzimmer umher und muss beim Treffen kreidenweiss ausgesehen haben. Ich stellte mich vor als Journalist aus Zürich. Enzensberger schaute mich an und fragte: "Sie sind nur wegen mir hierher gekommen?" Das werde ich nie vergessen.

"Anfänge" heisst der Titel Ihres Buches. Sie weisen aber schon im Vorwort darauf hin, dass das Konzept nicht ganz aufgegangen ist.
Genau. Weil ich wusste, dass nicht alle Texte nur von Anfängen handeln, habe ich den Untertitel "Und so weiter" dazugesetzt. Zuerst wollte ich eine Sammlung mit lauter Anfangsgeschichten machen. Dann aber realisierte ich, dass das einerseits zu monoton geworden wäre. Andererseits wäre es schade gewesen, auf gewisse Fortsetzungen zu verzichten, die ich interessant fand.

Zum Beispiel?
Als Journalist fasziniert mich das Charisma als Phänomen. Als ich den Dalai Lama zum ersten Mal an einer Veranstaltung sah, war ich erstaunt. Er hat grosses Charisma, aber mich wunderte, wie banal seine Aussagen waren. Trotzdem reagierten die Leute im Saal verzückt. Das wollte ich unbedingt im Buch aufnehmen, auch wenn der Text mit einem Anfang nur das zu tun hat, dass ich ihm erstmals begegnete.

Als Journalist sind Sie eher der Sprinter. Was war das Längste, das Sie je hinbekamen?
Meine Dissertation: 700 Seiten über Rockmusik und Psychoanalyse. Daran arbeitete ich – zwar nicht am Stück, aber immer wieder – rund sechs Jahre lang. Vor kurzem musste ich etwas Längeres fürs "Magazin" schreiben. Dabei realisierte ich: 16'000 Zeichen sind für mich schon sehr schwer. Ausserdem mag ich kurze Texte. Sie zwingen den Autor zur Verknappung.

Immer wieder neu anzufangen, kann auch sehr ermüdend sein.
Ich warte noch immer darauf, einmal gelangweilt, ermüdet, desinteressiert zu sein. Doch seit 30 Jahren ist dieser Zustand nicht eingetroffen.

Sie sehen die Zukunft des Journalismus nicht so düster, wie viele Berufskollegen. Woher diese Haltung?
Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich in einer sehr komfortablen Situation bin. Es war ein Glück, dass ich in den Achtzigerjahren begann, als es weder das Internet noch das Handy gab und der Tagi eine der bestimmenden Tageszeitungen war. Wir hatten seitenweise Inserate, Journalisten waren gefragt. Ich fing also zur richtigen Zeit an. Ich begann als Freier, machte das Volontariat, arbeitete im Inland und in der Kultur, redigierte, produzierte und schrieb, ging nach Genf, wechselte ins Bundeshaus, kam dann wieder zurück nach Zürich und bin jetzt im Team der Reporter. Hier kann ich noch immer unter idealen Bedingungen arbeiten, das erklärt meine Zuversicht. Ich mache meine Arbeit sehr gerne. Gleichzeitig bin ich mir sehr bewusst, wie schwer es viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben. Die Freien zum Beispiel, die Jungen, manche beim Online.

Was meinen Sie?
Ich finde zum Beispiel es indiskutabel, dass Onlinejournalisten schlechter bezahlt werden als Printjournalisten. Das ist in keiner Weise gerechtfertigt.

Wie viel weniger verdienen die Onliner?
Ich habe Lohnlisten bei uns gesehen. Auf Details will ich nicht eingehen, denn ich habe die genauen Beträge und somit auch die Grössenordnung der Unterschiede nicht im Kopf.

Nach 30 Jahren beim Tagi: Haben Sie sich – als Liebhaber von Anfängen – auch schon überlegt, beruflich einen Neustart zu wagen?
Warum sollte ich einen neuen Beruf suchen? Ich habe schon den besten, den es gibt. Ausserdem fühle ich mich sehr wohl, denn ich arbeite in einem grossartigen Ressort und habe wunderbare Kollegen und Kolleginnen auf der Redaktion. Der Tagi ist die Zeitung, die zu mir passt.

Viele Ihrer Kollegen sehen das anders. Sie machen sich selbstständig, wechseln zur "Basler Zeitung", zur WoZ oder gar zur SP.
Das ist eine sehr beunruhigende Entwicklung. Verlag und Chefredaktion müssten sehr ernst nehmen, dass so viele gute Leute kündigen. So viele gewichtige Abgänge gab es schon lange nicht mehr. Auch unter Roger de Weck als Chefredaktor gingen viele gute Leute, die von ihm enttäuscht waren. Doch die momentane Entwicklung ist alarmierend. Der Tagi bietet zwar noch immer bessere Arbeitsbedingungen als andere, kleinere Zeitungen. Trotzdem gehen viele, weil sie sich nicht ernstgenommen fühlen, weil ihre Arbeit zu wenig geschätzt wird.

Darum kündigen sie?
Viele arbeiten extrem viel und leiden darunter, dass dermassen gespart wird. Sie können diese Art von Journalismus, der daraus resultiert, nicht mehr verantworten. Ich halte diese Enttäuschung für ein schlechtes Zeichen.

Welche Rolle haben Sie beim Tagi?
Ich bin bei den Reportern und dem Ressort angeschlossen, das sich um Analysen, Meinung und Hintergründe kümmert. Als Reporter schreibe ich zudem fürs Inland, für die Kultur und anderes, etwa das Wissen.

Also eine Edelfeder?
(Seufzt) Ich hatte gehofft, dass Sie das Wort nicht gebrauchen würden. Denn was impliziert es? Leute, die blasiert herumstehen und ein wenig mit dem Federkiel kritzeln?

Sie reagieren gar heftig. Warum?
Der Begriff ist eine Beschimpfung, die sich als Kompliment tarnt. Edelfeder, das impliziert eine Form von Luxusverhalten, das mir völlig fremd ist. Ich bin mir niemals zu schade, zum Beispiel etwas für die "Kehrseite" zu schreiben. Umgekehrt bin ich dem Verlag und der Chefredaktion sehr dankbar, dass sie mich beim Buchschreiben mit einem Förderpreis und auch sonst sehr unterstützten .

Warum ist "Ground Zero" der richtige Text, um am Anfang eines Buches über Anfänge zu stehen?
Weil er zeigt, worum es mir geht: Der Text ist eine Sprachkritik. Darum dreht sich bei mir vieles. Ich habe mich in meiner Arbeit immer wieder mit der Wirkung von Sprache auseinandergesetzt. "Ground Zero" handelt davon, wie Begriffe besetzt werden, um eine Realität zu schaffen. Wie eine Niederlage in einen Neuanfang umgedeutet wird.

Der 1. Januar als "internationaler Gedenktag der Anfänge" sozusagen, muss bei Ihnen einen besonderen Stellenwert haben. Wie feiern Sie?
Nun, ich habe zu Ehren des Anfangs keinen Altar aufgestellt oder so… (lacht). Aber klar: Der erste Januar ist einer meiner Lieblingstage. Mir gefällt einfach die Vorstellung, dass im neuen Jahr alles anders werden könnte. Ich liebe Vorsätze, selbst wenn sie nicht eingehalten werden.

Ist eigentlich der Anfang wichtiger als der Schluss?
Beim Schreiben ist der Anfang, also der erste Satz, sicher wichtig, weil man ohne ihn nicht weiterschreiben kann. Doch die Tatsache, dass ich gerade gestern mit einem Kollegen darüber diskutierte, ob es legitim ist, einen Text mit einem Zitat abzuschliessen oder nicht, beweist, dass auch das Ende sehr wichtig ist.

Interview: Nicolas Brütsch und Edith Hollenstein, Bild: zVg

 


"Anfänge. Und so weiter" ist im Echtzeitverlag erschienen. Jean-Martin Büttner beschreibt den Zauber und die Qual von Anfängen, eine Abfolge loser Texte. Am Dienstag, 9. Dezember findet die Vernissage im Kaufleuten in Zürich statt. Röbi Koller wird mit Jean-Martin Büttner über Anfänge diskutieren.


 

 



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