22.08.2013

Tages-Anzeiger

"Ich habe die Onlineschulung noch nicht gemacht"

Seit Montag arbeitet die "Tages-Anzeiger"-Redaktion vollständig konvergent. Bei der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen am Donnerstag machte CEO Christoph Tonini auf die dadurch gewonnene Effizienzsteigerung aufmerksam und wies darauf hin, dass sich die Paywall auf den Newsportalen verzögern wird. Wie ist die Konvergenz tatsächlich angelaufen? persoenlich.com hat bei Res Strehle nachgefragt. Im Interview erklärt der Tagi-Chefredaktor, wie das Projekt rund um die Frauendelegation vorankommt und wann die Bezahlschranke genau eingeführt werden wird.
Tages-Anzeiger: "Ich habe die Onlineschulung noch nicht gemacht"

Herr Strehle, seit dieser Woche arbeitet die "Tages-Anzeiger"-Redaktion offiziell konvergent. Wie sind die ersten Redaktionssitzungen verlaufen? Was ist anders als noch am letzten Freitag?
Wir sind eine deutlich grössere Runde und müssen uns auf die grossen Themen beschränken. Aber es lief gut an, wir lernen voneinander.

In den letzten Monaten fanden Konvergenz-Trainingslager statt. Einige der ehemaligen Printleute sind noch nicht im Webbereich geschult worden. Wie ist der Stand?
Aus jedem Ressort sind ein, zwei Printleute daran, sich das Wissen und technische Knowhow für den Onlinejournalismus anzueignen. Eine gute Erfahrung, früher nannte man das "Job Enrichment“.

Wie schätzen Sie das ein: Kann jeder Newsjournalist auch längere, investigativ recherchierte Geschichten schreiben?
Nein, am Newsdesk kann er das nicht. Da sitzen Allrounder, die im hohen Tempo auf der Kurzstrecke unterwegs sind. Ich habe grosse Hochachtung vor diesem Arbeitsrhythmus und der Themenvielfalt, die diese Kollegen bewältigen. Die Tagesreporter in den Ressorts sollen floaten können, das bedeutet, dass sie zwischendurch auch an längeren, investigativ recherchierten Geschichten sind.

Auf Tagesanzeiger.ch las man bis heute oft Paraphrasierungen aus Sonntags- und Wochenzeitungen. Wird sich dies nun ändern?
Wenn am Sonntag die wichtigsten Themen aus den Sonntagszeitungen aufgegriffen werden und dabei die Quellen angegeben werden, ist das eine nützliche Dienstleistung für den Leser. Da habe ich nichts dagegen und auch die zitierten Sonntagstitel werden nichts dagegen haben. Denn wer es genauer wissen will, wird die ganze Geschichte dort nachlesen.

Die Redaktionsarbeit wird neu nach Tempi organisiert. Am schnellsten soll das Newsdesk arbeiten. Wer ist in diesem Team? Auch ehemalige Printler?
Das sind mehrheitlich jüngere Kolleginnen und Kollegen unter der Leitung von Marc Brupbacher. Einige von ihnen haben auch Printerfahrung.

Was für ein Feedback haben Sie erhalten? 
Im Newsroom herrscht eine gute Stimmung mit hoher Aufmerksamkeit für die Aktualität. Wir sind froh, jetzt ein gemeinsames pulsierendes Zentrum zu haben. Aufpassen müssen wir, dass nicht die gesamte Redaktion in grosse Hektik verfällt. Es muss genügend Zeit bleiben auch für Themen in langsameren Rhythmen und höherer Wertschöpfung.

Wie haben Sie sich persönlich bereits mit dem Online-Journalismus auseinander gesetzt? Was hat Sie am meisten überrascht bei Ihrer eigenen Onlineschulung?
Ich habe die Onlineschulung noch nicht gemacht, weil ich nicht als Tagesreporter tätig bin. Mich haben aber am Journalismus für digitale Medien stets drei Dinge fasziniert: Tempo, Multimedialität und Zweiwegkommunikation. Diese Faszination hat noch zugenommen, seit ich täglich damit zu tun habe.

Sind alle räumlichen Wechsel vollzogen?
Ende Monat werden wir aufgrund der ersten Erfahrungen im Newsroom noch ein paar Tische verschieben, danach sitzen wir optimal.

Seit April setzt sich eine Frauendelegation rund um Simone Meier für mehr Frauen (genau 30 Prozent in 3 Jahren) in der Tagi-Redaktion ein. Hat sich dank der Konvergenz hinsichtlich der Zielsetzung schon etwas verändert?
Wir haben in diesem Bereich offenkundig Nachholbedarf und werden nun bei jeder offenen Stelle zuerst mal schauen, ob dafür eine Kollegin in Frage kommt. Wir werden aber keinen männlichen Bewerber diskriminieren: Wenn einer der beste Kandidat für eine offene Stelle ist, werden wir ihn auch künftig anstellen.

Wie kommt dieses Projekt voran? Was für Neueinstellungen wurden seither konkret vorgenommen?
Der Prozess ist bis jetzt gut angelaufen, das Vertrauen zwischen Chefredaktion und Frauendelegation ist gewachsen und wir haben für die vier bis fünf offenen Stellen mehrheitlich gute Optionen für eine weibliche Besetzung. Eine Anstellung haben wir bereits getätigt: Simone Schmid wird vom Wissenschaftsressort der "NZZ am Sonntag" zu unserem Rechercheteam wechseln.

Im Tagi vom Montag erklärten Sie, dass sich mit der Neuorganisation vorderhand für die Leser nicht viel ändere. Wann und wie werden die Veränderungen sichtbar?
Anfang 2014. Man wird dann der Zeitung ansehen, dass sie Teil eines grösseren Angebots auf allen Kanälen ist. Und auf den digitalen Kanälen alle Beiträge der integrierten Redaktion finden. Gleichzeitig planen wir, auf allen Kanälen etwas hochwertiger zu werden, ohne an Lesernähe zu verlieren,

Als möglicher Zeitpunkt für die angekündigte Paywall wurde Dezember genannt. Wie weit ist man mit diesem Projekt?
Das Projekt ist insgesamt gut unterwegs. Allerdings müssen dabei komplexe IT-Prozesse angepasst und teilweise neue Softwarekomponenten programmiert werden. Deshalb wird der Starttermin auf Anfang 2014 verschoben. Es gilt dasselbe wie im Journalismus: Tempo darf nicht auf Kosten höherer Risiken gehen. Wenn wir starten, müssen die Leser sicher sein, dass es funktioniert.

Der Tagi kostet heute werktags 3.50 Franken. Wie lange noch? Erst gerade haben die deutschen Zeitschriften "Spiegel“ und "Cicero“ deutlich aufgeschlagen.
Wie andere Zeitungen auch haben wir die Kiosk-Preise in der Vergangenheit verschiedentlich angehoben. Für 2014 wurden die Preise noch nicht festgelegt, die Kioskpreise werden sich angesichts der rückläufigen Werbevolumen aber tendenziell weiter nach oben bewegen müssen. Wir sind überzeugt, dass der "Tages-Anzeiger" diesen Preis wert ist. 

Interview: Corinne Bauer


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