29.08.2012

"Ich habe eine relativ tiefe Betriebstemperatur"

Am Donnerstagabend wird im Leutschenbach auf 20 Jahre "SF Meteo" angestossen. Genau solange ist auch Meteorologe Thomas Bucheli bei der legendären Wettersendung mit dabei und hält die Zuschauer über aktuelle Hochs und Tiefs, Sonne und Regen auf dem Laufenden. Mit persoenlich.com spricht der Moderator über technische Fortschritte, Botschaften von Muotathaler Ameisen und Blitze auf dem "Meteo"-Dach. Das Interview:
"Ich habe eine relativ tiefe Betriebstemperatur"

Herr Bucheli, Gratulation zu 20 Jahren Meteo. Hätten Sie gedacht, dass Sie diesen Job solange machen werden?

(lacht). Dass ich nach 20 Jahren immer noch vor der Kamera stehe, hätte ich nie gedacht. Schon bald wusste ich aber, dass ich mich unternehmerisch weiter entwickeln will. Dass mir dies gelungen ist, macht mich besonders stolz.

Wie sieht der Alltag eines "SF-Meteo"-Meteorologen aus? Was machen Sie in der Zeit, wenn wir Sie nicht am Fernsehen sehen?

Mein Tag besteht eigentlich aus zwei Teilen. Erstens habe ich die ganze Redaktion unter mir. Dies bringt viel administrative und redaktionelle Arbeit mit sich. Zweitens ist da die eigentliche meteorologische Arbeit. Unsere sogenannten "Frühdienst-Meteorologen“ beginnen schon um vier Uhr morgens.

Haben Sie manchmal auch Frühdienst?

Nur noch im Notfall. Ich habe früher oft Frühdienst gemacht. Inzwischen beginnt meine "Meteo"-Schicht etwa um eins. In einem ersten Schritt arbeite ich mich dann erst einmal ins Wetter ein. Dann studiere ich die verschiedenen Modelle. In einem nächsten Schritt tauschen wir uns im Team aus und vergleichen unsere physikalischen Berechnungen und Prognosen. Es gibt verschiedene Berechnungs-Modelle und Interpretationsmöglichkeiten, da entstehen teils sehr engagierte Diskussionen über die unterschiedlichen Lösungsvorschläge. Es gilt dann herauszufinden, welches die wahrscheinlichste Wetter-Entwicklung ist. Danach kommt die Feinarbeit.

Warum ist die Schweiz für einen Meteorologen ein spannendes Pflaster?

Dank den Alpen gibt es in der Schweiz viele verschiedene Wetterlagen. Allein schon mit der Alpennord- und Alpensüdseite haben wir zwei total unterschiedliche Klimagebiete. Daneben gibt es inneralpin zusätzliche Detailregionen, die es speziell zu beachten gilt.

Hätte es Sie nie gereizt, einmal zum Beispiel in einem tropischeren Gebiet, wo ab und zu eine Hurricane-Warnung ausgesprochen werden muss, zu arbeiten?

Ein Hurricane ist ein Hurricane. Die verfolgen wir natürlich auch. Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung für eine gewisse Zeit in England und Holland gearbeitet. Alles in allem muss ich aber sagen, dass die Schweiz uns wettertechnisch sehr viele spannende Herausforderungen bringt. Ich bin deshalb sehr gerne Meteorologe in der Schweiz.

Sind Wetterprognosen in den letzten 20 Jahren genauer geworden?

Und wie. Wir haben unglaubliche Fortschritte gemacht: Heute können wir das Wetter der nächsten drei Tage gleich präzise voraussagen wie vor 20 Jahren nur den nächsten Tag. Die Qualität der Modelle, Computer- und Satellitenleistungen ist massiv besser geworden. Die Zuschauer nehmen vermutlich nur intuitiv wahr, dass sie sich viel mehr auf die Prognosen verlassen können. Nach wie vor ist es allerdings nicht möglich, jedes Detail der Atmosphäre zu berechnen. Es gibt noch Unsicherheiten und daher Forschungspotenzial.

Ein Grossteil des Fortschritts und der Präzision einer Prognose liegt also an der Entwicklung der Technik. Was macht denn einen guten Meteorologen aus?

Ein guter Meteorologe kennt einerseits die Modelle sehr gut und kann einschätzen, welches Modell bei welcher Wetterlage am besten passt. Andererseits braucht man eine gewisse Erfahrung, um einen gewissen Lösungsvorschlag auf eine spezifische Region herunter zu brechen und richtig zu interpretieren.

Was halten Sie von den Methoden der Muotathaler Wetterfrösche?

(lacht) Ich bin auch Passivmitglied im Verein der Muotathaler Wetterfrösche. Es ist aber eindeutig Folklore, das muss man ganz klar sehen. Mir ist noch nie ein Molekül begegnet, das mir verraten hat, was in sechs Monaten bei uns passiert. Das gibt es nicht. Ich bezweifle sehr, dass ein Ameisi im Muotathal solche Botschaften überbringen kann. Das ist – mit Verlaub – ziemlich Mumpitz.

Meteo ist seit Jahren die meistbeachtete Sendung des Schweizer Fernsehens. Worauf führen Sie dies zurück?

Weil wir verdammt gut sind (lacht). Nein, es ist zum einen eine sehr gute Sendezeit, das muss man schon berücksichtigen. Zum anderen ist die Sendung sicher attraktiv gestaltet: Nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz. Nebst dem wissenschaftlichen Teil, versuchen wir gewisse Fragen zu klären und auch Emotionen hineinzubringen. Man darf nicht vergessen, dass das Wetter etwas Emotionales und auch subjektiv Empfundenes ist.

Seit 10 Jahren senden Sie vom Dach des Leutschenbach. Hand aufs Herz, wenn es jeweils stürmt oder in Strömen regnet: Haben Sie noch nie bereut, dass Sie dieses Konzept eingeführt haben?

Nein, es ist ja nur circa eine Viertelstunde, die wir da oben stehen. Es gibt Personen, die müssen den ganzen Tag im Freien arbeiten, egal ob es schneit, regnet oder stürmt. Ich glaube, da entgeht mir jegliche Berechtigung, mir nur schon zu überlegen, ob es mir heute Spass macht, für 15 Minuten im Regen stehen zu müssen.

Gab es schon brenzlige Situationen?

Wir sind auf dem Dach sehr exponiert und insbesondere relativ ungeschützt vor Blitzen. Es gab schon einige Situationen, wo die Moderatoren und Kameraleute froh waren, als sie wieder sicher drinnen angekommen sind.

Können Sie eigentlich auch einmal das Wetter einfach geniessen oder analysieren Sie auch in den Ferien dauernd irgendetwas i. S. einer Berufskrankheit?

Das kann man sich als Laie jetzt vielleicht nur schwer vorstellen, aber als Meteorologe hat man wirklich immer das Bild in allen drei Dimensionen, was in der Atmosphäre gerade abläuft. Wenn ich also irgendwo am Strand liege und dünne Schleierwolken aufziehen, hoffe ich, dass ich dann schon im Vornherein gewusst habe, dass dort Warmluft hingeschoben wird. Ich denke, alle Meteorologen, oder zumindest diejenigen, von denen ich etwas halte, sind eigentlich dauernd in einer Art "Wetterkarten-Denken". Ich finde deshalb auch hochspannend, in einer anderen Klimaregion Wetterphänomene zu beobachten.

Sie reisen also gerne?

Ich reise sogar sehr gerne. Ich mache ja auch wissenschaftliche Reisebegleitungen bei "background tours". Vor Ort versuche ich den Reiseteilnehmern dabei die Geheimnisse und Hintergründe des Klimas und des Wetters zu erläutern.

Bei welchem Wetter ist Ihre Laune am besten?

Ich habe eine relativ tiefe Betriebstemperatur, es darf nicht zu heiss sein. Am wohlsten ist mir bei 10 bis 18 Grad.

Wie bekommt Ihnen Dauerregen?

Ich habe eigentlich gar kein Problem mit grauen Tagen, geniesse solche sogar. Ich bin im Seetal aufgewachsen, eine Gegend mit viel Nebel, von daher bin ich mir das auch gewohnt. Ich bin aber natürlich auch einem schönen Sonnenuntergang nicht abgeneigt.

Geben die Leute Ihnen manchmal persönlich die Schuld für schlechtes Wetter?

Den Spruch "Schauen Sie, dass am Wochenende das Wetter gut wird" höre ich natürlich oft. Manchmal merken wir zudem am Tonfall in den Mails ins Studio, dass die Leute unzufrieden sind mit dem Wetter. Eine typische Periode ist dafür der Juni, der eigentliche Übergang vom Frühling zum Sommer. Wenn es da jeweils nicht schlagartig schön und warm wird, können wir eigentlich nichts mehr recht machen. Man merkt in den Mails, dass die Leute nun genug haben vom Winter und „uliedig“ werden.

Hat Ihnen schon mal jemand Geld angeboten, damit Sie eine gute Wetterprognose verkünden?

Geld nicht. Aber teilweise hat die Tourismusbranche tatsächlich schon versucht, an unsere angebliche Mitverantwortung am Brutto-Sozialprodukt zu appelieren und uns ans Herz zu legen, im Zweifelsfalle doch eher einmal eine schönere Prognose abzugeben. Solche Dinge kommen natürlich nicht in Frage. Das birgt auch Gefahren: Denken Sie an Bergsteiger oder Gleitschirmflieger, die aufgrund einer falschen Prognose unterwegs sind.

Was wünschen Sie sich zum 20. Geburtstag von Meteo?

Ich wünsche mir, dass wir auch weiterhin die Erwartungen des Publikums erfüllen können. Deshalb ist mir auch der rege Austausch mit unseren Zuschauern sehr wichtig. Wir haben schon manche Anpassungen auf Anregung des Publikums vorgenommen.

Interview: Corinne Bauer


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