13.06.2013

BZ Bernerzeitung

"Ich hoffe, dass ich noch lange gut leben und arbeiten kann"

Interview zum Rücktritt von Chefredaktor Michael Hug.
BZ Bernerzeitung: "Ich hoffe, dass ich noch lange gut leben und arbeiten kann"
Michael Hug gibt die Chefredaktion der "BZ Berner Zeitung" auf Ende 2013 ab - aus gesundheitlichen Gründen. Im Frühling diagnostizierten die Ärzte bei ihm Multiple Sklerose. Da er wegen der unheilbaren Krankheit teilweise nicht mehr bei vollen Kräften ist, entschied er sich, die Verantwortung für die 150 Mitarbeitenden der BZ-Redaktion abzugeben. Gerne wäre er noch länger geblieben. Im Interview spricht der 49-Jährige über sein Selbstverständnis als Chefredaktor, die Renditevorgaben von Tamedia und über seine Zukunftspläne.
 

Herr Hug, Sie treten aus gesundheitlichen Gründen zurück. Warum haben Sie sich für diesen Schritt entschieden?
Der Grund für meinen Rücktritt liegt darin, dass bei mir im Frühling MS, also Multiple Sklerose, diagnostiziert wurde. Über den Verlauf diese Krankheit ist wenig bekannt, doch man weiss, dass sich Stress negativ auswirkt. Deshalb habe ich entschieden, nach dieser Diagnose in meinem Leben die Prioritäten anders zu setzen. Die Verantwortung über die BZ-Redaktion, die derzeit etwa 150 Leute umfasst, will ich abgeben. So reduziert sich meine berufliche Belastung. Ich bin das auch der Redaktion schuldig, denn diese benötigt einen Chefredaktor, der zu 100 Prozent leistungsfähig ist.

Kam die Diagnose im Frühling sehr plötzlich oder hat sich die Krankheit seit längerem bemerkbar gemacht?
Ich spürte plötzlich in den Händen, Füssen und am Leib Taubheitsgefühle. Dies liess ich dann im Spital abklären. So fand man heraus, dass es sich um MS handelt. Diese Diagnose kam für mich sehr unerwartet.

Fühlen Sie sich jetzt bereits beeinträchtigt durch die Krankheit?
MS kann nicht geheilt werden, doch medikamentös lässt sich diese Krankheit recht gut stabilisieren. Diese Phase ist jetzt im Gang und ich hoffe, dass ich auch mit MS noch lange gut leben und arbeiten kann. Damit dies möglich ist, will ich jetzt beruflich kürzer treten. Früher dachte ich immer, ich sei extrem stressresistent. Doch jetzt, da ich zeitweise nicht mehr bei vollen Kräften war, habe ich gesehen, dass mir die Verantwortung auch zusetzen kann.

Sie sind seit 2006 Chefredaktor der "Berner Zeitung BZ". Wie merkte man der Zeitung Ihre Handschrift an, sprich: Wie haben Sie das Blatt geprägt?
Ursprünglich war die BZ eine klassische Komplettzeitung, wie die meisten Regionalzeitungen. Wir boten alles: angefangen beim Ausland, über Sport, Lifestyle, Lebensberatung. Gleichzeitig sanken die Erträge, bis wir schliesslich auch bei Bleistiften oder Veranstaltungskalendern sparten. Statt weiter alles auszudünnen, haben wir uns auf das Wesentliche fokussiert; also auf Regionaljournalismus und auf Sport. Im Auslandteil machten wir Abstriche und im Inland setzten wir auf einen bern-spezifischen Fokus.

Was ist Ihnen besonders gut gelungen?
Im Zuge einer umfassenden Redaktionsreorganisation haben wir Führungsfunktionen neu definiert, Hierarchien anders ausgerichtet und arbeiten nun in grösseren, schlagkräftigeren Teams zusammen. Wir sind heute sehr gut aufgestellt – auch was die konvergente Arbeitsweise betrifft. Und aus Lesersicht zeigen wir, dass man Regionalberichterstattung auf hohem Niveau betreiben kann: Mit Eigenrecherchen und Analysen ebenso wie bei aktuellen Ereignissen, bei denen wir online unsere Kraft ausspielen.

Wie Sie über Ihre Verdienste sprechen, zeigt, dass Sie Ihre Rolle als Chefredaktor nicht primär über publizistische Präsenz definieren, sondern vielmehr über organisatorische Einwirkung.
Das kann man schon so sagen. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die jeden Tag auf den Miststock steigen, um zu markieren, dass sie auch noch da sind. Dafür ist mein Gockelfaktor zu gering. Mir ist wichtiger, dass die Zeitung als Ganzes gut ist und die Leute, die sie lesen, das Gefühl haben, sie sei ihren Preis auch wert. Wichtig ist mir auch, dass die Redaktion selbstbewusst und stark ist, dass sie ihre Zukunft aus Eigeninitiative gestaltet und sich nicht von Sparzwängen in die permanente Defensive treiben lässt. Deshalb braucht sie auch betriebswirtschaftliches Know-how, damit sie Buchhaltern, Beratern und Managern die Stirn bieten kann.

In Online-Kommentaren wird Ihnen nachgesagt, Sie betrieben übertriebenes Staatsbashing. Woher kommt Ihre deutlich verwaltungs- und staatskritische Haltung?
Ich halte es für eine journalistische Pflicht, den Mehrheiten in den Regierungen kritisch auf die Finger zu schauen und dem staatlichen Expansionsdrang kritisch gegenüber zu stehen. Es stimmt, dass ich nicht viele Leitartikel geschrieben habe, doch wenn ich mich äusserte, dann meist pointiert und explizit. Als Chefredaktor vertrete ich eine bürgerliche Haltung, obwohl dies aufgrund der politischen Verhältnisse in Bern fürs Geschäft nicht nur positiv war. Aber es ist klar, dass es dafür nicht nur Applaus gibt.

Von "Thesenjournalismus à la 'Weltwoche'" ist die Rede.
Ja, das sind dann die besonders Beleidigten, die sich so äussern. Meiner Meinung nach muss eine Zeitung ein Profil haben, wenn sie ernst genommen werden will. Es ist mir wichtig, dass wir eine erkennbare Grundhaltung vertreten, die man teilen kann oder nicht. Ich habe auch immer alle Kommentare der BZ gelesen, bevor sie veröffentlicht wurden.

Wenn Sie auf Ihre gesamte bisherige journalistische Laufbahn zurück blicken: Gibt es etwas, was Ihnen misslungen ist?
(lacht). Ja, das gibt es. Meine berühmteste berufliche Fehlleistung war wahrscheinlich die Geschichte über angebliche Bordellbesuche von Kaspar Villiger in meiner Zeit beim früheren Nachrichtenmagazin Facts.

Was genau werfen Sie sich vor?
Dieser Text hätte so nie publiziert werden dürfen, das war ein Fehler.

Die BZ gehört seit 2007 zu Tamedia. Welchen Stellenwert hat die Zeitung innerhalb des Konzerns?
Nach einer turbulenten Integrationsphase haben wir heute eine starke Stellung innerhalb des Unternehmens. Das seinerzeit von unserem grossartigen Verleger Charles von Graffenried initiierte Berner Modell mit BZ und Bund als eigenständigen Titeln mit gemeinsamer Verlagsinfrastruktur funktioniert mittlerweile hervorragend. Durch die Profilschärfung bei der BZ und die enge Kooperation des Bund mit dem Tages-Anzeiger haben die Berner die Wahl zwischen zwei sehr unterschiedlichen Bezahlzeitungen. Zurzeit prüfen wir in Kooperation mit den Zürcher Regionalzeitungen eine Ausdehnung des Modells auf den Grossraum Zürich, für den es ebenfalls eine Belebung des publizistischen Angebots bedeuten dürfte. Allein das zeigt, dass die BZ bei Tamedia eine wichtige Rolle spielen kann und will.

Die Renditeerwartungen von mindestens 15 Prozent werden immer wieder stark kritisiert. Wie spüren Sie diese Vorgaben?
Klar spüren wir diese Vorgaben. Wir mussten sie ja erfüllen – was wir auch geschafft haben. Ich bin auch der Meinung, dass sich guter Journalismus nicht allein nach wirtschaftlichen Kennzahlen richten kann. Aber grundsätzlich stehe ich voll hinter dieser Strategie: Wollen wir Bezahlzeitungen unabhängig bleiben, müssen wir uns bewegen und unsere Zukunft selbst gestalten. Das Bild von der renditegetriebenen Tamedia ist mir etwas zu einfach gestrickt. Die Erträge fliessen ja nicht einfach in die Taschen der Aktionäre, sondern sie werden reinvestiert in neue Geschäfte. Verleger, die mit wenig zufrieden sind, haben entsprechend weniger Gestaltungsmöglichkeiten. Mir ist es lieber, in einem Medienunternehmen zu arbeiten, das Zukunftsperspektiven anvisiert, als in einem, das sagt: "So lange es noch reicht, machen wir weiter wie bisher."

Um diese Rendite zu erreichen, mussten Sie unangenehme Entscheide fällen: Sparmassnahmen durchsetzen, Mitarbeiter entlassen.
Ja, das musste ich. Ich versuchte, solche Veränderungen frühzeitig zu erkennen und vorausschauend zu handeln. Wer nicht zu lange wartet, kann auch schwierige Prozesse oft mit Anstand bewältigen.

Im Online-Bereich arbeitet die BZ eng mit dem Newsnet/tagesanzeiger.ch zusammen. Wie zufrieden sind Sie mit dieser Kooperation?
Grundsätzlich ist das eine erfolgreiche Zusammenarbeit, die uns online deutlich vorangebracht hat. Aber durch die zunehmende Differenzierung unter den beteiligten Zeitungstiteln gibt es auch inhaltliche Differenzen, die wir beheben müssen. Für uns äussert sich das Problem darin, dass wir online auf bernerzeitung.ch immer wieder eine andere Haltung vertreten als in der gedruckten Zeitung. Das passiert dann, wenn Meinungsbeiträge aus der zentralen Newsnet-Redaktion beim Tages-Anzeiger direkt in unser Portal eingespiesen werden. Das müssen wir angehen, damit das Profil und die Glaubwürdigkeit der Zeitungstitel nicht beschädigt wird

Wann kam das vor? Können Sie ein Beispiel machen?
Es gibt viele Beispiele von der Hildebrand-Affäre bis zur Eurokrise. Bei der Euro-Schuldenkrise schrieben profilierte Newsnet/tagesanzeiger.ch-Autoren Kommentare in denen Sie eine stärkere Vergemeinschaftung der Schulden im gesamten Euroraum befürworteten. Wir von der BZ vertreten genau das Gegenteil. Mit der ganzen Konvergenz-Entwicklung beim Tages-Anzeiger wird sich diese Diskrepanz noch akzentuieren. Aber wir bleiben dran.

In diesem Gespräch wirken Sie sehr ruhig und gelassen, obwohl wir über bewegende Themen wie Ihre Krankheit und die verantwortungsvolle, intensive Zeit bei der BZ sprechen.
Ich wirke wahrscheinlich gefasster, als ich bin. Auch bei der Hinreise zu diesem Interview habe ich festgestellt, dass mich der Abschied stärker aufwühlt als ich es mir eingestehe. Ich wäre gerne noch länger Chefredaktor geblieben, denn nach der siebenjährigen Aufbauphase entspricht die BZ nun meinen Vorstellungen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, etwas geleistet zu haben und eine gute Zeitung weitergeben zu können. Das macht es einfacher.

Wollen Sie weiterhin publizistisch tätig sein?
Ja, ich bin Journalist. Wenn ich künftig wieder mehr journalistisch tätig sein kann, freut mich das. Ob das bei der BZ oder bei einem anderen Titel der Fall ist, ist noch offen.

 


Michael Hug ist seit 2006 Chefredaktor der "Berner Zeitung BZ". Davor war er Chefredaktor des "Solothurner Tagblatt" und Redaktor beim Nachrichtenmagazin "Facts". Hug hat drei erwachsene Kinder, ist geschieden und lebt in einer festen Partnerschaft. Die "BZ Berner Zeitung" leitete er seit Januar 2006, anfangs zusammen mit Markus Eisenhut. 

Interview: Edith Hollenstein

 


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören